Erwartungen

Erich Grasdorf
18.06.2008
 
Zürich. Im Tram der Linie 11. In meinem Rücken höre ich eine männliche Stimme: "Eigentlich hatte ich erwartet ..." Eine weibliche unterbricht: "Ich bin nicht auf der Welt, um Erwartungen zu erfüllen." Nun denn, denke ich so vor mich hin, da ist was dran. Und schon vernehme ich – selbstverständlich vollkommen unbeabsichtigt, aber durchaus nicht abgeneigt – was er von ihr erwartet.

Nämlich an einem Geschenk Teil zu haben, das er ihr zum Geburtstag gemacht hat: einen Gutschein für einen Städteflug. Gültig für sie und eine Begleitperson. Doch nicht er ist der Auserwählte. Sie will mit einer Freundin nach London:

"Du bekommst ja schon Krämpfe, wenn ich bei Harrods nur vorm Schaufenster stehen bleibe." Keine Ahnung, wie die Geschichte weiter geht. Die beiden steigen am Paradeplatz aus. Ich bin mir ziemlich sicher: Sie lässt sich nicht mehr umpolen.

Ich muss noch ein paar Stationen sitzen bleiben und überlege mir, welche Erwartungen ich alle nicht erfüllt habe. Zum Beispiel – lang ist es her – die meiner Eltern, zu studieren: "Lieber werde ich Fensterputzer". Oder – ganz aktuell – die eines Weinhändlers, der mir eine Musterflasche zuschickt:

"Sorry, so gut ist der nicht, dass ich ihn empfehlen kann." Die meines Auftraggebers, dass ich die Rechnung für den Business-Lunch übernehme:
"Wer war eigentlich letztes Mal dran?"

Und welche meiner Erwartungen sind in letzter Zeit nicht erfüllt worden? Die, dass ein Kollege mir die geliehenen 100 Franken in nützlicher Frist zurückzahlt: "Du hast es morgen, garantiert." Oder, dass meine LAP (also Lebensabschnittpartnerin) freudig zustimmt, wenn ich sie ins Schauspielhaus (Miss Sarah Thompson, Lessing) einlade: "Sorry, heute habe ich schon abgemacht." Oder, dass meine Tochter das wahnwitzig schöne, aus Wien importierte Paar Schuhe toll findet: "Ich weiss nicht so recht."

Sagen wir einmal so: Manche Erwartungen sind durchaus legitim. Nennen wir sie zur besseren Abgrenzung einmal Verpflichtungen, die durch irgendwelche Absprachen oder Verträge abgefedert sind. Klar: Meine Redaktorin erwartet zu
Recht, dass ich meine Reportage pünktlich liefere. Meine Kinder konnten erwarten, dass ich sie kleide, nähre und mit Taschengeld versorge. Meine Bank, dass ich genug Geld auf dem Konto habe, um die Hypothekarzinsen zu blechen.

Aber ansonsten? Ansonsten bin auch ich nicht länger bereit, irgendwelche stillschweigend und ohne mein Wissen in mich gesetzte Erwartungen zu erfüllen, denen ich gar nicht nachkommen kann, mag, will. Punkt.
 
 
 
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