Franz B., seine Frau und die 5 Tibeter

Gisela Syring-Rüter
21.03.2009
 
Es näherte sich schleichend durch den Hintereingang seiner Beziehung. Monatelang war er ahnungslos und arglos gewesen.

Doch langsam, wie das dünne Fadengeflecht eines Pilzes, schlängelte und wuchs dieser esoterische Blödsinn in dieses Leben, das ihm so vertraut war.

Es begann im letzten Sommer, während ihres Wanderurlaubs in Südtirol. Erstmalig stiegen sie im vigilius ab, einem Resort, das ihm auf den ersten Blick übermodern erschien. Er freute sich auf einen geruhsamen, geregelten Aufenthalt, gemeinsam würden sie all die Dinge tun, die sie bei ihren Wanderurlauben immer gemacht hatten.

Doch dann entdeckte seine Frau die 5 Tibeter. Und Yoga. Und Pilates. Von all dem hatte er nie gehört, es schien nicht für Männer wie ihn gemacht. Selbstverständlich ließ er sie alleine dorthin gehen. Er belächelte ihren Eifer und ihre Aufregung. Schon während des Abendessens konnte sie die nächste Übungsstunde kaum erwarten.

Am Morgen sprang sie mühelos aus dem Bett, voller Vorfreude, während seine von einem Traum gelähmten Beine wie in grünem Gelee staken.

Gutmütig hörte er anschließend ihrem Geplapper zu, mit halbem Ohr vernahm er etwas über Freude an Verrenkungen, es war die Rede von einer Yoga-Meisterin, die offensichtlich eine Wirbelsäule aus Gummi besaß. Sein Kopf und sein Herz waren ganz woanders, bei wichtigeren Angelegenheiten.

Ein kleines bisschen ärgerte er sich am letzten Tag über sich selbst, als sie zur Naturnser Hütte aufstiegen, 300 Höhenmeter bergauf! Er kam ganz schön aus der Puste. Wie war es möglich, dass seine Frau all das machte: nach oben hüpfen, Boden, Bäume, Himmel nach Wundern absuchen - und finden, Steine, Hölzchen, Zapfen und Blätter.

Sie fotografierte und wartete, bis er aufgeschlossen hatte.

Vor einer Woche- längst waren sie wieder zu Hause - fand er eines dieser Esoterik-Bücher seiner Frau auf dem Küchentisch. Er nahm es und überlegte, warum sie sich mit so etwas beschäftigte.

Einen Absatz hatte sie mit Textmarker unterstrichen:
„Wenn du etwas erleben möchtest, was du noch nie erlebt hast, musst du etwas tun, was du noch nie getan hast.“

Während des gemeinsamen Abendessens hörte er sich sagen, und er hoffte, dass seine Stimme ihn nicht verraten würde: “Liebste, du hast mir doch letzte Woche von dieser Schreibwerkstatt erzählt, die das vigilius im März anbietet. Ich würde mit dir hinfahren!“

 
 
 
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