Emil

Stephan Weiner
10.02.2014
 
Emil
Unser zu Hause ist seit kurzem klein und weiß. Emil und ich wohnen noch nicht sehr lange hier. Wir wurden nicht richtig gefragt, ob wir hier wohnen wollen, hatten aber auch nichts dagegen. Solange wir zusammen sind, brauchen wir uns nicht um etwas anderes zu sorgen. Wir wissen nicht genau, warum wir hier einziehen mussten. Aber wir glauben, es ist wegen der Geschichte mit dem Kugelmenschen – dem Dicken, der uns zu sich eingeladen hat. Seit diesem Abend wissen Emil und ich nämlich, dass wir auch zu den Kugelmenschen gehören.
Emil und ich sind gemeinsam eingeladen. Wir kennen den Gastgeber aus dem Wartezimmer des Arztes, der immer so viel redet. Er möchte uns schon lange einmal zum Abendessen bei sich haben; sagt, er könne uns helfen. Wir wissen nicht, wobei er uns helfen möchte, kommen der Einladung aber achselzuckend nach. Als wir das Haus betreten, blickt der kugelrunde Gastgeber mit winzigen Augen und einem wuchtigen Hals von ein paar Stufen aus uns herab. Emil streckt den Hals empor, ich ducke mich vorsichtshalber ein wenig.
Der Dicke begrüßt uns, nimmt unsere Jacke und führt uns in ein großes Zimmer mit Kamin. Wir sind nicht allein. Sechs Paare haben sich versammelt und mustern uns. In solchen Situationen schicke ich Emil gerne vor. Er ist bei so etwas viel souveräner. Emil macht es Spaß, sich den Gegebenheiten anzupassen. Mit einem Blick hat er die Essenz seines Gegenübers erkannt und beginnt, sie gekonnt zu kopieren. Wir können auf diese Weise sein, was wir wollen. Reich, arm, dick, dünn, schlau, dumm – einfach alles. Das ist ein gutes Gefühl. Seit Emil und ich uns zusammen getan haben, beherrscht mich daher ein Gefühl absoluter Klarheit. Mein Drang nach Freiheit, der offenbar nicht mit der allgemein akzeptierten Ordnung vereinbart werden kann, hat mich oft in Schwierigkeiten gebracht. Doch mit Emil ist der Drang verschwunden. Tatsächlich verspüre ich überhaupt keinen Drang und keinen Wunsch nach Veränderung mehr. Die überraschende Einladung des Dicken zu akzeptieren ist für uns kein Akt der Höflichkeit. Wir tun niemandem einen Gefallen, möchten uns nicht einschmeicheln, um neue Freunde zu gewinnen oder Ähnliches. Wir gehen ohne besondere Absichten durchs Leben und haben nicht vor, etwas daran zu ändern.
Der Gastgeber rollt durchs Zimmer. Lächelt durch die Runde und richtet unangenehm lange seinen Blick auf uns. Wieder ducke ich mich, während Emil den Blick erwidert. „Wir wollen helfen“, sagt er, und versucht seine Stummel-Arme auszubreiten. Allgemeines Nicken begleitet diese Geste. „Wir glauben dazu in der Lage zu sein, da wir früher einmal genauso waren – nämlich Kugelmenschen.“ Emil und ich wissen nicht, was Kugelmenschen sind und scheinen das mit unserem Gesichtsausdruck auch deutlich gemacht zu haben. „Alle hier waren einmal eins“, erklärt der Dicke. „Alle sechs Paare in diesem Raum, waren mehr als nur einer Meinung – sie waren sechs Individuen.“ Er beugt sich leicht nach vorne und betrachtet uns dramatisch durch seine Augenbrauen. „Auch ich und meine Partnerin waren einmal eins", fährt er fort. "Wir sehnten uns nach nichts. Lebten von Tag zu Tag und wünschten uns nur, zusammen zu sein. – Doch ohne Verlangen lebt es sich schlecht. Es macht krank. Das einzig Gute: Wenn man erst merkt, wie krank, dann ist der erste Schritt zur Gesundung, zur Spaltung, zur Normalität schon getan.“ Als der Dicke das Wort „krank“ ausspricht, nicken die 6 Frauen und 6 Männer im Takt, jeweils abwechselnd, zuerst die Männer, dann die Frauen, und scheinen dabei ihr eigenes Gegenteil zu verkörpern. „Wer krank ist, will gesund sein. Wer abhängig ist, will frei sein. Wer in Gefahr ist, sucht die Sicherheit. Wer im Chaos versinkt, entwickelt Regeln zu seiner Bändigung. Wer hasst, will lieben. Wer arm ist, will reich sein. Wer unsicher ist, sucht nach einer Erklärung. Wer stumm ist, sucht nach einem Wortführer. Und wer unterdrückt wird, will sich

emanzipieren!“ Mit dem letzten Satz dreht er sich einmal im Kreis und zeigt dann mit einem seiner speckigen Finger auf eine Tür. Langsam betritt eine dünne Frau den Raum. Wir können nicht anders als zu Starren. Nicht ihre fehlende Statur ist das, was Emil und mich am meisten schockiert, es ist ihre ungeheure Größe. Sie überragt den Dicken in ihrer Länge fast um das Doppelte. Er selbst, klein und fett, sieht daneben wie eine extrem gestauchte Version von ihr aus. „Meine Frau“, schreit er förmlich. Applaus von den anderen Gästen. Emil ist vollkommen entsetzt. Ich sehe es an seinem Gesichtsausdruck. Es wäre besser, jetzt zu gehen, denke ich noch. „Du siehst, wir sind genau wie du. Und wir können helfen. Wir können helfen, dich von ihm zu befreien. Emil. Du musst dich von ihm trennen, um glücklich zu werden. Du musst erkennen, dass du krank bist. Du kannst kein Kugelmensch mehr sein. Du musst dich entzweien und auf die Suche gehen. Musst dich nach einem geeigneten Partner umschauen. Musst Sehnsucht entwickeln. Du kannst nicht für immer alles in dir vereinen. Das ist nicht normal!“ Mit jedem Satz kommt der Regisseur einen Schritt auf uns zu. Emil bekommt Panik. Ich kann noch an mich halten. Plötzlich spüren wir die Wand hinter uns. Wir können nicht weiter zurück. Wir müssen nach vorne. Ich möchte Emil aufhalten, aber es ist zu spät. Wild hämmern seine Fäuste auf die Brust des Dicken. Er weicht zurück und seine Frau versucht sie auseinander zu bringen. Ich greife nach einem Schürhaken neben dem Kamin und steche zu. Blutend liegt die dünne Frau am Boden. Emil und der Dicke lassen voneinander. Die anderen Gäste sehen mich traurig an. Emil und ich verlassen langsam das Haus. Hinter uns hören wir laute Geräusche, Schreie. Wir schauen uns achselzuckend an, laufen zur Straße und in die Stadt, bis wir vor unserer Wohnung stehen. Wir betreten unser Zimmer und werden erwartet. Sie nehmen uns mit und bringen uns in das weiße Zimmer. Emil und mir ist das egal. Wir legen uns hin und träumen von gar nichts
„Wir glauben nicht an die Kugelmenschen“, sagt der Mann mit dem weißen Bart. Emil und ich sitzen aufrecht auf unserem Bett und starren auf unsere Fußspitzen. Es sind nur zwei. „Es ist Okay sich nach Gesundheit zu sehnen, Emil, wenn man erkennt, dass man krank ist“, fährt der Mann fort. „Wir sind zu zweit und du bist nicht rund. Kannst nicht in zwei verschiedene Richtungen sehen. Bist einfach nur du.“ Der Mann spricht mit Emil, ich schaue zu. Was er sagt, ergibt keinen Sinn. Wie können Emil und ich nur in eine Richtung sehen? Wieso sollte ich mich nach Gesundheit sehnen? Wieso sollte ich mich überhaupt nach etwas sehnen, wo Emil und ich doch alles haben? Wir beschließen, dem alten Mann, der uns trennen will, nicht zu glauben. Wir beschließen, uns wieder hinzulegen und von gar nichts zu träumen.
 
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