Eine Frau wie ein Berg, der fliegt

Jeannine Meighörner
05.04.2016
 
Eine Frau wie ein Berg, der fliegt
Es gibt Menschen, die scheinen einer Laune der Schöpfung entsprungen zu sein. Einer Ironie. Oft sind es jene, die sich ein einfaches Dasein wünschen, die Seele eines Kindes in sich tragend. Eines Bergkindes.

„Berge kommen nicht zueinander, aber Menschen!“, sagt man in Ridnaun in Südtirol. Dieser abgeschiedene Winkel brachte Maria Faßnauer hervor: „Das größte Weib, das je gelebt hat!“ Lauthals wurde sie so fern der Heimat angekündigt. Ridnaun liegt im gleichnamigen Tal nordwestlich von Sterzing mit dem Schneeberg am Talende. Er brachte Wohlstand und blickt auch in das größere Passeiertal hinab, das Meran zustrebt. Das goldene Meran! Ja, der Schneeberg erhielt die Region mit dem höchsten Bergwerk Europas auf 2400 Metern Höhe. Schon vor 800 Jahren rang man ihm sein Silber ab. Ein Bergkamm gleich dem Rücken eines Drachen: steil und gefährlich. In seiner Ruhe gestört, forderte er einen Tribut an Menschenleben. Stollen, wie Termitengänge in sein Fleisch gegraben, stürzten ein. Bergwerksknappen kamen unter Schneelawinen, wurden von hölzernen Grubenhunten zerquetscht. Oder der Berg setzte seine Saat in die Eindringlinge, indem sie an der Staublunge starben.
„Berge kommen nicht zueinander, aber Menschen“. Und wenn Menschen Berge ausbeuten, zahlt mancher einen hohen Preis. Die Eltern von Maria Faßnauer suchten nicht ihr Glück im Berg, sie bewirtschafteten den Staudnerhof. Jener wie ein Schwalbennest über Ridnaun gelegen, zudem auf der Schattenseite, nur wenige Monate im Jahr aperte er aus dem Schnee heraus. Doch sie sahen die Höhe als Gewinn. Unten im Tal hatte der Bergbau den Bach und alle Fische vergiftet. Sie und ihr Vieh tranken gutes Wasser, lebten näher am Himmel. So nannten Josef und Theresia Faßnauer ihr Erstgeborenes nach der Muttergottes. Sie ließ die Geburt am 28. Februar 1879 gut ausgehen. Maria war ein herziges Kind. Eine Leichtigkeit in ihrem Wesen. Doch mit drei Jahren begann das Mädchen rasant zu wachsen, war beim Schulbeginn so groß wie andere Kinder beim Ausschulen. Eine eigens gezimmerte Schulbank benötigte es. Fremde im Tal, die der Erstklässlerin mit anderen Schülern begegneten, fragten: „Mutterl, geht’s mit den Kindern heim?“ „Ich bin ja selber no a Schülerin!“, antwortete Maria mit tiefer Stimme − die Neugierigen gründlich erschreckend. Auch Spott musste das Schulmädchen erdulden: „Riesenweib, du Riesenberg Fleisch, fällst auf deinen Arsch groß wie ein Ross, kommst nimmer hoch“, riefen die jungen Burschen. Mit einem Streich hätte sie deren Schandmäuler zerschlagen können, aber sie tat es nicht. Die Maria war gut erzogen. Gottesfürchtig und hilfsbereit.
Tüchtig half sie am Hof. „Am Feld hätte sie Arbeit für zehn Männer geleistet und auf einer Kraxe zwei 50 Kilo Säcke mit Salz getragen“, solche angedichteten Riesenkräfte besaß die Maria kaum. Ein Tumor in ihrem Gehirn machte sie zwar riesengroß aber nicht unbedingt riesenstark.
Mit der Größe kam die Not. Mit zwölf Jahren konnte das zwei Meter große Kind in keiner Stube oder im Stall mehr aufrecht stehen und in seinem Bett lag es zusammenrollt wie eine Katze. Die Maria kam so krumm daher, dass sich Sommerfrischler im Tal erbarmten. Mit gesammeltem Geld zimmerte man ihr ein Riesenbett. Im siebzehnten Jahr war Maria ausgewachsen bei 2 Meter 27 und 170 Kilo Gewicht. Dabei lag im Jahr 1900 die Durchschnittsgröße einer Frau in Österreich bei 1 Meter 51.
Naturgemäß erzeugte Maria überall Entsetzen. Der Vater verkündetet nach einer Wallfahrt mit der Tochter nach Riffian: „Mit dir geh ich nimmer mehr, da wird man nur angegafft.“ Schlimmeres geschah, als Maria mit ihren Eltern einer Besorgung wegen nach Innsbruck ins Geschäftshaus Bauer & Schwarz in der Maria-Theresien-Straße kam. Die halbe Stadt eilte herbei und stürmte das Geschäft.
Selbst Marias sonntägliche Kirchgänge verkamen zum Schaulaufen. Fotografen und Journalisten lauerten ihr auf. Freundlich streckte Maria ihre Arme seitlich aus und ausgewachsene Mannspersonen stellten sich darunter, nicht einmal annähernd an ihre Achselhöhlen heranreichend. Derartige Postkarten-Szenen der „Riesin von Tirol“ schockierten. Dabei wirkte das kolossale Weib sympathisch. Das Gesicht, länglich, aber nicht hässlich, blickte freundlich und der Riesenleib steckte in einem Dirndl, dessen Stoffmenge die Eltern ein Vermögen gekostet hatte. Und kaum satt zu bekommen war die Maria, verspeiste täglich viele Schüsseln mit Plenten, Mus und Kompott. Dabei hatten die Eltern noch fünf andere Kinder zu erhalten.

Schausteller flehten die Eltern an, Maria als Kuriosität für Geld ausstellen zu dürfen: „Dergleichen hat die Welt noch nicht gesehen!“ Doch jene widersprachen und auch Maria wollte nicht fort. Wieso in die Fremde gehen,wo sie doch hier alles hatte? Kälber, Zicklein und junge Katzen, Gebirgsluft, klares Wasser und in der Nacht ein Sternenzauber. Der Staudnerhof war ihr Paradies. Ein bescheidenes Paradies mit knurrendem Magen.
So wurde die Maria zum „Maried´l“, das klang zünftiger, ließ sich besser vermarkten. Eine Riesin war spektakulär, aber eine Riesin mit der Strahlkraft eines Bergkindes war herzergreifend! Ihr Management traf den Nerv der Zeit.„Maried´l, die Riesin aus Tirol“ berührte die Menschen: in Wien, in Prag, in Leipzig oder München. Dort mit eigenem Zelt auf dem Oktoberfest. In Berlin empfing sie der Reichskanzler. Auf den Weltausstellungen in Brüssel und London wurde sie zum „Monster für Millionen“. Dabei sah Maried´l wenig von der Welt, durfte sich tagsüber nicht zeigen. Für ein „Monster“, dem man am Tag schon begegnete, zahlt man abends keinen Eintritt.
Eine Liebesgeschichte dichtete man ihr an mit dem größten Mann der Welt: dem Australier Clive. Er hielt medienwirksam auf einer Bühne um Mariedl´s Hand an. „Du bist wie ein Berg, der fliegt“, charmierte er. Wohl ein Übersetzungsfehler, wie die derart Angebetete dachte, ihr sonores Lachen unterdrückend. Man chauffierte das größte Paar des Planeten in offener Limousine durch London, wobei der Verkehr zusammenbrach. Doch die Riesin ließ Clive ziehen, zu groß die Sehnsucht nach Ridnaun, nach dem einfachen Leben auf dem Staudnerhof, wohin sie ihr Erspartes schickte.
Am Vorabend des Ersten Weltkrieges hatten die Menschen andere Sorgen, als eine Riesin für Geld zu begaffen. Maried´l wurde wieder zur Maria und kehrte heim. Krank an der Statur. Das viele Stehen − jeden Abend ausgestellt zu sein. Sie starb kurz vor dem Nikolaustag 1917 an Wassersucht. „Die Heimaterde bedeckt mich leicht!“, soll sie noch gesagt haben. Ihre Sorge war, fern der Berge zu sterben. Ein kleines Grab hat sie sich gewünscht. Nur „Staudnertochter“ und ihr Name sollten darauf stehen. Endlich einmal unter ganz normalen Geschöpfen zu Hause sein.
 
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