Es könnte alles so leicht sein

Julia Uding
05.04.2016
 
Es könnte alles so leicht sein
Es war Anfang September, nachts schon kühl, und wir fuhren in die Wälder. Am meisten freute ich mich auf den Sternenhimmel. Denn da draußen gab es sie noch: die Sterne. In der Stadt vermisste ich sie oft.
Wir kamen an und unsere Blockhütte auf Stelzen bot: nichts. Nur blanke Holzböden. Kein Wasser. Keinen Strom. Herrlich! Um dem Einbruch der Dunkelheit zuvorzukommen, mussten wir uns schon beeilen. Schnell Schlafzeug und Proviant die knarzende Leiter hochgetragen. Isomatten ausgerollt, drauf gewartet, dass sie sich von selbst aufpusten. Schlafsäcke drauf. Wir drauf. Sonnenuntergangsstimmung.
Am nächsten Tag mit Rückenschmerzen aufgewacht. Gestreckt. Und dann: raus! Moos unter den Schuhen. Ein weiter Weg vor uns. Der Wald: ein rauschendes Meer von Grün. Unter den Bäumen schon rostiges Laub. Der Boden fing federnd unsere Schritte auf. Die Blätter raschelten im Wind, manchmal fast zornig.
Ich spürte, wie mein Kopf leichter wurde. Mit jedem Schritt ließ ich Arbeit, Kollegen, Familie, Freunde, Wohnung, Erledigungen, Sorgen, Alltag hinter mir. Die monotone Bewegung lenkte mich ab. Schritt, Schritt, Schritt, Schritt. Links, rechts, links, rechts. Fuß, Fuß, Fuß, Fuß.
Dann bäumten sich meine Gedanken noch einmal auf: ‚Wie weit wollen wir eigentlich noch? Müsste der See nicht bald kommen? Bestimmt hinter der nächsten Biegung. Ah, noch mehr Wald. Dann hinter der nächsten Biegung. Der übernächsten. Hinter dem Gebüsch da? Kann ich da nicht schon etwas schimmern sehen?‘
Irgendwann gaben sie Ruhe. Doch gerade als ich begann, das zu genießen, waren wir da: an diesem glitzernden, züngelnden, kaltsilbrigen See. Auf einem großen Stein am Ufer machten wir eine Rast. Käse, Äpfel, Tee waren jetzt besser als jedes 5-Gänge-Menü.
Schon bald fuhr der Wind mit eisigen Händen unter unsere Jacken. Lass uns wieder zurückgehen! Wie jeder weiß, ist der Rückweg kürzer. So kamen wir noch im Sonnenschein wieder an unserer Hütte an. Obwohl wir eben noch so gefroren hatten, reizte uns jetzt ein Bad im kleineren Tümpel direkt vor unserer Tür.
Der Mutigere zuerst! Hinein! Prustend, planschend, um uns schlagend. Ich klammerte mich mit den Beinen an dich, um etwas Wärme zu erhaschen. Und später wieder: der Sternenhimmel!

***

Zurück in der Stadt war alles so grell und bunt und leuchtend und winkend und schreiend und so voller Möglichkeiten wie immer. Doch in meinem Kopf wiederholte sich ein Mantra: Es müsste doch alles viel leichter sein. Viel natürlicher, echter.
Denn ich hatte gemerkt, wie wenig ich zum Glücklichsein brauche. Nur Luft und Licht und Wasser und dich. Stille, in der man ertrinken kann. Ein Grün, in dem man baden kann. Und zwischendurch vielleicht ein Stück selbst gebackenes Haselnussbrot.
So saß ich also wieder in meinem Büro. Meine Kollegen fragten mich, wie das Wochenende in den Wäldern war. Während ich ihnen davon erzählte, begann ich, langsam von meinem Stuhl abzuheben. Ich schwebte! Als ich das selbst bemerkte, geriet ich ins Stocken – hoffentlich merken sie nichts! Zum Glück: Die Arbeit rief, und die Kollegen verdrückten sich, ohne etwas von meinem Schwebezustand mitbekommen zu haben.
Ich krallte mich an der Sitzfläche fest und versuchte, meinen Körper wieder nach unten zu ziehen. Doch das funktionierte nicht. Was sollte ich jetzt machen? Da mir nichts Besseres einfiel, fing ich einfach an zu arbeiten.
Kurze Zeit später hatte ich das mit dem Schweben so gut wie vergessen. Vielleicht war ich sogar etwas nach unten gesunken. Da schob sich wieder der Gedanke an die Wälder in meinen Kopf. Und hoppla! Nicht nur mein Herz, nein, mein ganzer Körper machte einen Satz nach oben.
Ich geriet langsam in Panik. Gleich sollten Kunden im Haus sein! Und die wurden immer auch an meinem Büro vorbeigeführt. Schnell sprang ich auf, um zur Tür zu hechten. Das stellte sich jedoch als schwierig heraus, da meine Füße den Boden nicht berührten. Es half alles nichts. Ich schwebte wieder hinab zu meinem Stuhl und tat so, als würde ich arbeiten, während ich stumme Stoßgebete zum Himmel, an den ich nicht glaube, sandte.
„… und hier sitzt unsere … Frau … Was ist denn mit Ihnen los?!“ Meinem Chef verschlug es glatt die Sprache, als er meinen Schwebezustand bemerkte.
„Sie fliegen ja!“, sprach ein Kunde das Offensichtliche aus.
„Tut mir leid. Ich weiß auch nicht …“ Wieder versuchte ich, mich mit aller Kraft auf meinen Sitz zurückzuziehen. Erfolglos.
Chef und Kunde starrten mich ein paar Sekunden lang an.
„Vielleicht gehen Sie besser nach Hause?“, schlug mein Chef schließlich vor.
„Würde ich ja gern, aber – wie denn?“, fragte ich, während ich „aufstand“, um vorzuführen, dass ich dann mit den Füßen nicht auf den Boden kam.
Da hatte unser Kunde eine geniale Idee: Er legte mir einen dicken Stapel Akten in die Arme. Die waren schwer genug, um mich unten zu halten.
„Respekt!“, sagte mein Chef, an den Kunden gewandt.
Ich murmelte noch ein Dankeschön, bevor ich mich aus dieser unmöglichen Situation verdrückte.

***

Zu Hause schwebte ich im Lotussitz, als du von der Arbeit kamst. Deine Tasche fiel polternd auf den Boden, während du zu mir gestürzt kamst und riefst: „Wow! Merkst du das? Du schwebst über dem Boden! Du bist erleuchtet!“
„Das ist den ganzen Tag schon so. Ich dachte, Yoga bringt mich wieder runter. Aber Pustekuchen!“ Ich richtete mich auf und führte dir vor, dass ich immerzu weiterschwebte.
„Was ist passiert?“, fragtest du.
„Eigentlich nichts. Ich musste nur immer an diesen Wald denken und unser Wochenende und daran, wie leicht eigentlich alles sein kann, das Leben und so …“, stammelte ich.
Du überlegtest kurz und sagtest dann: „Okay … dann denk doch jetzt mal daran, dass eigentlich alles gar nicht so leicht ist. Sondern ziemlich schwer.“
„Und … es ist so schwer, weil …?“, kam ich gerade nicht drauf. Mir würden eine Hütte ohne alles und Licht und Sterne und Bäume und du neben mir für immer reichen. Wie kann das Leben dann schwer sein?
„Weil wir nicht einfach so im Wald leben dürfen. Weil, weil … uns irgendwann Pizza fehlen würde. Und dir doch das Shoppen! Weil es im Wald keine Yogakurse gibt. Und unsere Freunde und Familie nicht mit uns ziehen würden. Weil wir im Winter nicht frieren wollen. Und im Sommer ein Kühlschrank was Tolles ist. Weil Annehmlichkeiten ein paar Opfer erfordern. Weil wir Rechnungen bezahlen und dafür arbeiten gehen müssen …“
Du zähltest noch viel mehr auf. Und jeder Grund senkte sich wie ein kleines Gewicht auf meine Schultern, bis ich wieder mit beiden Füßen fest am Boden stand.
 
Twitter Facebook Drucken