Die Zeit ist ein Kreis

Laura Mautone
12.04.2015
 
Die Zeit ist ein Kreis
Für Nara, D. und S.


“Was ist die Zeit?” fragte Nara ihre Mutter.
Sie gingen durch einen Wald und Nara umarmte die Bäume. Sie suchte sich die stärksten aus: Zuerst legte sie das Ohr auf die poröse Oberfläche der Rinde und hörte zu, als hätten sie etwas zu sagen, dann bat sie die Mutter, ihr zu helfen, die Bäume zu umarmen. Sie war für die Natur und die Menschen besonders empfindsam. Sie war sechs Jahre alt, hatte schwarze tiefsinnige Augen, langes dunkles Haar und spürte, wenn jemand eine Umarmung brauchte.
Die Mutter antwortete: „Die Zeit regelt den Ablauf des Lebens. Jetzt ist es Tag, in Kürze geht die Sonne unter und auch auf diese Bäume hier wird sich der Abend legen.“
„In dreitausend Stunden wird es also Sommer sein und der Papa kommt...“ erwiderte Nara, indem sie herum sprang wie eine Heuschrecke.
“Dreitausend? Nicht wirklich.. Jeder Tag besteht aus 24 Stunden. Jetzt haben wir Frühling... man müsste es ausrechnen...“
„Aber in zwei Wochen kommt der Papa doch aus Indien zurück...“ unterbrach sie die Tochter.
„Nein, nicht in zwei Wochen, in zwei Monaten, Nara...“ fuhr die Mutter fort, „...wenn alles gut geht, wenn er sein Visum bekommt... Lass uns erstmal deine Zeitwahrnehmung schärfen: Weißt du denn, was ein Tag ist, oder ein Monat, ein Jahr?“, fuhr die Mutter fort, auch, um das Thema zu wechseln. Doch Nara war weiter gelaufen und hatte schon einen anderen Baum umarmt.
Als sie wieder zu Hause waren, nach dem Abendessen, musste Naras Mutter wieder an die Frage ihrer Tochter denken, und nahm sich darauf zweierlei vor: Erstens, alles daran setzten, damit die Tochter ihren Vater wiedersähe; zweitens, ihr erklären, was die Zeit ist. Gerade deshalb hatte sie ja ihre Tochter im Vorjahr nach Indien gebracht, damit sie ihre Großmutter kennen lernte, im Dorf, wo sie den Vater ihrer Tochter kennengelernt und sechs Monate lang gelebt hatte. Nach fast fünf Jahren Trennung hatte sie über Skype wieder Kontakt zum Vater ihrer Tochter aufgenommen. Sie standen sich noch so nahe wie damals, als sie das Kind empfing. Vor dem Einschlafen dachte sie noch an die Vergangenheit: Als Nara zur Welt kam und sie allein war, die ersten Monate, ohne jede Hilfe, als sie zum Schluss kam, dass die Zeit wie ein Kreis ist, der immer zu seinem Anfang kommt.
Am nächsten Morgen sollte ihre Tochter lernen, wie man die Zeit misst. Ihre Tochter konnte schon ein bisschen zählen, kannte schon die Buchstaben des Alphabets und las Beschriftungen auf Deutsch, Italienisch und Englisch. Sie war ein neugieriges Mädchen, die Mutter spornte sie an und lachte über ihre witzige Aussprache. Sie hatte einen Streifen Papier zugeschnitten, 12 Vierecke drauf geklebt, die ihrerseits aus vier Teilen bestanden, darin sie dann noch einmal sieben kleine Vierecke gemalt hatte. Dann hatte sie neben jedes Viereck die Namen der Monate in den drei Sprachen geschrieben. Schließlich hatte sie den Streifen mit Kunststoff überzogen.
„Siehst du Nara,“ sagte sie, „das hier sind die Monate: Jeder Monat hat vier Wochen und jede Woche sieben Tage... siehst du, hier die kleinen Vierecke?“
„Ja, seh' ich. Und was sind diese kleinen Punkte hier oben?“
„Das ist nicht leicht zu erklären, Februar hat manchmal mehr als 28 Tage, und die Monate haben teils 30, teils 31 Tage.“
Das Mädchen hatte inzwischen den Papierstreifen erfasst und klebte ihn an den Enden zusammen.
„So, Nara, siehst du, nach Dezember kommt wieder der Januar... es ist wie ein Kreis.“
„Gut, und nach wie vielen Kreisen kommt der Papa?“ fragte das Mädchen weiter.
Die Mutter versuchte wieder, das Thema zu wechseln, es schmerzte sie zu sehr, darüber zu sprechen.
Es waren ein paar Wochen vergangen, doch von Naras Vater gab es noch keine Nachrichten. Sie sprachen alle drei Tage mit ihm, doch jedes Mal gab es Schwierigkeiten. Einmal war es die Reiseagentur, die Geld für irgendwelche Dokumente verlangte, dann wieder das Konsulat, das zu viel Zeit brauchte, um die Formulare einzusenden, schließlich waren es die Verwandten, die ihr Darlehen aufnehmen durften.
Manchmal schien es, dass alles gegen ihr Wiedersehen ruderte. Das Tempo der Bürokratie stimmt nie mit dem der Gefühle überein. Sie wollten zusammen in Italien leben, auch wenn es an Schwierigkeiten nicht fehlen würde: Die Sprache zum Beispiel, Naras Vater hätte sofort italienisch lernen und daraufhin eine Arbeit finden müssen. Außerdem würde das Zusammenleben nach so langer Zeit nicht leicht werden... doch das war ihr Spiel und sie wollten es gewinnen.
Die Monate vergingen wie im Kreis, nichts geschah. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate, wie Glieder einer Kette.
Oft gingen Mutter und Tochter im Wald spazieren. Einen Nachmittag hörten sie ein starkes Geräusch, es war eine elektrische Motorsäge. Sie folgten dem Lärm und kamen zu einer kleinen Lichtung. Dort sahen sie eine Anzahl aufeinander gestapelter Baumstämme, die sozusagen eine Treppe bildeten, sowie die Waldarbeiter, die die Bäume fällten. Nara hielt inne, wollte den Arbeitern zuschauen und hielt sich die Ohren zu, als würde sie das Getöse der fallenden Bäume nicht ertragen.
„Mama, warum fällen sie die Bäume? Sie leiden, hörst du denn nicht, wie sie weinen?“ sagte das Mädchen.
“Sie fällen sie, weil sie krank sind. Siehst du das rote Zeichen auf der Rinde? Es markiert die schwächeren Bäume... klar leiden sie, doch... es wäre gefährlich, wenn sie stehen bleiben würden.“ antwortete die Mutter.
Da näherte sich Nara den aufeinandergestapelten Stämmen und suchte das rote Zeichen.
„Was sind das hier für Kreise?“ sagte sie und zeigte dabei auf den Querschnitt eines Stammes. „Mama, warum sind manche Bäume größer und andere kleiner?“ fuhr das Mädchen fort.
„Jeder Kreis ist ein Jahr im Leben des Baumes, Nara. Es gibt jüngere und ältere Bäume... Es gibt eine Wissenschaft, die sich mit der Datierung der Bäume beschäftigt und einen komplizierten Namen trägt: 'Dendrochronologie'. Dieses Wort setzt sich aus den griechischen Wörtern für Baum, Zeit und Studium zusammen.“ erklärte die Mutter.
Doch Nara war schon weiter, kletterte auf dem Holzstapel herum und zählte unermüdlich die Stämme, während ihre Mutter sie ängstlich mit dem Blick verfolgte. Plötzlich hielt sie inne, leuchtenden Blickes.
Sie rannte zur Mutter und sagte: „Die Ringe an den Stämmen sind wie unser Zeitring, Mama. Jeder Ring ist ein Jahr...“
„Genau”, sagte die Mutter. Das Mädchen umarmte sie und fügte hinzu: „Wenn Papa kommt, müssen wir ihn hierher bringen. Ich will ihm die Jahresringe zeigen.“
„Klar“, antwortete die Mutter und sah ihr dabei direkt in die schwarzen Augen.
„Du sollst nicht leiden wie die Bäume, Mama, er ist in unseren Herzen und wir in seinem“, sagte die Kleine zum Schluss. Die Mutter nickte und drückte sie. Ihr kamen die Tränen.
Die Zeit des Wartens und der Rückkehr hatte noch gar nicht begonnen, doch das Mädchen hatte etwas vom Lauf der Zeit verstanden, von derselben Zeit, die sie noch von ihrem Vater und ihrem Schicksal trennte. Dieselbe Zeit, die ihr manchmal wie ein eiserner Kreis auf dem Herzen lag, dessen Schlag verhinderte, sich bald aber wie eine Schlinge lösen würde.


Aus dem Italienischen von Lorenzo Bonosi

 
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