Endlos Erdbeeren

Elisabetta Bortolotti
05.04.2016
 
Endlos Erdbeeren
Silvia sitzt auf der Truhe und schaut auf den Regen draußen vor dem Fenster. Sie ist in Gedanken versunken, abwesend. Seitdem sie zurück ist, hat sie wieder und wieder versucht, ihrer Mutter eine Geschichte zu erzählen, die diese jedoch nicht hören will.
Rosa werkelt am Feuer, wendet die Scheite, verbrennt schwerwiegende Erinnerungen.
„Meine absurde Rückkehr nach Italien ist mir fast unerträglich geworden. Grau wie dieser Regen.“ So legt Silvia plötzlich los.
Rosa wendet ihr den Rücken zu, spürt jedoch den Blick ihrer Tochter auf sich. Silvia spricht ohne Unterbrechung, ohne Punkt und Komma.
„Mama, ich will wieder fort. Äthiopien, das haftet wie eine zweite Haut an dir, wenn du es einmal kennengelernt hast, du weißt es doch. Alles bleibt an dir hängen, wie die Kinder laufen, die schweißgebadeten Körper der Leute, die rote Erde. Afrika bleibt an dir hängen wie Malaria, wie eine Krankheit.“
Rosa wird nervös und hört auf das Holz zu wenden. Sie richtet ihren Blick auf einen Punkt und hört zu.
„Es waren harte und volle Tage. Aufstehen am Morgengrauen, unendliche Fahrten von einem Schlammdorf zum anderen. Unwegsame, beschwerliche Straßen, immer voll konzentriert, bei erdrückender Hitze. Wenige Tage nach meiner Ankunft in Addis bin ich mit Haile gestartet, Richtung Süden. Wir haben Kilometer und Tage hinuntergespult, bis jenseits der Seen von Zuway, Abiata und Langano, bis hinunter nach Arba Minch. Du wirst es nicht glauben: Kurz außerhalb von Addis gibt es jetzt endlos Erdbeerfelder, so dass man meint, man sei in Sant'Orsola.“
Silvia lacht: Sie schließt ihre Augen, lehnt den Kopf zurück, ihr Lachen wird lauter.
„Wir hatten auch einen Arbre magique mit Erdbeergeschmack, der am Rückspiegel des Jeeps hing und die ganze Zeit in meinem Blickfeld war. Die Straßen waren immer voller Tiere, an den Rändern tanzende und singende Kinder. Und die Frauen, die unfassbare Lasten trugen. Am ersten Abend, als wir ankamen, gab es in unserem kleinen Hotelzimmer keinen Strom, nur kaltes Wasser und Mücken und die Spülung, die ständig rann. Doch dann fand ich eine Box, die man an den iPod koppeln konnte, um die Musik im Auto zu verstärken, und es war ok. C’est l’Afrique.”
Rosa folgt ihr aufmerksam, versucht durch die Augen ihrer Tochter zu sehen.
„Es waren schwüle und rastlose Tage. Abends gesellte sich immer der Regen der Trockenperiode zu uns und wir tranken kühles Bier bei herrlichem Sonnenuntergang: Die Sonne hing wie ein Feuerball in einer Akazie. In Jinka, da gibt es auch einen Flughafen! Einen Streifen Gras und Gräben, auf dem die Kinder Fußball spielen und die Ziegen ungestört grasen. Wir haben nicht ein einziges Flugzeug landen gesehen, man hat uns aber versichert, dass es welche gäbe.“
Erneut sucht Silvia ihre Mutter mit den Worten. Rosa unterbricht sie nicht.
„Du erinnerst dich vielleicht noch: Jinka, das Tor zum Naturpark, in dem das Mursi-Volk lebt. Schwarze, groß gewachsene Krieger, die sich als Schmuck geometrische Figuren ins Fleisch schneiden, und Frauen, die sich Tonteller in die Unterlippe setzen. Von dort aus sind wir weiter gefahren, die Piste entlang bis ins Land der rot bemalten Körper der Karo, dann den Omo-Fluss entlang bis an die Grenze zu Kenya. Mein Gott, wie waren wir dort von unserer zivilisierten Welt entfernt, wenn diese Bezeichnung überhaupt noch Sinn hat. Im Auto liefen Teddy Afro, Fabrizio de André, Aster Aweke und U2 bei voller Lautstärke. Musik hat weder Geruch noch Farbe. Im Auto war es kochend heiß und die Fenster waren zu, um den Staub fernzuhalten, der trotzdem hereinkam und überall festklebte. Wie benommen klebte ich mit der Nase am Fenster und sah verwundert nach draußen, auf die riesigen Termitenhügel, die zum Himmel emporragten, und saugte jede Sekunde dieses Landes auf, das so abseits von allem war.“
Rosa erinnert sich durchaus an ihre kleine Tochter, wie sie verzaubert ihren Geschichten lauschte. Sie sieht sie wieder vor sich.
„Die Stämme sind unberührt. Ein herrliches Volk, stolz wie es nur die Äthiopier sein können. Die Menschen dort unterscheiden sich je nach Haartracht oder je nachdem, wie sie ihre muskulösen Körper tätowieren. Vielleicht hat sie das Misstrauen über die Jahre von der Globalisierung fern gehalten und ihre uralten Bräuche bewahrt, wer weiß, wie lange noch. Als wir auf dem Markt von Dimeka Hamer-Leute trafen, schien es, als ob sie uns gar nicht bemerken würden, die wir uns mit ihnen beschäftigten. Die Frauen trugen Fuß- und Halsketten aus Eisen, am Kopf eine zierliche Pagenfrisur, deren Zöpfe mit Lehm und Butter vermischt waren. Die Männer saßen auf einem handbreit hohen Hocker, ihre Unterschenkel in einen Kniestrumpf gewickelt, der wie weiße Spitze aussah. Sie warteten auf einer schwülen Tenne bei vierzig Grad und versuchten ihr Gewürz und ihren Tabak zu verkaufen und beendeten den Tag mit einem Fußmarsch von mehreren Kilometern, der sie bis zu ihren Bambushütten mit dem glühenden Wellenblechdach führte.“
Silvia hält kurz inne. Eine Pause, sie scheint jetzt trauriger zu sein.
„Nach der Dürre des Südens sind wir langsam höher gestiegen, die Landschaft entfaltete sich in einem Prachtspiel von Farben, die denen unserer Berge glichen. Vom Straßenrand aus sah ich plötzlich eine kleine Lache, die von hier oben aus einem See aus Pech glich. Wie Dantes Inferno. Ich lief hinunter, vorbei an mit Säcken beladenen Eseln. Schwarze, nackte Männer stiegen in die Lache und gruben mit Händen und Füßen nach einer schlammigen und teerig-schwarzen Masse: Salz. Die Sonne glühte und schien wie durch einen Trichter auf diese Verdammten herab, trocknete ihre nasse Haut, so dass sie ihre Farbe wechselten und uns ähnlicher wurden. Wenig später kamen die singenden Löcher, die nach mir riefen wie die Sirenen nach den Seefahrern. Eine Menschenschlange, die etwa dreißig Meter hinabstieg, um den Herden von Kühen und Dromedaren Wasser zur Trinkstelle zu bringen, Eimer um Eimer. Ich war hingerissen von diesem Gewirr von Körpern, Armen, Wasser und Schweiß, das ein und demselben Gesang folgte. Als ich wieder erwachte, war es schon spät, es war Abend in Negele Borana und es fand gerade das Fest der äthiopischen Soldaten statt, die Mogadischu verließen und die das von uns reservierte Zimmer bekommen hatten. Wir haben also im Garten eines Hotels gecampt.“
Silvia streckt sich nach ihrer Mutter aus, sucht ihre Hand.
„Ich habe gesehen, wo du ihn zurückgelassen hast, Mutter, wo er ruht. Italien ist für mich jetzt weit weg. Es fehlt mir das Land, das mein Land ist.“
Rosa weint, leise und unbemerkt. Speichel und Salz vermischen sich in ihrem Mund. Aus dem Radio tönt Vasco Rossi mit den Worten eines seiner Lieder: „ … als das Leben leichter war und man auch Erdbeeren essen konnte ...“
Rosa erinnert sich gut an die Stimmen der Kinder, deren iù iù, farangji farangji, an das Lachen der Frauen beim Berühren ihrer hellen Haut, an ihre Haarklammern, den starken Geruch des Weihrauchs, an die Hitze, die vom Boden emporstieg.
Sie weiß, dass Silvia die staubige Piste dem Asphalt vorziehen wird.
Sie weiß, dass sie sie verlieren wird, wie schon damals.
„Du bist wie dein Vater“, denkt sie.

Aus dem Italienischen von Lorenzo Bonosi

 
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