Die Vorahnung

Giacomo Sartori
19.01.2014
 
Die Vorahnung
Ilio war im Begriff, auf seinen Skiern einen beinahe senkrechten Steilhang hinunterzufahren, als Lucilla auf ihn aufmerksam wurde, im fernen Jahr neunzehnhundertachtundsiebzig. Schon bei der zweiten, kniffligen Kurve wurde ihr klar, dass er ihr Mann werden würde: ein kleiner roter Punkt im blendenden Weiß der Eisrinne, aber für sie war er bereits ihr Mann. Spielerisch nahm er dieses unglaubliche Gefälle, wo jeder andere sich nicht mal hätte auf den Beinen halten können, und sie hatte den Eindruck, er tue es für sie. In ihrer Vorstellung riskierte er sein Leben, um zu ihr zu gelangen, um in ihr Dasein einzudringen. Ihr Traum war eindeutig gewesen: Sie war die Belohnung für dieses schier unmögliche Unterfangen, für seinen Kampf gegen das Blau des Himmels. Noch kannten sie sich gar nicht, da waren sie schon für immer aneinander gebunden.
Aller Augen waren auf ihn gerichtet, alle hielten den Atem an: Zu hören war nur das permanente Knattern des Hubschraubers, aus dem gefilmt wurde. Es schien unmöglich, dass er nicht stürzen würde. Bei jeder Kurve erwartete man, dass er das Gleichgewicht verlieren und an dem Felsen am Fuß des Hangs zerschellen würde. Jetzt, da seine Muskeln sich gelockert hatten, wedelte er stattdessen mit einer Wendigkeit, die Grazie und Leichtigkeit verriet. Die winzigen Lawinen, die sich in jeder Kurve lösten, hätten größer werden und ihn in einer der nächsten Schleifen überwältigen können. Doch er fuhr weiter abwärts, leicht und elegant, schutzlos und entschlossen zugleich: wie ein Schmetterling an einem windigen Tag. Es tat ihr leid, sich nicht die Haare gewaschen zu haben, nicht so schön zu sein, wie sie es hätte sein können. Doch sie wusste, dass sie trotzdem ein Paar werden würden.
Alle hielten den Atem an, als sie sahen, wie er mit dem Tod tanzte. Doch ihre Angst war noch größer als die der anderen, da dies der Mensch war, auf den sie seit ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus gewartet hatte, und ihr Leben inzwischen von ihm abhing. Er gehörte ihr, und sie durfte ihn nicht verlieren. Er durfte jetzt nicht stürzen, er musste leben. Für sich selbst, aber auch für sie.
Sie war stolz darauf, dass ihr Mann – in ihrer Vorstellung nicht einer der besten Extremskifahrer überhaupt, sondern: ihr Mann – derart mutig und geschickt war. Aber sie wusste auch, dass es nicht nur um das Können und die Selbstbeherrschung ging: Diese total verrückte Tour konnte er nur dank seiner phänomenalen Intuition bewältigen, dank seiner unglaublichen Geisteskraft. Sie spürte diese ungeheure Energie, diese außergewöhnliche Kraft, die ihn in die Lage versetzte, diese Herausforderung an den Grenzen des physikalisch Möglichen zu bestehen. Und sie hatte das klare Empfinden, dass er sich an noch unmöglicheren Unternehmungen versuchen könne und es gewiss auch tun werde. So wie auch sie ihre Grenzen erweitern würde, nun, da sie geheilt war.
Sie wusste, dass er an seinen Schläfen den Druck der gierigen Blicke der Zuschauer spürte, in der Lunge den starken Magnetismus all der Menschen empfand, die ihre Aufmerksamkeit auf ihn konzentrierten. Diese Neugierigen fürchteten die Gefahr und erlebten gleichzeitig ihren Kitzel, denn sie riskierten nichts, und sie ahnten nicht, was kommen würde. Sie hingegen spürte einen stechenden Schmerz in der Kehle und hatte das Gefühl, gleich durchzudrehen. Sie ahnte, dass er stürzen würde.

Ilio setzt seine disziplinierten und vorsichtigen Zickzack-Bewegungen gleich denen einer jagenden Katze fort. Er stürzt nicht, zerschellt nicht. Er fährt weiter den Hang hinunter. Ab und zu zögert er kurz oder lässt sich ein paar Meter seitlich abrutschen, es gelingt ihm aber stets, in dem winzigen Spielraum, den der Steilhang ihm zugesteht, sein Gleichgewicht zu finden. Ein paar Zentimeter weiter, und er würde kopfüber ins Bodenlose stürzen, ein paar Millimeter näher an der Eiswand, und seine Skier würden ihren prekären Halt verlieren. Er ist jetzt näher, sie kann ihn besser sehen. Wie ein rotes Komma ist er gegen die schneeweiße Narbe gepresst, die den Berg spaltet, die nicht enden wollende Rinne, den berüchtigten Eiskanal. Ein scharlachroter kleiner Stift, der seine Kringel auf das noch makellose Blatt aus Schaumkristallen zeichnet.
Vielleicht schafft er es, sagt sie sich. Vielleicht war es keine Vorahnung, sondern nur eine Interferenz aufgrund der unglaublichen Anziehung, die sie empfindet. Vielleicht passiert ihm nichts.
Genau in dem Moment verliert Ilio den Halt seines Talskis, und nach zwei wilden Purzelbäumen rutscht er kopfüber bergab. Immer schneller schießt er abwärts wie ein Fallschirmspringer, dessen Schirm sich nicht geöffnet hat. Er bewegt die Arme nicht, löst den Pickel nicht, den er um die Hüfte gebunden hat. Nichts tut er, um seinen Fall ins Bodenlose abzubremsen. Wie ein Pfeil schießt er jetzt abwärts, ein roter Pfeil.
Es ist aus, denkt sie. Es ist aus, bevor es überhaupt angefangen hat. Gleich wird sein Kopf gegen den Felsen prallen. Leider hat sie sich nicht getäuscht, jetzt ist nichts mehr zu machen. Es ist ihr nicht gelungen, ihn zu retten. Sie spürt, wie ihre Beine nachgeben.
Doch Ilio kann sich um seine eigene Achse drehen und die Skier talwärts bringen: im Nu hat er sich wieder aufgerichtet. Ohne aus dem Gleichgewicht zu geraten, hat er es geschafft, den heftigen Aufprall der Kanten auf dem abschüssigen Eis abzudämpfen und gleichzeitig den Halt nicht zu verlieren. Eine unglaubliche Pirouette aus der Hüfte heraus: eine Art Salto mortale. Er ist wieder auf den Beinen und fährt weiter.
Er ist benommen, das sieht man, aber er bleibt nicht stehen. Er fängt sich wieder, indem er langsam diagonal abgleitet und sich dabei von den Skiern tragen lässt. Er versucht, sich zusammenzureißen, seine Konzentration wiederzugewinnen. Vielleicht weiß er, dass Stehenbleiben schlimmer wäre. Er führt einen Ellbogen an die Schläfe, als wolle er sich vergewissern, nicht verletzt zu sein. Zwei-, dreimal geht er in die Kniebeuge, wie um sicherzugehen, dass die Beine ihm noch gehorchen. Er wirkt jetzt etwas wackelig auf den Skiern, man könnte meinen, gleich stürzt er wieder. Stattdessen schnellt er plötzlich in einer Drehung vor und nimmt seinen Zickzackkurs längs der Falllinie wieder auf: seine Beine finden zu ihren eleganten Verschraubungen zurück. Er fährt mit der Leichtigkeit von vorhin, als wäre nichts geschehen.
Aus der Menge um sie herum löst sich ein Aufschrei, der wie das Echo einer fernen Explosion wirkt. Die Aufregung hat sich verdichtet, wie Kitt umhüllt sie den Atem und die Ausrufe der Menschen. Sie aber liegt noch am Boden. Es fehlt ihr die Kraft aufzustehen: sie sieht ihn durch die Beine der anderen Leute hindurch. Sie beobachtet seine Abfahrt, folgt ihm, wie er sich mit gelenkigen Hüftschwüngen dem Felsen nähert, an dem er eben noch beinahe sein Leben gelassen hätte.
Der Abhang ist jetzt zwar etwas weniger steil, aber immer noch beängstigend: er ist noch nicht außer Gefahr. Sie weiß jedoch, dass ihm nun nichts mehr passieren wird. Die Beklemmung ist einer Glückseligkeit gewichen, die sie noch nie empfunden zu haben meint, einer Freude, die immer größer wird. Sie fühlt, dass sie Selbstsicherheit und Selbstvertrauen wiedergewonnen hat, dass jetzt nichts mehr schiefgehen kann. Sie spürt: Auch er weiß, dass er es geschafft hat, er genießt die bewundernden Blicke und erfreut sich an dem Gefühl, über den jungfräulichen Schnee zu gleiten. Sie empfindet dasselbe wie er, und in dieser unerhört intimen Verbindung fühlt sie sich wohl und zufrieden. Als ob sie ihn seit sehr langer Zeit kenne, eigentlich schon immer. Sie ist sich sicher, dass sie ein Paar werden. Diesmal ist es nicht nur eine Phantasie von ihr, sie hat es im Gefühl. Jetzt ist sie geheilt, sie denkt sich die Dinge nicht einfach nur aus.
 
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