Die Zeder im Schnee

Martina Dei Cas
16.02.2017
 
Die Zeder im Schnee
Die Wolken kringeln sich zwischen den verschneiten Bergspitzen und verbergen den magischen Sonnenuntergang vor den Blicken der Touristen, die enttäuscht den Aussichtspunkt verlassen und in der Wärme des Resorts Trost suchen.

„Heute werden sie früh zu Abend essen“ brummt Sandro und kratzt sich an der Brust, dort, wo das Herz sitzt und unter einer dicken Flanellschicht ein Foto steckt. Der Alte zieht es hervor und lehnt es an die Brüstung, senkrecht zur Silhouette der Berge, wie in einem Zeitspiegel, in dem sich nichts verändert hat. Der Arm zittert vor Anstrengung, die Finger röten sich, gefühllos von der Kälte, und die Eingeweide brennen vor Erinnerungsschmerz.
Die Gipfel, die ihn umgeben, sind das Erste, was er gesehen hat, als der Gemeindearzt, nachdem er stundenlang durch das Schneegestöber gestapft war, ihn ans Licht der Welt geholt hatte. Er verehrt sie und könnte nirgendwo sonst leben, doch sie haben ihren Spott mit ihm getrieben, indem sie ihm eine Saison nach der anderen die Menschen nahmen, die er liebte, und ihn so zu einem Fremden im eigenen Haus machten.

Zuerst nahmen sie ihm einen Arm seines Vaters beim Holzmachen, dann seine Frau, da wegen der Kürzungen im Gesundheitswesen der Hubschrauber nicht rechtzeitig gestartet war, um sie vor dem Herzinfarkt zu retten. Als sich schließlich alles wieder normalisiert zu haben schien, nahmen sie ihm seine Tochter. Wie man zu Tode kommen kann, indem man in eine Gletscherspalte hinter dem Haus rutscht, nachdem man den K2 und den Aconcagua bestiegen hat, kann sich Sandro überhaupt nicht erklären, und so hasst er sie eben, zutiefst, wie man nur etwas hasst, was man sehr geliebt hat. Er hat auch versucht, hinunter ins Tal zu ziehen, doch die Bergdämonen sind ihm gefolgt und haben ihn gezwungen zurückzukommen.

Der Alte streicht über das Foto und für einen Augenblick scheint ihm wirklich, dass seine Frau, die aus dem zerknitterten Papier lächelt, aus Fleisch und Blut ist, doch das Knacken zerbrochener Äste unterbricht den Zauber.

Sandro dreht sich um und sein Unmut über die Störung wird zur Wut.

„Hör auf zu nerven!“ schreit er und packt einen Jungen mit dunklen Augen.

Er wollte diesen Burschen nie im Resort haben, nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil er spürt, dass es in seiner verdorrten Existenz keinen Platz für die Pflege menschlicher Beziehungen gibt. Doch der Bürgermeister flehte ihn an, mit gutem Beispiel voranzugehen, und wie kann man dem ersten Bürger einen Gefallen abschlagen, wenn er auch noch dein Erstgeborener ist, der einzige Karabiner, der dich daran hindert, in die Erinnerung einer Vergangenheit ohne Zukunft abzustürzen?

Iskandar verliert das Gleichgewicht und das Italienisch-Lehrbuch, das er niemals loslässt, als ob es genügte, ihn Teil jenes fremden Volkes werden zu lassen, fällt in das feuchte Gras. Er hebt es auf, putzt es sorgfältig und steckt es in die zu große Jacke.

Reumütig reicht ihm Sandro sein Taschentuch. Der Junge schlägt das Buch auf: die erste Seite ist sorgfältig gefaltet und hütet wie ein behelfsmäßiger Rahmen ein Foto, auf dem sich glänzende Farbkleckse und von Salz ausgefressene Flecken ansammeln, in einem bunten Haufen lachender Gesichter, der dem in den Händen des Alten absolut nicht unähnlich ist.

„Das sind meine Eltern, mein Opa“ – Iskandar zeigt auf ein Kind mit Zöpfen – „und Rahma, meine Schwester“.

„Sind sie?“ Sandro findet keinen netten Weg, um die Frage zu vervollständigen.

„Wenn sie auf Großvater gehört hätten, wären sie noch am Leben. Er war wie du: Er sagte, die Berge seien seine Wiege gewesen und würden sein Grab werden. Er ist nicht zur Schule gegangen und verdankte seinen Erfolg dem Schweiß auf der Stirn. Er fing an, indem er mit einem lahmenden Maulesel Güter des täglichen Bedarfs in die Dörfer auf dem Land lieferte, und war am Ende seiner Karriere Besitzer einer Transportfirma. Vater hatte den Familienbetrieb übernommen, geheiratet und zwei Kinder bekommen. Großvater war glücklich, ging mit uns im Wald spazieren und zeigte uns, wann die Zedern groß genug waren, um gefällt zu werden. Dann kam die Nachricht, dass die Taliban die Grenze nach Pakistan überschritten hatten und in unsere Provinz vorgerückt waren. Der Berg Attock, der heilige Tempel aus der Kindheit meines Großvaters, meines Vaters und auch meiner, wurde zu einem finsteren Schreckgespenst, von wo aus jene Schurken ihre Überfälle organisierten: zuerst brannten sie einige Bauernhäuser nieder und schnitten den Ziegen des Leiters der Gleichheitspartei die Kehle durch, dann hatten sie es satt Tiere zu töten und begannen mit den Menschen. Großvater flehte uns an, zu unseren Vettern nach England zu fliehen oder wenigstens zum Onkel in die Hauptstadt, doch Vater war unbeugsam. Er sagte, seine Kinder würden nicht aufwachsen wie Mohnblütenblätter, auf Gnade oder Ungnade einem fremden Wind ausgeliefert, und damit war das Thema vom Tisch. Wir lernten, die Reichweite der Raketen anhand ihres Zischens über dem Wald zu bestimmen.
Auch wenn jener Ort längst nicht mehr sicher war, suchte ich ihn weiterhin heimlich auf.
Ich ging bis zur Lichtung mit den Zedern, wo mir Großvater die Grundkenntnisse des Skilanglaufs beigebracht hatte, und bat Gott, die Vereinigten Staaten und den Präsidenten, der Gewalt ein Ende zu setzen. Ich war auch dort, als die Taliban wild um sich schießend auf den Dorfplatz stürmten. Ich rannte nach Hause, doch es war zu spät: Ich wollte mitsamt meiner Familie sterben, doch ich erreichte einzig, dass ich mir an einem Stück Blech das Bein aufschlitzte. In den drei Monaten, die ich im Spital verbrachte, hatte ich viel Zeit zum Nachdenken: ich hatte niemanden mehr, für den ich bleiben und kämpfen konnte. Ich beschloss also, nach Europa zu gehen, denn ich war überzeugt, dass die Leute hier nicht wussten, was sich in meinem Land abspielt“, Iskandar seufzt. „Ich dachte, wenn ihr es wüsstet, würdet ihr nicht anders können als uns zu helfen. Im Kofferraum eines Autos versteckt durchquerte ich die Wüsten des Iran, auf dem Salma-Plateau verlor ich Alì. Während der Gewaltmärsche gingen wir Seite an Seite und baten den Mond und die Sterne, über unseren Weg zu wachen. Dann fiel er in eine Gletscherspalte, zwanzig Meter vor der Grenze zur Türkei. Er rief mir zu, ich solle ihm helfen, um Gottes willen, doch die Schmuggler zerrten mich fort und sagten, er sei verloren. Bald würde er sich in die Schar der zersetzten Leichen einreihen, die im frischen Schnee ruhten. Ich schwor, dass ich nie mehr einen Fuß auf einen Steig setzen würde, der auf den Gipfel führte, doch die großen Gewässer haben mich hierher geleitet, in dein Land, wo ich ein Bett fand, ein warmes Essen und ein Haus, das mich bereitwillig aufnahm. Vielleicht hat mein Volk letztendlich nicht unrecht, an die Legende vom Zedernbaum zu glauben. Weißt du, auch wenn die Wurzeln im gefrorenen Boden absterben und der Blitz die Äste zersplittert, sagen die Alten, man soll nicht aufhören, Vertrauen zu haben, weil der Saft weiterhin durch den verwundeten Stamm der Zeder fließt und die Hoffnung auf einen neuen Frühling mitführt, der uns alles wiederbringen wird, was wir verloren haben.“

Sandro nickt, hängt sich bei dem Jungen ein und geht zum Resort. Dabei wird ihm plötzlich bewusst, dass er und Iskandar, das ist die Urdu-Form von Alexander, der alten Bedeutung ihres Namens treu geblieben sind und sich gegenseitig gerettet haben, während die gütigen Gipfel, zu denen beide gehören, zuschauten.

 
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