Ein Schiff wird kommen

Katrin Deibert
20.12.2013
 
Ein Schiff wird kommen
„Sehnsucht, gibt es nicht mehr. Oder wenn, dann ist sie vom Aussterben bedroht, wie ein beschissener Eisbär, oder die Krustenechse. Bewusst wurde mir das im letzten Sommer. Ich fuhr mit meinen Eltern nach Griechenland auf eine Insel. Das war krass, da gab es keinen Flughafen. Man musste mit dem Schiff stundenlang von Athen hinfahren. Mein Vater hat uns bei mindestens 35 Grad über das ganze Schiff gescheucht, bis wir den „Besten Platz“ gefunden haben. Als wir aus dem Hafen aufs offene Meer navigierten, oder schipperten, wie man eben Fahren bei Booten nennt, wehte es uns fast weg und wir suchten einen neuen „Besten Platz“. Nach sechs Stunden kamen wir in Naxos an. Beeindruckend. Nicht das Rumgehocke auf dem Kahn, aber diese Art zu reisen, langsam und irgendwie erhaben.
Auf der Insel streunte ich allein herum, ging zu einer Flussmündung, die eine breite Schneise in den Strand gegraben hatte. Das Brackwasser glänzte kupfern und roch fast faulig, aber ich entdeckte, dass ich den Fluss hoch laufen konnte. Schon bald wurde das Wasser kühl und klar, es gab Schildkröten und Frösche. Ich watete, bis ich am Ufer ein Stück unbewachsenen Sand, oder einen Stein fand. Dann hockte ich mich bequem hin, möglichst so, dass mir nicht gleich die Beine einschliefen, und versuchte mich nicht zu regen. Wirklich erstaunlich, wie sehr einem die Nase juckt, wenn man sich nicht kratzen darf. Dann versuchte ich einen Zustand der gedankenverlorenen Gedankenlosigkeit zu erreichen, in dem ich Tiere nicht störte. Einmal, als die Sonne auf meinen Fuß schien, er wurde schon heiß, kam eine kleine Schildkröte auf ihn zu gestapft. Sehr entschlossen, grimmiger Gesichtsausdruck, die Füßchen stampften schwer auf, sie kletterte auf meinen Spann, reckte den Hals gen Sonne und gab sich ihren Gedanken hin, wie ich. Ich fühlte mich wie Dr. Doolittle oder Franz von Assisi. Nicht wie eine Schülerin, die ständig wegen ihrer Unruhe gerügt wurde.
Oft ging ich zum Hafen. Die Mole war nicht groß und es kamen nie mehrere Schiffe gleichzeitig an. Ich saß gerne auf den Metallpollern nah am Meer.
Häufig sah ich, dass die Wartenden schon mit ihren Liebsten telefonierten, sie über Handy eine Sms bekamen, bevor das Schiff in Sichtweite kam, oder am Telefon quatschten, bis sie einander in den Armen lagen. Fand ich superblöd.
Wäre ich an ihrer Stelle gewesen und hätte auf jemanden gewartet, den ich liebe, so richtig, dann würde ich nicht genau wissen wollen, dass er auf dem Schiff ist, ein wenig angstvoll suchte ich nach ihm, sobald man Umrisse von Menschen auf dem Deck erkennen kann. Er müsste da oben stehen und wünschen, dass ich da bin, um ihn zu holen, stehen und hoffen. Dann erkennen wir uns und winken wie die Verrückten. Wenn er von Bord käme, dann würde ich ihn fast umrennen. Aber ob das ginge mit Handy? Könnten die Gefühle die gleichen sein, wenn schon die erste Sms von Piräus kam: „Steige auf das Schiff, bin in sechs Stunden da!“ Würde ich dann warten können, wie mein Ideal von Warten ist? Damals war ich noch nicht so sicher, aber indessen habe ich kapiert, dass Sehnsucht aus den meisten Leben verschwunden ist. Wir haben das besondere Gefühl der Sehnsucht eingetauscht gegen Enttäuschung. Ein völlig bescheuerter Deal. Da stand ich also und war der Überzeugung, dass die Gefühle aus der Welt verschwinden, weil die moderne Technik sie für uns unfühlbar macht. Kann man das so sagen? Egal, ihr versteht schon. Ich stand jedenfalls da rum, und die ersten Laster fuhren an mir vorbei in den Laderaum des Dampfers.
Ich fühlte mich traurig, wegen dieser Sehnsuchtsache, und wartete, um das Schiff noch wegfahren zu sehen. Ein Mann wurde von seinen Kumpels zum Dampfer begleitet, dem Gesicht nach würde ich sagen Brite. Er war erwachsen, bestimmt fünfzehn Jahre älter als ich, und sah aber älter aus, gleichzeitig wie ein Kind. Seine Freunde umarmten ihn, sein Gesicht wirkte leer, grau vor Kummer. Vielleicht war jemand gestorben oder ihm wurden seine Sachen geklaut. Die Freunde steckten ihm Geld und Zigaretten zu, um ihn zu trösten. Er hatte nur eine Reisetasche bei sich und ging im letzten Moment an Bord. Das Schiff wollte gerade ablegen, da kam ein kleines weißes Auto in einem Affenzahn auf den Pier gefahren. Der Hafenmeister, ein Typ in weißer Uniform, stellte sich dem Wagen in den Weg, schlug auf die Motorhaube und fing an, schrill auf seiner Pfeife zu blasen. Ich kannte das schon. Kurz vor Abfahrt wollten sie immer absperren, keiner durfte mehr auf den Pier, bis das Schiff ablegte. Aber das Auto wendete nicht, sondern eine Frau sprang heraus. Sie war riesig groß und trug ein langes Kleid, ein türkises, bunt bedrucktes Gewand. Sie hatte dunkle, blond gefärbte Haare und eine Nase, mit der hätte man Gurken schneiden können. Ihre Augen blitzten den armen Mann in der weißen Uniform an und sie zischte ihm etwas auf Griechisch zu, das sich richtig fies anhörte. Er wich einen Schritt zurück und brummelte vor sich hin. Die Frau ging ein paar Schritte vor und schaute nach oben zur Reling. Ja, da erschien der Engländer. Er blickte zu ihr herunter und sah immer noch furchtbar aus. Ich fand toll, dass sie nicht heulte oder so. Wie sie da stand, so gerade und bestimmt 1,80 m groß, da bekam ich das Gefühl, dass sie ihn bat zu bleiben.
Der Dampfer ließ die Monsterhupe ertönen: der letzte Gruß.
Schon trennten einige Meter das Schiff vom Land. Die Frau und der Mann standen weiter wie Statuen. Da fing er an, auf die Reling zu klettern. Ich dachte, nein. Das ist zu hoch! Er schwang ein Bein über das Geländer.
Ein unglaublicher Tumult brach los. Der Polizist blies wieder in seine Pfeife, ich hörte Lautsprecherdurchsagen, Funksprüche, aber das war umsonst. Er sah sie an und sprang ins Wasser. Sie schrie einmal kurz auf, ein raues Geräusch voller Schreck. Eine Menge Leute, auch ich, rannten los und schauten ins Hafenbecken. Aufgeregtes Geschrei, ein Hafenarbeiter fing an, seine Schuhe auszuziehen. Aber da kam er an die Oberfläche, ich merkte, dass ich vergessen hatte zu atmen und gleichzeitig mit ihm nach Luft schnappte. Er achtete nicht auf das Gezeter um ihn herum, der mit der weißen Uniform schrie richtig laut auf ihn ein, zog ihn am Ärmel, aber er ging tropfend zu ihr, sie stiegen in das Auto und fuhren weg.
Vermutlich werde ich eine frustrierte Zicke, die ihr Leben allein verbringt, oder irgendwie komisch werden. Denn darunter mach ich es nicht. Wer mich liebt, müsste Sehnsucht nach mir haben, ins Wasser springen, eben das ganze Programm. Dieses komische, weiche Mittelgefühl die Enttäuschung, das will ich nicht. Für mich gibt es nur Lieben oder Hassen. Seit diesem Erlebnis halte mich immer sehr gerade, und wenn ich die Augen ein wenig zusammenkneife und so nach unten schiele, sieht meine Nase schon viel schmaler aus. “



 
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