Empathie

Raimund Kasten
11.02.2014
 
Empathie
Er starrte auf den Begriff. Starrte, ohne zu begreifen. Warum nicht Sympathie? Besser noch Apathie. Aber ausgerechnet Empathie. Er schob das Blatt Papier von sich weg und stieß sich mit den Füßen ab, so dass sein Schreibtischstuhl mit Schwung zurück rollte.
Nach kurzem Zögern stand er auf, griff sich seine Jacke und sprang die Treppe nach unten. Wie immer gab es eine kurze Mitteilung an seine Mutter auf einem kleinen Zettel des Notizblocks, bevor er aus der Haustür trat. Was den Lehrern auch immer einfiel. ABM-Maßnahme. Noch neben dem Betriebspraktikum eine schriftliche Aufgabe. Seit zwei Wochen saß er vor dem leeren Bogen und hatte außer Wikipedia noch keine weitere Idee.
Er sah auf die Uhr. Noch eine viertel Stunde bis zum Arbeitsbeginn.
Schon im Flur der Seniorenresidenz schlug ihm der vertraute Geruch entgegen. Vertraut hieß nicht unbedingt angenehm. Eine spezielle Essenz mit Bananenaroma überdeckte den Geruch von Urin und Fäkalien. Wenn man das wusste, verdeckte sie nichts mehr. Die Fantasie konnte einem das Leben schwer machen. Altern als unwürdiger Prozess. Altern und seine tabuisierten Nebenerscheinungen. Wer freut sich schon auf das Alter, den letzten Lebensabschnitt? Mit all seinen Beeinträchtigungen. Starrsinn und Vergesslichkeit sind noch die harmlosesten Vertreter der TOP 100 in der Hitliste der geriatrischen Erkrankungen. Zu den Nebenwirkungen des Alterns fragen Sie Ihren Arzt oder Pfleger.
Im Raum der Angestellten öffnete er seinen Spind und streifte sich den grauen Kittel über. Dann wusch er sich seine Hände, desinfizierte sie und warf einen Blick auf den Arbeitsplan, der am schwarzen Brett neben der Tür hing. Zweiter Stock heute.
Konstantin befestigte die Liste mit den Tätigkeiten, die er zu verrichten hatte unter dem Bügel des Klemmbrettes. Das Tablett mit den Medikamenten stand schon bereit. Alte Menschen sichern der Pharmaindustrie das Überleben. Demografischer Wandel als aufstrebender Wirtschaftszweig. Bis die Altersarmut den Prozess umkehrt. Der Fahrstuhl fuhr besonders langsam heute. Alte Menschen bewegen sich langsam. Sie sind ein Hindernis für alle Schnelleren. In er Regel Jüngere. Fuhren mit 40 auf der Überholspur, verursachten einen Stau beim Einparken, übersahen kleine Kinder, wenn sie auf die Straße liefen, ließen das Eis schmelzen, wenn man an der Kasse des Supermarktes stand und es eilig hatte. Welches Verständnis sollte man da als junger Mensch aufbringen? Altes Eisen. Das war die Realität.
Im Flur hing sein Blick an den Türen der Appartements. Einige waren mit Kinderbildern geschmückt, um andere Türen rankten Reste von vertrocknetem Efeu, die von irgendwelchen vergangenen Jubiläen kündeten. Kaum einer der Jubilare hatte es bewusst mitbekommen. Oder doch? Neu war die Idee, Portraits der Bewohner neben die Tür zu hängen. Portraits, die mit der Person hinter der Tür kaum noch etwas gemein hatten. Das erzeugte in Konstantin ein eigentümliches Gefühl. Großer Gott. Was für eine Show. Traut sich keiner, ein aktuelles Bild aufzuhängen? Oder will man niemanden mit dem Bild eines alten Menschen abschrecken? Vor der nächsten Tür blieb er kurz stehen. Kein Bild, kein Schmuck. Ein kleines Schild mit einem Namen. Es wirkte trotzdem anonym. Er klopfte. Keine Reaktion. Auch ein lauteres Klopfen ergab keine Antwort. Aus seiner Tasche zückte er den Generalschlüssel und öffnete. Es roch bestialisch. Teile des Geschirrs lagen am Boden. Aus einer umgeworfenen Wasserflasche tröpfelte Flüssigkeit. Konstantin näherte sich dem Bett in dem der alte Mann lag und konnte seinen Ekel kaum verbergen. Er lag mit dem Rücken zu ihm. Die Decke war hochgerutscht. Mit Kot verschmiertes Bettzeug und Schlafanzug. Die Unterlage nass vom Urin. Plötzlich drehte sich der Mann im Bett um, schlug mit der Hand nach ihm. Er konnte nicht mehr ausweichen und das Tablett fiel zu Boden. Lautes Scheppern. Scherben verteilten sich klirrend im Raum. Und dazu die gequälten Hilferufe. „Scheiße!“, rief Konstantin in seinem Schreck. Und erschrak gleich noch einmal. Mit lautem Krach wurde die Tür aufgestoßen und eine voluminöse Stationsschwester stürmte in den Raum.
„Was ist hier denn los!“, brüllte sie und stemmte beide Hände in ihre umfangreichen Hüften. Sie drehte sich sofort zu dem alten Mann und überschüttete ihn mit Schimpfwörtern, die Konstantin für die Gosse eher geeignet erschienen. Der alte Mann reagierte unbeirrt mit weiteren Hilferufen. Die Schwester packte genervt zu. Zerrte Bettlaken und Decke vom Bett wobei sie Konstantin anwies, nur ja kräftig am Tuch zu ziehen, weil die Alten ohne Muskelspannung und damit reichlich schwer waren. Fast hätten sie den alten Mann aus dem Bett geworfen. Er bekam gerade noch Gerdas Arm zu fassen und krallte sich fest. Dann ging es sehr schnell. Er spuckte ihr ins Gesicht. Unendliche Bruchteile einer Sekunde blieb die Zeit stehen. Als Antwort krachte Gerdas rechte Hand ins Gesicht des Alten. Blutspritzer, ein Schrei, Stille. Die Schwester war wutentbrannt verschwunden. Keuchen. Sein Keuchen. Unschlüssigkeit. Er verspürte den Drang zu fliehen. Aber er konnte den alten Menschen doch nicht hier und schon gar nicht so liegen lassen und so entschloss er sich zu handeln. Eine halbe Stunde später hatte er alles ohne Widerstand des alten Mannes in Ordnung gebracht. Er saß erschöpft auf dem Stuhl neben dem Bett und betrachtete den Mann, der sich jetzt langsam umdrehte. Ein langer Blick aus wässrigen Augen. Eingefallene Wangen, schmaler Mund. Die Haut fleckig und schlecht rasiert. Schorf an vielen Stellen des Kopfes.
„Danke“. Kaum hörbar, dennoch verstanden. Ein lichter Moment. Das Bedürfnis, sich genau in diesem Moment mitzuteilen. Die Gegenwart als Summe der Vergangenheit. Da kommt viel zusammen. Geboren ohne Anspruch auf Bedürfnisse, die Jugend bis ins letzte Detail organisiert, stark gealtert schon in den ersten zwanzig Jahren seines Lebens. Wie viele seiner Generation. Als Flakhelfer sinnlos in den letzten Kriegsjahren eingesetzt, verletzt, verheizt. Kriegsbeschädigt oder Schwerkriegsbeschädigt nannte man das hinterher. Eine kleine Rente für den Einsatz seines Lebens. Der Dank des Vaterlandes. Trotzdem Karriere bis zum Prokuristen, Familie mit adoptierten Kindern. Ein Leben für andere. Dann die Demenz, eine Spätfolge der Kriegsverletzung. Aggressionen gegen andere, die ihn selbst erschreckten. Dann kam die Inkontinenz, die ihn demütigte, kurz darauf die Pflegestufe. Aus. Selbst das Ende hatte er nicht mehr in der eigenen Hand. Es kam zu überraschend. Letzte Station Pflegeheim.
Ohne Zuhörer. Ohne Zuwendung. Ohne Liebe.
Welchen Wert hat das Leben?
Konstantin saß noch auf dem Stuhl, obwohl der alte Mann längst erschöpft eingeschlafen war.

„Empathie“
Konstantin zögerte nicht, nahm sich Papier und Stift und begann zu schreiben.
 
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