Einmal...

Renate Gottschewski
20.12.2013
 
Einmal...
Einmal …

… also, einmal lud mich ein österreichischer Geschäftsfreund auf ein Wochenen-de auf Schloss Fuschl ein – ein ungeheuer elegantes und großes Hotel direkt am Fuschlsee in der Nähe von Salzburg. Wir sollten die Festspiele besuchen – natürlich den Don Giovanni sehen, Golf spielen und gemeinsam eine inspirierende Zeit verbringen. Abgesehen von seiner Frau und mir war der einzige weitere Gast in unserer Runde ein distinguiert und klug wirkender Mann. Ich nenne ihn Herrn von Perchtoldsdorff. Herr von Perchtoldsdorff und ich trafen fast gemeinsam fast pünktlich ein. Das Schloss lag majestätisch in der Spätnachmittagsonne, eine beschwingende Atmosphäre verbreitend. Der Rezeptionist in perfekt sitzender dunkelblauer Rüstung, der uns zwar professionell dennoch wie eine lang herbeigesehnte Offenbarung begrüßte, stellte kurz darauf eine ernste Miene in den Raum. Er hatte uns etwas Ernstes zu sagen. Unser gemeinsamer Geschäftsfreund – übrigens mit einem sehr trockenem Humor versehen, der mich schon dazu brachte, in großer Runde über den Esstisch zu spucken, weil seine Kommentare Fesseln sprengen - und seine Frau können zu seinem großen Bedauern, so habe gerade seine Referentin mitgeteilt, nicht die Verabredung wegen eines sehr plötzlichen Todesfalls, genauer erst einige Stunden zurückliegend, im engeren Familienkreis einhalten. Es täte unserem Gastgeber aufrichtig leid.

„Oje“, seufzte Herr von Perchtoldsdorff, „sicherlich ist sein Vater gestorben. Der war schon lange bettlägerig.“ Auch mir wurde schwer ums Herz – Siechtum ist so ziemlich das einzige, vor dem ich richtig Angst habe. Darüber hinaus gingen wir beide davon aus, dass das Wochenende jetzt platzen würde. „Aber nein“, ent-gegnete der Rezeptionist, eine frohe Botschaft im Anschlag, „das Wochenende findet wie geplant statt.“ „Also das“, sagte anerkennend Herr von Perchtoldsdorff, „nenne ich ganz großen Stil - chapeau.“ Sosehr wir die Abwesenheit unseres Gastgebers bedauerten, so war es doch ein prickelndes Gefühl, nun ein Wochenende tête a tête vor der Brust zu haben. Eine Stunde später bereits saßen wir auf der Terrasse, stießen mit Sekt an und ließen die Augen auf dem See vor der Bergkulisse ausruhen. Die dünne Mondsichel ging langsam aber sicher auf – das Gespräch perlte zeitlos. Nach einem Espresso stand ich auf: „Gute Nacht – wir sehen uns beim Frühstück?“ „Ja, sicher. Schlafen Sie gut.“ „Sie auch.“

Herr von Perchtoldsdorff und ich kamen blendend miteinander aus und wurden Freunde fürs Leben. Allerdings hatten wir völlig unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie dieses Wochenende zu gestalten sei. Er war fast fanatisch darauf bedacht, nichts Sehenswertes in der Umgebung gemäß dem von unserem Gastgeber ausgearbeiteten Programm auszulassen. Entsprechend groggy war Herr von Perchtoldsdorff abends vor der Oper von seiner Tagesexkursion. Ich dagegen fühlte mich frisch wie die Forelle im Kühlen zwischen den Steinen. Schließlich weigerte ich mich standhaft, Herrn von Perchtoldsdorff bei seinen Bildungsunternehmungen Gesellschaft zu leisten. „Ach – die Vergangenheit – alles Vergangenheit – das ist doch nicht so spannend.“ Stattdessen ging ich schwimmen, brutzelte in der Sonne, beglückte mein Notizbuch und saß im Buschenschank. Auf dem kurzen Weg dorthin beobachtete ich lange fasziniert Handwerker beim Ab-decken eines Mehrfamilienhauses, die wie von unsichtbarer Hand und nur durch einen knappen und gut sitzenden Zuruf gelenkt ein Ballett mit einem rhythmischen Klatsch in den Container am Boden hinlegten. „Wie?“, und fast strafend sein Blick, „Sie haben Ihre Festspielkarte der Oberkellnerin von gestern gegeben, damit ich nicht ohne Begleitung sei? Gut – ich habe gesagt, sie sieht gut aus – wie reizend ich ihre leicht schnippische Oberlippe finde …“ „Lieber Freund“, un-terbrach ich ihn ruhig, „die Oberkellnerin hat sich sehr über mein Angebot gefreut – vermasseln Sie es nicht! Und wir sehen uns ja im Anschluss hier in der Bar, oder?“ „Sicher, sicher.“

Gegen Mitternacht kam Herr von Perchtoldsdorff alleine in die Bar. Er wollte etwas bestellen und holte bereits tief Luft für seine persönliche, sicherlich außerordentlich geistreiche Don-Giovanni-Kritik. „Nein“, und „la ci darem la mano“ summend, „wir nehmen einen Cognac mit in meine Suite, einverstanden?“ Herr von Perchtoldsdorff zog kaum merklich eine Augenbraue hoch. Ich habe gleich gespürt, dass dieser Mann nicht „nein“ sagen kann – was völlig unerheblich für unser jetziges Zusammensein war – allerdings war es entscheidend für die Tatsache, dass wir überhaupt zusammengefunden haben. Noch mit versteckt skepti-scher Miene folgte er mir in meine Suite.

Der Ausblick ließ nichts zu wünschen übrig. Ich drückte auf die Playlist der Musikanlage und landete mit „Moon River“ gleich einen Volltreffer. Entspannt ließ er sich auf dem Deckchair nieder, nippte am Remy Martin und weitete die Augen, um bloß keinen Stern zu verpassen. Ich holte die grasgedüngte Pfeife hervor und bot sie ihm an. „Ich rauche nicht. Sie überraschen mich.“ „Dann überraschen Sie mich zurück und rauchen eine mit.“ Da musste er lachen, lockerte die Smoking-Fliege und zog den Rauch ein. „Das habe ich ja schon jahrelang nicht mehr gemacht.“ „Ich auch nicht.“ Entsprechend war die Wirkung. Irgendwann streck-ten wir uns der Länge nach auf der Terrasse aus. „When a man loves a woman“ sang Otis Redding. Alles drehte sich, die Erde schlug Wellen und die Sterne wechselten ihre Position anmutiger denn je. Wir kicherten. „Wie schön“, gluckste Herr von Perchtoldsdorff, „wie schön, dass alles so schön ist. Lassen Sie uns tanzen. Was für einen außergewöhnlichen Musikgeschmack Sie haben!“ Ich konnte mich vor Lachen kaum halten. Wir konnten nur daliegen und kichern – aufste-hen, geschweige denn tanzen ging nicht. Und so blieben wir liegen, legten unsere Hände übereinander und lachten.

„Das muss ich Ihnen noch sagen“, meinte Herr von Perchtoldsdorff beim Ab-schied, „ich habe noch nie so schöne gemeinsame Stunden wie mit Ihnen verlebt. Mir tut nur leid, dass unsere Gastgeber nicht dabei waren.“ „Ja, das macht ja auch tausendmal mehr Freude als Opern auf zu engen Stühlen zu hören oder tote Steine zu bewundern oder …“ „ Sie sind eine Epikureerin, eine waschechte“, murmelte Herrn von Perchtoldsdorff. „Was meinten Sie?“ „Ach – nichts.“ „Ich dachte, Sie hätten was gesagt.“ Und er flüsterte: „Ach – da hat nur der Wind ein Lied erzählt …“.

 
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