Emilie auf dem Sessellift

Annette Dressel
20.02.2018
 
Emilie auf dem Sessellift
Tick, Tack, Tick … Tack. Endlich. Der Zeiger der Uhr machte die Fünf voll. Nur noch eine Stunde bis zum Feierabend. Quendula saß in der Talstation hinter der Scheibe und überlegte, was sie am Abend kochen konnte. Einen Salat? Aber das würde Pfeiffer nicht genügen. Seit drei Jahren war sie mit ihm verlobt, jedoch einen Heiratsantrag hatte er ihr noch nicht gemacht. Immer noch nicht.
Auf der Weide unterhalb der Bergstation käute Emilie das Gras wieder und schüttelte verdrießlich ihr Haupt. Jedes Wesen, ob Mensch, Hund, Katze, Maus, Fuchs, Hase konnte sich frei bewegen, nur sie war eingesperrt auf dieser Weide.
Sehnsüchtig schaute sie hoch zur Seilbahn, die direkt über ihr verlief. Wie aufregend das sein musste, durch die Luft getragen zu werden, ohne dass die Hufe den Boden berührten. Einmal, ein einziges Mal mit dem Sessellift den Berg hinauf zu schweben, davon träumte sie. So vertieft war Emilie in ihre Träumereien, dass sie den Schäferhund, der mit gesträubtem Nackenhaar auf sie zurannte, erst wahrnahm, als
er sie in die Flanke zwickte. Vor Schreck machte sie einen Satz, dass ihr die Milch aus dem Euter spritzte, krachte gegen den hölzernen Zaun, der Pfosten gab nach und mitten im Zaun prangte ein Loch. Im ersten Moment gedachte sie, zurück
auf die Weide zu gehen, aber dann wurde ihr klar: Der Weg war frei. Außer sich vor Freude schlug sie mit den Hinterbeinen aus, kickte dabei den kläffenden Köter, dass er ohnmächtig wurde, und machte sich auf und davon. Wenn sie sich beeilte, würde sie die Talstation erreichen, bevor der Lift abgeschaltet wurde.
Zwei Minuten später läutete auf der Polizeistation in Lana das Telefon. „Kuh entwischt, Hund verletzt.“ So etwas war Pfeiffer in seiner Karriere bisher nicht untergekommen. Nun, eine Kuh einzufangen dürfte kein Problem sein, nicht für
ihn. Er rief den Veterinär an, der sich um den Hund kümmern sollte und verließ in Vorfreude auf eine Fahrt mit dem Motorrad das Büro. Die Maschine war groß, schwer und laut. Pfeiffer litt seit seiner Kindheit darunter, dass er klein und dünn war. Selbst seine Stimme hatte sich nie zu einem männlichen Bass entwickelt. Er ließ den Motor ordentlich aufheulen und brauste davon.
Emilie indes kam auf ihrem Weg an einem Gasthaus vorbei. Voller Neugierde warf sie einen Blick durch das offene Fenster, aus dem heraus eine Musik erklang, die wie ein sanftes Streicheln in ihrem Fell kribbelte.
„Schau mal Liebling, eine Kuh“, rief eine Frau. Emilie strafte die Dame mit Verachtung. Sie starrte auf einen Mann, der an einem Kasten saß und dessen Finger über weiße und schwarze Tasten wanderten. Neben ihm stand eine Frau, deren Stimme klang, als flatterte ein Schmetterling von Blüte zu Blüte.
Einige Gäste prosteten sich lauthals zu, doch die Sängerin ließ sich davon nicht stören und tauschte mit dem Musiker einen Blick, als wären die Beiden ganz unter sich. Zärtlichkeit strömte aus diesem Blick und ein goldenes Licht, das wie ein Nebel in der Morgensonne zur Decke des Raumes empor waberte, einen kurzen Moment still stand und sich schließlich wie ein Mantel um die beiden legte. Kaum war das Lied zu Ende, ergriffen die Musiker zwei langstielige Gläser, die der Kellner auf dem Kasten abgestellt hatte, stießen miteinander an und tranken. Als hätten sie sich mit der Wanduhr abgesprochen, gab diese exakt in selbigem Moment zwei klangvolle Töne von sich. Halb sechs. Der Radiosprecher brachte eine Meldung von der entlaufenen Kuh. Motorengeräusche näherten sich und einer der Gäste zeigte auf Emilie: „Haltet sie auf!“
Derart aufgeschreckt drehte sich Emilie auf ihren Hinterbeinen einmal im Kreis und verschwand. Keiner hätte ihr einen solch eleganten Abgang zugetraut. Pfeiffer sah nur noch einen dampfenden Kuhfladen.
„Wenn Pfeiffer die Kuh einfängt“, überlegte Quendula, „wird er am Abend wieder mit seinen Heldentaten prahlen.“ Noch zehn Minuten bis zum Feierabend. Sie fühlte mit dem Tier. Ihr prahlender „Held“ konnte ziemlich gemein werden. Ausgerechnet ihm hatte sie ihr Herz geschenkt. Neben dem zierlichen Mann wirkte sie noch größer und dicker, als sie ohnehin war. In der Ferne heulte ein Motor auf. Mitten durch den Kuhfladen preschte Pfeiffer und fluchte auf diese blöde Kuh. Doch nur weil Emilie eine Kuh war, hieß das noch lange nicht, dass sie blöd war. Sie flüchtete in ein nahe
gelegenes Wäldchen, in dem eine alte Wildsau hauste, die, das wusste Emilie, lärmende Menschen hasste. Schon kam der selbstbewusste Polizist angeknattert, die Sau schoss aus dem Dickicht hervor und brachte den Lärmverursacher zu Fall.
„So eine Scheiße“, schimpfte Pfeiffer, sortierte seine Knochen und holte sein Handy aus der Tasche. „Kuh unterwegs Richtung Talstation, Polizist verletzt“, hörte Quendula den Radiosprecher in den 18.00-Uhr-Nachrichten. Das muss eine außergewöhnliche Kuh sein, dachte sie, hievte ihren schweren Körper vom Stuhl in die Höhe und schaltete den Sessellift aus. Dann trat sie ins Freie, streckte sich und merkte gar nicht, wie sich das Tier von hinten annäherte. Emilie hatte sich wirklich beeilt, aber der Umweg über das Wäldchen hatte sie Zeit gekostet. Der Lift stand still! Sie war zu spät gekommen. In ihrer Not stapfte sie auf die große, dicke Frau zu, die gerade die Türe der Talstation absperrte und stieß sie von hinten sanft in den Rücken. Sanft! Emilie war eine sehr sanfte Kuh. Aber Quendula erschrak dermaßen, dass sie Mühe hatte, nicht in Ohmacht zu fallen.
„Muuuhhhh“, sang die Kuh leise. Jetzt fürchtete Quendula noch mehr, in Ohnmacht zu fallen. Die Kuh hatte gesungen! Und ein goldenes Licht ging von dem Tier aus, bei dessen Anblick ihr ganz warm ums Herz wurde. Quendula versank in den Tiefen der Kuhaugen, die sie voller Sehnsucht anschauten, und sie verstand:
„Du willst auf den Lift?“ Emilie atmete ein. „Aber es ist schon nach Sechs!“ In der Pause, die daraufhin entstand, hätte sie schwören können, im Auge der Kuh eine Träne zu sehen. Nun war Quendula zwar groß und dick und wirklich kein Mensch, den man hübsch nennen würde, aber in ihrer Brust schlug ein Herz voller Liebe. Irgendwie schaffte sie es, Emilie auf den Lift zu hieven, ging noch einmal in die Räume der Station und legte den Hebel um. Da ging es bergauf mit der Kuh, auf dem Sessel, der, wenn er zwischen den Pfosten schwebte, tief nach unten durchhing. Als Pfeiffer angehumpelt kam, konnte er nur noch dem Viech hinterher schauen. Quendula schwor später, dass sie im Gesicht der Kuh ein Lächeln gesehen
hatte. Seither sieht man sie manchmal bei Emilie auf der Weide sitzen, und wenn man die beiden beobachtet, könnte man meinen, Quendula lauschte, als würde die Kuh ihr etwas erzählen, oder gar vorsingen.
Pfeiffer hat ihr inzwischen einen Heiratsantrag gemacht, aber Quendula meinte, sie sollten nichts überstürzen.
 
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