Familienangelegenheiten

Nicole Makarevicz
16.02.2017
 
Familienangelegenheiten
Dass er dich geheiratet hat, eine aus der Stadt, das haben sie ihm nie verziehen. Er war die beste Partie im Ort, ein fescher Bursch, der Mädchen und Frauen den Kopf verdreht hat. Sein Vater der Inhaber des Dorfladens, der Onkel, ledig und kinderlos, der einzige Wirt.
Er hat die Liebe nicht gesucht, doch dann hat er dich gefunden. So hat er es erzählt, damals, am Anfang, und noch viele Jahre später. Dir hat gefallen, dass er anders war als die Männer, die du gekannt hast. Zupackender, rauer in seiner Art, direkter in seinen Worten. Dass er dich gebraucht und gewollt hat, das hat dir geschmeichelt. Und so ist eines zum anderen gekommen und dann wart ihr verheiratet und kein Platz mehr für Zweifel.
Du hast dir eine große Familie gewünscht, deine Einzelkindheit war einsam und langweilig. Aber es kam Blut, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Eure Kinderlosigkeit haben sie als Strafe Gottes angesehen. Du hast geschwiegen, dich ihren verächtlichen Gehässigkeiten ausgeliefert. Ihm zuliebe.
Mumps hat ihn steril gemacht, als Kleinkind schon. Es zu erfahren war für ihn ein ebensolcher Schock wie für dich. Keine himmlische Strafe, eine längst vergessene Krankheit. Das Ergebnis dasselbe, der Klatsch umso verletzender.
Obwohl Gott dir so fremd geblieben ist wie du ihnen, bist du in die Kirche gegangen, jeden Sonntag. Hast dir am Aschermittwoch dein Kreuz geholt, am Karsamstag den Segen für Schinken und Eier. Hast zu Ostern und Weihnachten die Mette besucht. Warst bei Beerdigungen und Hochzeiten. Und Taufen. Jedes Mal eine Überwindung, der Schmerz kaum auszuhalten.
Akzeptiert haben sie dich trotzdem nicht. Selbst wenn sie mit dir geredet haben, haben sie nichts gesagt. Die scharfen Spitzen des Schweigens haben sich in deine Seele gebohrt, bis sie löchrig war und durchlässig für die Missgunst, die Verachtung.
Es war das Schweigen, das dich mürbe gemacht hat. Eine Mauer, die nicht mit Höflichkeit einzureißen war und nicht mit Freundlichkeit. Eine Mauer, die umso stabiler wurde, je mehr du dich angestrengt hast. Eine Mauer, die irgendwann auch zwischen dir und deinem Mann stand. Als die Stille um dich herum laut genug war, um auch für ihn hörbar zu werden.
Die Nichte des Pfarrers war ein dürres Ding, das sich in jede Ecke drückte, um nur ja nicht zur Kenntnis genommen zu werden. Ihre Stimme, tief und wohltönend, verschaffte ihr die Aufmerksamkeit, vor der sie verzweifelt floh. So verharrte sie in freiwilliger Stummheit, Spott ausgesetzt, dem sie nichts zu entgegnen hatte.
Der Pfarrer hatte sie bei sich aufgenommen, nachdem ihre Eltern ums Leben gekommen waren. Ein Unfall, über den niemand Genaueres zu wissen schien. Nur darüber, dass Feuer im Spiel gewesen war, war man sich einig.
Zwei Jahre lang führte das Mädchen dem Pfarrer den Haushalt. So still und unauffällig, dass sein Verschwinden kaum bemerkt worden wäre, hätte es nicht am Tag zuvor einen Sohn zur Welt gebracht. Den Vater des Babys gab das Mädchen nicht preis. Dennoch hatte man im Dorf eine genaue Vorstellung davon, wer das arme Ding in andere Umstände gebracht hatte.
Nur wenige Wochen nach dem Verschwinden der Nichte wurde der Pfarrer überraschend abberufen. Ihm wurde nicht nachgetrauert, zu Höllenfeuer-geschwängert waren seine Predigten gewesen, zu streng die Bußen, die er den Beichtenden auferlegt hatte. Vom Balken im eigenen Auge wurde gelästert, von der eigenen Türe, vor der gekehrt hätte werden sollen.
Die Nichte sei ins Wasser gegangen, munkelte man hinter vorgehaltener Hand. Der Pfarrer habe sich ihrer entledigt, raunte man einander zu. Das Mädchen ziehe das Unglück an, man erinnere sich, was mit seinen Eltern geschehen sei.
Dir war die Abstammung des Babys gleichgültig. Einzig sein Wohlergehen war dir wichtig, sein Geschick erschien dir mit dem deinen verknüpft, seine Ungewolltheit ein Spiegelbild deiner eigenen. Hättest du gezögert, vielleicht hätte dein Mann dich umgestimmt. So sagte er ja und du warst Mutter.
Nachdem du das Skandalkind angenommen hattest, verlor die Stille ihren Schrecken. Dein Sohn, denn es war deiner, vom ersten Augenblick an, entschädigte dich für die Demütigung, die Fremde geblieben zu sein. Ihr wurdet zu einer Einheit, die selbst deinen Mann ausschloss. Obwohl seine Zuneigung erodiert war im stetigen Gegenwind, blieb er dir treu und ließ dich gewähren.
Deine Liebe umhüllte dein Kind wie ein schützender Kokon, eine Rüstung, an der harsche Worte ebenso abprallten wie boshafte Sticheleien. Dein Sohn war dein Ein, du warst sein Alles und niemand konnte sich zwischen euch drängen.
Jahre später war ihre Stimme, rauchig und unverwechselbar, im Radio zu hören. Der Rückblick verwandelte Spötter in Freunde. Dem Dorf stieg ihr Erfolg zu Kopf, es blähte sich auf in selbstgefälliger Großartigkeit, sonnte sich in fremdem Ruhm. Dein Sohn wurde hofiert und umgarnt. Er genoss seine überraschende Popularität, zeigte jedoch zur Enttäuschung der Schmeichler keinerlei Ambitionen, Kontakt zur berühmten Mutter aufzunehmen. Sein Höhenflug endete, nicht jäh, sondern schleichend, kein großer Verlust, versicherte er dir.
An seinem achtzehnten Geburtstag kehrte die Nichte ins Dorf zurück. Mutter und Sohn standen sich gegenüber, einander fremder als Unbekannte. Die Nichte, die berühmt geworden war, und dennoch im Dorf immer das geschwängerte Mädchen bleiben würde, probierte sich in höflicher Konversation und scheiterte kläglich. Du versuchtest zu vermitteln, sie tat dir leid, war Opfer wie du.
Es sei an der Zeit, sagte sie plötzlich. Und erzählte ihm, was er über seinen Vater wissen musste.
Der Onkel deines Mannes war noch nicht lange unter der Erde. Überlassen hatte er alles deinem Sohn, der auch der seine war. Dein Mann war nicht überrascht zu erfahren, dass er seinen Cousin großgezogen hatte. Der Onkel sei ein stilles Wasser gewesen. Und feig noch dazu. Immer schon habe er sich vor der Verantwortung gedrückt. Familie könne man sich eben nicht aussuchen.
Das ist nicht wahr, hast du gedacht und die Nichte umarmt.
 
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