Erinnerungen an das Grödnerbahnl

Gottfried Solderer
10.10.2009
 
Da staunte ein Bauer aus Lajen nicht schlecht. Da forderten ihn doch glatt zwei Geometer auf, seine Haustüre aufzusperren, damit man die Trasse für die neue Grödnerbahn bemessen könne. Der Bauer tat, worum man ihn bat, lehnte sich an die Hausmauer und schaute eine Weile lang zu. Als ihn die Geometer schließlich baten, auch noch die Hintertür aufzumachen, damit man mit den Messgeräten durchschauen konnte, wurde es ihm zu bunt. „Dass die Bahn kommt“, konstatierte er, „wird schon in Ordnung sein.“ Er habe aber nicht die Zeit, jedes Mal beide Türen aufzumachen, wenn der Zug durchfahren wolle.

Man schrieb das Jahr 1916. An zahlreichen Fronten tobte der Erste Weltkrieg. Schon wurde der Nachschub für die Soldaten knapp, so dass sich die im Sterben liegende Monarchie entschied, überall, wo es ging, Bahnen zu bauen. So auch von Klausen nach Gröden. Nach nur viereinhalb Monaten stand die Bahn, als Nachschublinie für die Dolomitenfront. Dabei waren bis zu 10.000 Arbeitskräfte im Einsatz: 500 Zivilarbeiter, 3.500 Soldaten sowie 6.000 vornehmlich russische Kriegsgefangene. 1916 wurde der Verkehr auf der 31 Kilometer langen Trasse aufgenommen, mit Lokomotiven, die aus der heutigen Slowakei stammten.

Und mit der Inbetriebnahme beginnen auch schon die Histörchen. Die Bahn war niemals besonders leistungsstark und schnell. Für die 14 Kilometer von Klausen nach St.Peter/Lajen benötigte sie beispielsweise eine volle Stunde. Man konnte teilweise sogar daneben herlaufen oder das schnaubende und speiende Ungetüm mit dem Fahrrad überholen. So sprang beispielsweise einmal der Lajener Briefträger aus dem fahrenden Zug, um seine Arbeit zu Fuß fortzusetzen. Als ihn jemand am Sonntag darauf auf dem Kirchplatz fragte, warum er denn nicht weitergefahren sei, gab er kurz und bündig zur Antwort: „Weil ich einen Expressbrief dabei hatte.“

Ich selbst wuchs auf einem kleinen Bauernhof in St.Peter bei Lajen auf. Da wegen der Meereshöhe (1.235) weder Äpfel noch Kastanien wuchsen, sollten wir Kinder diese immer wieder bei einer Tante im Lajener Ried holen. Um mit den schweren Rucksäcken von ihrem Heimathaus zum Bahnhof zu gelangen, musste man aber einen Fußmarsch von einer knappen Stunde in Kauf nehmen. Um das zu vermeiden, baten wir schon vor der Hinfahrt den Lokführer, beim Hof der Tante zwar nicht stehen zu bleiben, aber so langsam zu fahren, dass man gefahrlos abspringen konnte. Er erfüllte uns den Wunsch, ließ uns auch auf der Rückfahrt wieder aufspringen, und unsere Tante reichte ihm zum Dank jedes Mal einen Korb Äpfel in die Lok. Der Zug fuhr durchwegs sehr langsam, so dass wir auch keinen Fahrplan benötigten. Wir brauchten bloß zu Hause zu starten, sobald an einer gewissen Stelle im Wald der Dampf aufstieg. Wir waren dann zeitgleich mit dem Zug am Bahnhof, wo er ohnehin jedes Mal eine Viertelstunde lang Wasser tanken musste.

Auch sonst brachte die Grödnerbahn für uns allerlei Vorteile. Der riesige Heizkessel wurde mit Steinkohlen gefüttert. Der Lokführer öffnete dazu eine Luke, in die er die Kohle schaufelte. Dabei fielen immer wieder Stücke auf den Boden, auf die es mein Vater abgesehen hatte. Er war neben der Bauernschaft Schmied, konnte sich wegen der hohen Kosten aber nur Holzkohle leisten. So beauftragte er uns, in den wenigen freien Stunden am Hof, entlang der Strecke die herausgefallenen Kohlen einzusammeln und mit dem Buckelkorb nach Hause zu tragen. Als er dann in seiner Schmiede das Feuer entfachte, strahlten seine Augen, hatte doch die Steinkohle einen weitaus höheren Heizwert als die Holzkohle. Einmal allerdings sollte es schief gehen. Er hatte gerade das Feuer entfacht, die Steinkohle aufgeschichtet und mich beauftragt, den Blasebalg zu betätigen. Mir gefiel der Auftrag und ich trat munter aufs Pedal. Als der Vater nach einer Weile zurückkam und den Lötkolben aus dem Feuer nehmen wollte, hielt er nur mehr den Schaft in der Hand, das Kupfer war weggeschmolzen.

Das war aber nicht das einzige Unglück, das der Grödnerzug, in diesem Falle indirekt, angerichtet hat. Er stieß auch immer wieder Funken aus dem Kamin, die im trockenen Gras der Böschung Schadenfeuer entfachten. Ja, einmal zündete der Zug sogar ein ganzes Haus an. Da es bei uns im Dorf damals noch keine modern ausgerüstete Feuerwehr gab, mussten die Bauern selbst mit allerlei Löschgeräten den Flammen zu Leibe rücken.

Preislich fuhr man mit der Grödnerbahn sehr günstig. Allerdings musste man für den Transport von Kleintieren wie Hunden oder Katzen denselben Betrag berappen, wie für eine Person. Nun hat uns die Mutter immer wieder mit einem lebenden Gigger nach St.Ulrich zu ihren Butter- und Eierkunden geschickt. Wir steckten ihn zu diesem Zweck in einen Korb, banden eine blaue Schürze darüber und versteckten den schwarzfahrenden Gigger dann unter der Holzbank des Zuges. Das ging meistens solange gut, bis der Schaffner kam. Als dieser dann sein pflichtgemäßes „Biglietto prego“ in das Abteil rief, antwortete meistens der versteckte Hahn mit einem „Gogogog“. Nur selten setzte es aber eine Strafe, in den allermeisten Fällen setzte der Schaffner nach einem Augenzwinkern seine Pflichttour fort.

Einem Hahn allerdings ging der Grödnerzug auf dem Bahnhof von St. Peter Lajen an den Kragen. Es war der Hahn des Bahnhofsvorstehers Rocco. Ich saß auf der Bank des letzten Abteils. Der Zug fuhr los, als sich die Luft plötzlich mit Federn füllte und ein ausgeisternder Gigger wie wild auf dem Bahnsteig flatterte. Ebenso gestikulierend rannte der Bahnhofsvorsteher aus seinem Häuschen und schrie „O mio dio, il mio povero gallo“. Er war buchstäblich unter die Räder gekommen.

Dasselbe Schicksal widerfuhr wenig später der Bahn selbst. Fehlende Einnahmen und die Konkurrenz des Automobils brachten 1960 das Aus. Als der letzte Zug Richtung Klausen fuhr, war er mit Girlanden geschmückt, wir liefen wiederum neben ihm her, auf dem letzten Wagon spielte die Musikkapelle. Es waren traurige Weisen.

Ein Nachtrag: Anlässlich des Baues der Bahn wurde 1916 der Grödner Bildhauer Johann Baptist Moroder durch Feldmarschall Conrad von Hötzendorf mit vier großen Skulpturen, darstellend die heilige Barbara, Schutzpatronin der Eisenbahner, die Apostel Petrus und Paulus und einen Adler aus Beton beauftragt. Dieser thront heute noch an seiner Stelle zwischen Klausen und Lajener Ried. Voreilige Patrioten verwechselten den Adler vor einigen Jahren mit einem faschistischen Relikt und beschmierten ihn. Erst nach genauem Hinschauen entdeckten sie eine Bronzetafel mit dem Wortlaut: „Dieses Denkmal wurde anlässlich des Baues der Grödner Schmalspurbahn von der 29. K.k Eisenbahnkompanie beim Viadukt-Conrad von Hötzendorf (Generalstabschef der k.k Armee) errichtet.“ Er zeigt den österreichischen Reichsadler und war die erste Betonskulptur Südtirols.


 
 
 
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