Eine Frage der Perspektive

Birgit Ruf
04.04.2009
 
Alessandro zögerte, als er das Kabel vom Tisch nahm, um es am Beamer anzuschließen. Er hatte keine Lust, die Fotos für die Diashow auszuwählen. Aber Giulia drängelte aus der Küche heraus, er solle sich beeilen, schließlich waren Tom und Simone meistens pünktlich.

Er schob „Blick aus Suite auf Lärchengruppe“ nach oben und sortierte „Verschlafene Giulia“ aus. Tim musste ja nicht unbedingt sehen, dass ihre Mundwinkel direkt nach dem Aufwachen hingen. Ein bisschen wie die von Artur, ihrem Boxer. Auf die Bergtrips hatten sie ihn immer mitgenommen, in den vergangenen Jahren. Doch dann der Verdacht auf Hundehaarallergie bei Giulia, sie mussten den Hund weggeben. Rasch erstellte Alessandro einen neuen Ordner in seinem I-Book: „vigilius 2009“, Fotos ohne Artur.

Also raus mit „Giuliagesicht an Morgensonne“, rein mit „Giulia auf Wellnessliege“, wo sie unter den Händen von Molina glänzte wie Elfenbeinporzellan. So gefiel sie ihm besser. Die Yogaturnerei und ihr Pasta-Gestochere, anders konnte er ihr Essverhalten nicht nennen, lohnten sich schon. Der Hintern konnte sich sehen lassen. Den würde er bis zum Schluss aufheben.

Erst mal zum Einstimmen eine Frosch-Perspektive auf „Struppige Lärche vom Pool aus“ und drei Hochformate „Runzelrinden“. Die würden Simone gefallen. Für Tom scrollte er die Aufnahmen der „Eingangspiazza“ hervor, „Totale auf Weinkarte“ und „Kuhflecksofa“, auf dem, wie sie sagten, Thomas Gottschalk gesessen hatte. „Wetten dass“ guckte Tom immer. Schließlich entschied er sich für 32 Fotos, das sollte reichen. Ein bisschen freute sich jetzt sogar Alessandro auf den Abend.
 
 
 
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