Eine tief liegende Sehnsucht

Shannon Wardell
19.01.2014
 
Eine tief liegende Sehnsucht
Frag mich wonach ich mich sehne und ich könnte stundenlang reden.

Ich würde mit kategorischer Effizienz wie folgt differenzieren: 5-, 10- und 20-Jahres-Projekte; persönliches Streben; professionelle Ziele; unmögliche, aber doch wertvolle Träume; heiße, kurzfristige Begierden und hoffnungsschwangere langfristige Visionen. Ich könnte Wochen damit verbringen, solche Pläne mit außerordentlicher Liebe zum Detail zu schmieden. In Wahrheit habe ich bereits Jahre damit verbracht.

Irgendwann würde ich vielleicht sogar wahrhaben, dass Projekte, Aufstreben, Ziele, Träume, Begierden und Visionen nicht dasselbe sind wie eine fundamentale Sehnsucht, wie sie im Inneren meines Herzens schlägt. Ich kann diese Sehnsucht in sich kaum spüren, sondern ich nehme sie über die oben genannten Ausdrucksformen wahr.

Es ist sehr schwer, diese tiefliegende Sehnsucht meines Herzens näher zu begreifen. Ich spüre ihren Puls, doch schwer fassbar umgeht sie eine genauere Untersuchung.

Manchmal empfinde ich sie als ein schmerzendes Pochen. Gewöhnlich folgt dies einer vollkommen zeit- und energieverschwendenden Aktivität. Ein gescheitertes Projekt dient oft einer notwendigen, aber lohnenden Lernerfahrung. Denselben sinnlosen Fehler zu wiederholen, ist jedoch eine reine Verschwendung.

Manchmal tut mir das schmerzhafte Pochen weh; ich will mitten in der Nacht aufschreien, meinen Kopf in den Polster graben und mir ein neues Leben wünschen. Das Pochen kann Tage oder Wochen dauern; je länger es dauert, desto mehr werde ich innerlich zu Stein. Ich werde hart und unempfänglich für alle Freuden im Leben. Freuden, von denen ich mich ablenke, in dem ich in meiner Arbeit versinke. Ich werde von produktiver Hochleistung besessen und verfluche alles, was im Wege steht: zum Beispiel kaputte Werkzeuge; träge Computerleistungen; klemmende Reißverschlüsse; idiotische Fahrer; blöde Straßenampeln; schlampige Leistungen von Arbeitskollegen; Leute, die sich vor 17.00 Uhr vergnügen, ohne einen grimmigen, verbissenen Blick im Gesicht zu haben.

Dieses schmerzende Pochen fokussiert meinen Blick auf Leute, die ihre Zeit und Energie verschwenden, und auf ihre unproduktiven Tätigkeiten während des Arbeitstages, wie Betteln, Spiele spielen, schlechte Musik machen, Kunst produzieren, zum Vergnügen lesen, Chatten, ihre chaotisch voll gerammelten Häuser verschönen oder in die Glotze starren, sie sind für mich unerträglich.

Dieses schmerzende Pochen konzentriert meine Aufmerksamkeit darauf, wie dringend und wichtig strenge Budgetkontrollen auf allen Ebenen sind: im Haushalt, in der Gemeinde, im Bundesland und im Staat. Dazu kommt die Notwendigkeit privater Überwachung: Wieso soll ich tagein, tagaus hart arbeiten und jede zur Verfügung stehende Minute in eine effiziente Einheit der profitablen Produktion investieren, während andere herumsitzen, frage ich mich. Solche brauchen keine sozialen Sicherheitsnetze, sondern einen ordentlichen Arschtritt, der ihnen ihre persönliche Verantwortung, nämlich produktiv zu sein, in Erinnerung ruft. Jene Personen, die zu empfindlich sind handwerkliche Arbeit zu leisten, sollen ihre gescheiten Birnen in selbständige Unternehmungen umwandeln, bis sie endlich begreifen, wie schwer es ist, in unserer gegenwärtigen Wirtschaftslage Arbeitsplätze zu schaffen. Und falls sie nicht das gewünschte Smartphone kaufen können, dann sollen sie sich an den Unterschied zwischen menschlichem Recht und Privilegien erinnern. Und es ist wohl nicht das Recht derer, die mehr verbrauchen als sie produzieren, sich ihren unnachhaltigen Lebensstil von Leuten, die mehr produzieren als sie verbrauchen, finanzieren zu lassen.

Es ist so schwer, diese tief verankerte Sehnsucht meines Herzens näher zu begreifen. Ich spüre es dort, das Pochen.

Manchmal spüre ich es mit jedem Puls, wie ein strahlendes Feld aus wärmender Energie. Dann folgt oft eine Tätigkeit oder Beobachtung, die auf irgendeine Art und Weise, wenn auch nur ganz wenig, das Leben von mir und anderen bereichert hat. Sei es ein Sonnenaufgang, eine von glitzerndem Tau beladene Spinnwebe, die im morgendlichen Sonnenlicht glänzt, die hochgezogene Augenbraue eines müden Hundegesichtes, Kinderlachen, Vogelgezwitscher, das Lächeln eines Fremden, das Rauschen der Baumzweige, wenn der Wind durchfährt, oder wenn ein geliebter Mensch meiner Aufmerksamkeit bedarf.

Das mysteriöse Pochen meiner tiefsten Sehnsucht strömt aus einem versteckten Winkel in meinem Herzen. Dort ist auch ein Bild von mir, eines davon, wie ich mir wünschte zu sein, ohne traurige Charakterfalten, muffige Gerüche falscher Entscheidungen oder depperte Ausdrücke von Inkongruenz. Es ist ein Bild von mir, auf dem ich heldenhaft erscheine und doch auch demütig, auf dem ich vertrauensvoll durchs Leben schreite und neuen Hürden und Herausforderungen mit unerschütterlicher Gelassenheit begegne. Wo die körperlichen Bedürfnisse von mir und meinen Lieben gestillt sind. Ich bin gut geschützt vor leichten und schwereren Krankheiten, digitalen Viren, Armut, Obdachlosigkeit und Abhängigkeit. Ich habe einen breit gestreuten Freundes- und Bekanntenkreis aus den verschiedensten Bereichen. Ich werde beruflich respektiert und geschätzt, als Experte meiner Branche und als unverzichtbarer Ratgeber in meiner Firma. Neue Aufgaben sind mir willkommen, besonders Herausforderungen, für die es keine bekannten Lösungen gibt, Aufgaben die mich außerhalb meiner alltäglichen Bereiche und Fähigkeiten zu neuen Erkenntnissen führen. Aufgaben, die mir zeigen, wie ich, nachdem ich sie gemeistert habe, näher an das Heldenbild mit unerschütterlicher Gelassenheit herankommen kann, das in einem versteckten Winkel meines Herzens steht und woraus das mysteriöse Pochen meiner tiefsten Sehnsucht strömt.

Wenn ich dieses strömende Pochen spüre, erreiche ich eine Art Samurai-Wahrnehmung von allem, das mich umgibt. Sofort merke ich den inneren Zustand von Menschen und immer kommt der richtige Ausdruck aus meinen Mund, der ihm irgendwie helfen, ermutigen oder motivieren kann. Ich werde höchst aufmerksam und kann Hindernissen geschickt entgehen. Komplikationen erkenne ich im Voraus und kann ihnen früh genug ausweichen.

Dieses strömende Pochen lässt mich klar sehen, wie andere Menschen versuchen ihre Identität, welche oft von ihrem Job oder Familie mitbestimmt ist, neu zu definieren. Manchmal tun sie es mit Tätigkeiten, die unproduktiv scheinen. Sie wissen intuitiv, dass das Leben mehr ist als ein Arbeitstitel, mehr als materieller Besitz, mehr als ein guter Ruf und mehr als Einfluss und Macht über andere Leute zu haben.

Dieses strömende Pochen fokussiert meinen Blick auf den aktuellen Aufschwung hin zu alternativen Lifestyles, Kreativwirtschaft, Indie Musik, Kunst-Wertsteigerung oder verschiedene esoterische Richtungen. Obwohl einige davon seltsam, wenn nicht gar schrullig sind, reflektieren sie alle eine tiefere Sehnsucht. Eine tiefliegende Sehnsucht nach Selbstverwirklichung innerhalb unserer westlichen Post-Grapes of Wrath Mentalität. Während einige Individuen vielleicht doch verstärkt egoistische Züge aufweisen, vermute ich, dass dennoch alle in diesem versteckten Winkel ihres Herzens wissen, dass wenn sie ihr eigenes verstecktes Potential erfüllen, sie von sich aus den Drang spüren werden, der Welt etwas Wertvolles zurückzuschenken.

Dieses Geschenk ist ihr glorreicher Moment, ihr Lohn für all die Zeit und Energie, die sie in der Vergangenheit investiert haben. Dieses Geschenk, eine natürliche Quelle von grenzenloser Quantität und unvergänglicher Qualität, bietet einen Investmentertrag, wovon Hedge Fund Zauberer nur träumen können. Dieses Geschenk bereichert dein Leben so sehr, dass dein Hals brennt, deine Augen feucht werden und du wieder einmal dieses Pochen in deinem Herzen spürst, das du nicht mehr ignorieren kannst.
 
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