Die Verlockung des Wassers

Autor Anonym
01.09.2012
 
Die Verlockung des Wassers
Der kleine Karl liebte das ‚Steckelespiel‘, bei dem man ein Stöckchen ins Wasser werfen und mit den Händen so lange kleine Wellen schlagen muss, bis das Hölzchen zu einem zurückschwimmt. Da sich für dieses Spiel ruhige Gewässer am besten eignen und es auf dem Vigiljoch davon keine große Auswahl gab, stahl sich der kleine Pawigler öfters ins Schwimmbad des Berghotels Vigiljoch. Die Eltern hatten es zwar strengstens verboten, denn erstens war das Schwimmbad den Gästen des Hotels vorbehalten, die dort nach elterlicher Auffassung ‚obszön‘ in Badehose und Bikini verkehrten, und zweitens konnten die Kinder gar nicht schwimmen. Doch Karl, der damals vier Jahre alt war und damit seiner Meinung nach groß genug, um selbst Entscheidungen zu treffen, ließ sich von Verboten nicht aufhalten und so begab er sich eines Tages gemeinsam mit seiner Schwester wieder zum hoteleigenen Pool. Wie immer legte sich Karl bäuchlings auf den Beckenrand, warf Stöckchen ins Wasser und paddelte mit den Fingern, um sie zu sich zurückschwimmen zu lassen. Weil es so gut lief, wagte Karl mit jedem Erfolg einen etwas weiteren Wurf, wurde zusehends mutiger und beugte sich immer ein Stückchen weiter vor, damit er das Holzstück ja erwischte – bis er ins Wasser fiel. In heller Aufregung rannte seine Schwester herbei, der wild um sich schlagende Karl steckte glücklicherweise immer wieder kurz seinen Kopf aus dem Wasser, sodass ihm seine Schwester mit Armbewegungen vorzeigen konnte – theoretisch schien sie das Brustschwimmen zu beherrschen – wie er in Richtung Beckenrand zu paddeln hätte, was mehr schlecht als recht gelang, aber genügte, damit sie ihn an den Haaren aus dem Schwimmbad herausfischen konnte. Daheim musste sich Karl dann in der Stube zur Strafe auf die Bank stellen und einiges an Predigten und ‚Tachteln‘ über sich ergehen lassen – aus Freude und Dankbarkeit dafür, dass er nicht ertrunken war…

Die Ausrichtung der Hotels unmittelbar neben der Bergstation der Vigiljocher Seilbahn war stets eine gehobene. Vom ersten, mit Rosenthal-Geschirr und Silberbesteck bestückten Restaurant bis zum vigilius mountain resort. Schließlich galt das Vigiljoch lange Zeit als noble alpine Dependance zur nahen Kurstadt Meran, da es die erste Seilbahn des Burggrafenamtes vorweisen konnte. So gab es auch zu jeder Zeit Bewunderer, die durch Fenster und über Zäune gern das feine Leben im Hotel bestaunten. Die größte Attraktion war zu allen Zeiten natürlich das Schwimmbad, nicht nur für die Hotelgäste ... und keinesfalls waren es nur sorglose Lausbuben und übermütige Jugendliche, die der Reiz des Verbotenen zu fröhlich plätschernden Abenteuern verführte!

Jener Abend muss ein besonders lustiger gewesen sein, der Abend, an dem die betuchten Vigiljocher Villenbesitzer ihre Courage unter Beweis stellen wollten – Mut kann man schließlich nicht kaufen – und sich in die noblen Hotelgewässer stahlen. Wenn man sich schon was traut, dann ordentlich, schienen die sich gedacht zu haben, und so lautete die Mutprobe „nächtliches Nacktbaden im verbotenen Pool“. Einmal über den Zaun geklettert, ließen sie die Hüllen fallen und stürzten sich jauchzend ins blubbernde Nass. Ihre Freude am Baden – lag es am kristallklaren Vigiljocher Quellwasser oder an anderen Flüssigkeiten, mit denen sie möglicherweise vorher in Kontakt gekommen waren – konnten sie jedenfalls schwer verheimlichen. Aufgeschreckt von ungewöhnlichen Geräuschen, eilte deshalb der Nachtportier des Hotels zum Pool, wo er nur mehr die flüchtenden Hinterteile der splitternackten Villenbewohner zu Gesicht bekam. Im Gebüsch fand er dann ihre Kleider, hob sie auf und brachte sie in die Hotelrezeption zur weiteren Verwahrung. Dort liegen sie – Mut kann man schließlich nicht kaufen – wohl bis zum heutigen Tag.
 
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