Friedhof im Schnee

David Schickmayr
10.02.2014
 
Friedhof im Schnee
Der Winter fühlte sich so kalt an wie die Liebe meiner Eltern. Genau genommen meine Adoptiveltern, die mich aus dem Kinderheim geholt hatten, weil ich als Baby so zuckersüß war. Sie warfen es mir immer wieder vor, wenn sie einander böse waren und nicht lange nachdenken mussten, wer an ihrem Unheil die eigentliche Schuld trug. In einem abgeschlossenen Schrank lag vorsichtshalber ein Koffer mit allen möglichen Sachen, sollte ich nicht nach ihren Launen spuren, würden sie mich sofort auf die Straße setzen. Nicht, dass sie mich hassten, wie sie immer sagten, wenn sie sich unbeobachtet fühlten. Zu feige, um es mir ins Gesicht zu sagen. Ich wuchs quasi zu einem Zornablagebrett heran, nicht zu einem Mädchen, das jegliche Fürsoge brauchte. Unbedingt. Mein Mathelehrer mochte meinen Namen nicht. Er klang für ihn wie aus fernen Welten. Amara. Als würde mich der warme Sand umwehen und nicht die Kälte des Schnees. Bloß wegen dem korrigierte er meine Noten ab und zu nach unten. Ein alter Kauz, der jeden Morgen betete und Schüler mit alteingesessenen Namen bevorzugte. Heute fiel Mathe aus. Innerlich machte ich einen Freudensprung. Für eine Stunde mal keine Erniedrigung. Aber irgendwie sorgte ich mich um den Alten. Denn gewöhnlich ließ er nicht eine Stunde ausfallen. Ich verließ die Schule. Nach Mathe war sie ohnehin zu Ende. Einige der Schüler blieben noch. Nicht deswegen, weil sie fleißig wären, sondern weil ein zu frühes Nachhausekommen eine zusätzliche Lernstunde mit sich brächte. Der Schulvorplatz war leer und mystisch. Weiße Dünen belagerten die Spielplätze, und der eiskalte Wind hobelte feinen Schnee von ihnen auf den schmalen Weg, der zur Hauptstraße führte. Ich war dick eingepackt und konnte dennoch eine weitere Schicht vertragen. In der windgeschützten Bushaltestelle wartete eine junge Frau, die ein quengelndes Baby im Arm hielt. Hatten mir meine A-Eltern auch solche Liebe gegeben, als der erste Schnee in meinem frühen Leben das Dorf in Not brachte? Auf die Frage wusste ich keine Antwort. Ich wusste nichts über das Leben, das ich zu leben versuchte. Auch nicht, warum dieses kleine I-Tüpfelchen meine perfekt gedachte Zukunft runierte. Ich ging über die Straße, grüßte den einen und den anderen nicht, wenn er mir nicht zum Gesicht passte und prüfte die Uhrzeit. Es waren doch erst zehn Minuten vergangen. Die verdammte Gewohnheit hielt mich fest in der Hand. Nach der Schule blieben mir eigentlich nur fünf Minuten, um mich anzuziehen und zur Bushaltestelle zu gelangen. Wenn ich nicht pünktlich zu Hause war, konnte meine Mutter wie ein Löwe brüllen und warf mir wieder und wieder an den Kopf, wie böse ich doch war. Aber dahinter steckte ein tiefer Unmut. Pralle Angst, ich könnte zum Friedhof abbiegen und das Grab meiner Eltern besuchen. Das tat ich ohnehin. Sie starben so jung. Noch im Kindsbett hatte Mama ihre Augen für immer geschlossen. Einen Tag nach meinem ersten Schrei. Ich fragte mich, wie sich ihre Brust angefühlt hatte, als sie mich anlegte. Wie unbedarft sie mich im Arm hielt und vollkommend hilflos die Krankenschwester anblickte. Die ersten Wickelversuche. Die ersten Freudentränen. Ich sog scharf die kalte Luft durch den Mund. Wow, mir verschwammen die Augen. Doch das Stechen in der Lunge holte mich zurück. Und mein Papa? Er hatte ihren Verlust niemals überwunden. Nur eine Woche darauf krachte er in den Gegenverkehr. Ob ihm damals bewusst war, dass er mich alleine ließ? Hatte er mich etwa vergessen? Wollte er mich nicht beschützen sondern mich mit grauenhaften Menschen zusammenbringen? „Geht es dir gut?“ Ein alter Mann mit dicker Wollmütze war am Gehsteigrand stehen geblieben und hatte meine Tränen bemerkt die ich nicht einmal spürte. Es war zu kalt. Ich bewegte mich langsam vorbei. Er fuhr sich mit der Zunge über die spröden Lippen und gaffte mir nach. „Lasst mich doch alle in Ruhe!“, fuhr ich ihn an und warf ihm den Schulrucksack vor die Stiefel. Er wusste nicht recht, wie ihm geschah. Doch das war mir egal. Ich wollte nur weg. Zumindest für dieses kleine Zeitfenster von einer Stunde. Ich sprang über die Leitplanke und stapfte durch den tiefen Schnee den Hang hinab. Ich stolperte oft, doch das hielt mich nicht auf. Was mich ärgerte, war dieses Gewicht um die Beine. Dieser grauenhafte Schnee, der bis zum Knie reichte. Heute trübte der Tag. Die Wolken hatten sich auf den Bauch gedreht, anstatt in die Höhe zu wachsen, wie in den Sommertagen bei Gewitter, sanken sie tief ins Tal herab. Ein grauer Schleier verdeckte die Kapelle. Tannenbäume, die wie dunkle Wächter des Totenreichs aussahen, umrandeten den kleinen Friedhof. Dort lagen meine eigentlichen Eltern. Sie waren zusammen. Nur auf mich hatten sie vergessen. Das Eisentor stand offen. Wie jedes Mal. Ich fragte mich, ob es überhaupt einmal geschlossen war. Ich verlangsamte die Schritte, obwohl der Weg hinein vom Schnee befreit war. Fußspuren wanderten um die Ecke. Ich folgte ihnen nicht, sondern ging geradeaus. An drei grauen Gräbern kam ich vorbei. Natürlich war es für den Winter zu kalt für Blumen, aber eine brennende Kerze konnte doch gedeihen und ihn vielleicht überdauern. Doch sogar die fehlte. Total lieblos. Außer auf dem Grab meiner lieben Eltern. Sie war zwar erloschen, und das weiße Glas herum war angeschwärzt. Aber deshalb war ich doch hier, dass ich dieses Licht wieder in das Leben zurückholte. Ich zog meine Handschuhe aus und öffnete das Glas. Als ich nach dem Feuerzeug suchen wollte, fiel mir ein, dass der Rucksack oben neben der Straße lag. Oder er hatte einen anderen Besitzer gefunden. Ich schraubte das Glas wieder zu und stellte es zurück auf seinen Platz. Ich fühlte mich grauenhaft, als hätte ich vergessen, den Ofen abzustellen. „Ich wünsche, ihr beide verzeiht mir“, flüsterte ich und streifte mir die Handschuhe über. Ohne diese Dinger war es kaum auszuhalten. Ich spürte die Schwere und das Feuer in den Fingern. Im Friedhof war ich alleine. Bis auf seine Bewohner. Man konnte ihn gut überschauen und die stillen Monumente im Nebel bedauern oder bestaunen. Ihre Formen waren so unterschiedlich wie die Herzen der Hinterbliebenen, die sich um die Verstorbenen kümmerten oder nicht. „Ich lasse euch niemals im Stich. Das verspreche ich!“ Ich schloss für einen Moment die Augen und setzte mich auf den kalten Stein. Lautlos tanzten die Äste im Wind. Das Quietschen der Eisentür verlangte meine Aufmerksamkeit. Der alte Mann von der Straße humpelte herein, achtete auf jeden Schritt. Als wäre der Rucksack mit Steinen beladen, schleifte er ihn am Boden hinter sich her. Er blieb beim ersten Grab stehen, nickte und ging mit derselben Vorsicht weiter, als ich lächelte. Doch das Lächeln galt meinem Rucksack. Nicht ihm. Denn nun konnte ich die Kerze anzünden und mit dem Licht Mama und Papa ganz nahe sein.


 
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