Frisuren, Träume

Kareen De Martin Pinter
19.01.2014
 
Frisuren, Träume
Jedes Jahr zu Beginn der Sommerferien verstaute meine Mutter einige Kleider, Wollstrümpfe und ein paar dicke Pullover in einem Koffer, packte sorgfältig die Utensilien ihres Berufes in ihre Tasche – Scheren, Lockenwickler, Haarfärbemittel, Klammern und einen Stapel Zeitschriften –, und dann gingen wir schwer beladen zum Busbahnhof. Damit begann die Sommersaison, die wir nun schon seit Jahren in einem schönen Berghotel verbrachten. Hier betrieb meine Mutter drei Monate lang den Frisiersalon, wie der Aufschrift an der Glastür zu entnehmen war.
Der sommerliche Frisiersalon war anders als unserer zu Hause, der in dem Zimmer am Ende des Flurs untergebracht war. Im Hotel belegte er einen kleinen Raum gleich hinter der Rezeption, neben einem Laden, in dem alles verkauft wurde, von Badeanzügen bis zu Keksen. Morgens nach dem Frühstück hatte ich Mühe, meine Lust zu bändigen, gleich zu meiner Mutter zu laufen. Ich wusste, dass sie sich ärgern würde. Sie wollte, dass ich durch den Wald spazierte, um die frische Bergluft zu atmen. Also kleidete ich mich an, ging hinaus, drehte tief einatmend eine Runde um die Wiese und kehrte dann mit frisch geröteten Wangen, so wie es ihr gefiel, ins Haus zurück.
Glücklicherweise gelang es mir immer, rechtzeitig zu dem Moment anwesend zu sein, der mir am besten gefiel, kurz vor Beginn des Haareschneidens. Meine Mutter stand hinter der Kundin, die sich im Spiegel betrachtete, und blätterte auf der Suche nach einem Foto in einer Zeitschrift. Beim Anblick dieser Schauspielerin, sagte meine Mutter, habe sie sofort an sie, die Kundin, denken müssen. Die weiblichen Gäste des Hotels waren mehr oder weniger immer dieselben, und meine Mutter sammelte für jede von ihnen Zeitungsausschnitte. Ich wusste, dass dies ein wichtiger Augenblick war, meine Mutter sagte mir häufig, ihre Kundinnen trügen nicht nur eine Frisur, sie hätten einen Traum, und dieser Traum sei es, um den sie sich zu kümmern habe. Die Kundin sah sich das Foto an. Meine Mutter fasste mit ihren Fingerspitzen in das Haar der Dame, erklärte etwas, warf erneut einen Blick auf das Foto, wandte sich wieder der Dame zu, hob das Haar etwas an, brachte es probehalber in eine andere Form, legte die Hände flach um das Gesicht der Kundin, wie um es einzurahmen. Niemand sprach mehr ein Wort, aller Augen waren auf die Hände meiner Mutter gerichtet. Wenn die Kundin zustimmend nickte und sich mit dem ersten Schnippen der Schere die Spannung löste, fiel alles wieder in seinen gewohnten Trott zurück. Statt über Schönheit zu reden wurde wieder getratscht, der Salon atmete auf und verströmte seine Düfte, Zigarettenasche wirbelte durch die Luft, Beine wurden übereinander geschlagen, Hände durch die Luft gefächelt, damit der Nagellack schneller trocknete. Inmitten des Gelächters rührte meine Mutter dann nach Ammoniak riechende Produkte zusammen, pinselte die Mixtur auf Locken, schnitt mit Kamm und Schere, ließ die Trockenhauben herunter und stellte mit der Präzision eines Sprengmeisters an jedem der eingekapselten Köpfe die Uhr ein.
Wenn sie einer der Damen den Umhang abnahm, war ich es, die ihr den runden Spiegel hinhielt, damit sie ihre neue Frisur auch von hinten begutachten konnte, und meine Mutter bedachte mich mit einem Lächeln.
Was wir im Hotel hingegen nicht praktizierten, war das Ritual der Abrechnung, das wir sonst einmal pro Woche auf dem leer geräumten großen Küchentisch vollzogen. Meine Mutter holte die Dose, in der sie das Geld aufbewahrte, und ließ mich die verschiedenen Ausgaben auf die Umschläge schreiben: Miete, Licht, Gas, Wohnnebenkosten, Rohrreparatur, Telefon, Shampoo, Supermarkt, Schulbücher, Schuhe Tina - das war ich, die Kurzform von Martina. Sie ließ mich schreiben, um meine Lernfortschritte zu beobachten, sie diktierte mir, und wenn ich einen Rechtschreibfehler machte, einen Doppelbuchstaben ausließ oder nicht schön schrieb, musste ich von vorn anfangen. Ich müsse lernen, sagte sie, nur so könne ich im Leben Großes vollbringen. Ich erwiderte, wenn ich groß sei, wollte ich Friseuse sein wie sie. Darauf nahm sie mein Kinn zwischen Zeigefinger und Daumen und sah mich nur stumm an. Ihre Hände rochen nach Lack, Shampoo und Rauch, der ganze Salon am Ende des Flurs lag in diesen Handlinien. Sie gab mir einen Kuss auf den Mund und sagte, höchstens ihr dürfe ich die Haare schneiden, wenn sie einmal alt sei und Arthritis habe.
Mir jedoch gefiel dieser Beruf, er hatte etwas Heiteres. Sich die Haare schneiden zu lassen war für diese Frauen der einzige Moment der Entspannung. Manche kamen jede Woche einmal vorbei, nur um sich die Haare waschen und legen zu lassen. Unser Salon hatte niedrige Preise, so war immer jemand da, der uns Gesellschaft leistete, und ich konnte während meiner Hausaufgaben den tröstlichen metallischen Geruch des Haartrockners schnuppern.
Meine Mutter ließ mich auch das Geld zählen, und der Tisch füllte sich mit Türmchen von Münzen und Stapeln von Scheinen. Schließlich ließ sie mich dividieren, und das für Rechnungen und Ausgaben bestimmte Geld wurde in Umschläge gesteckt und in der Kredenz verstaut, unter einer Zeitung, um es vor fremden Blicken zu schützen.
Wenn ich sie fragte, ob wir genug Geld hätten, um alles zu zahlen, strich sie mir über den Kopf und flüsterte: Gewiss doch, wir haben das Geld, wir können uns kaufen, was wir wollen, ich bin die beste Friseuse in der Stadt.
Wirklich?, fragte ich freudestrahlend zurück.
Ja, antwortete sie, wobei sie mich umarmte, aber wir brauchen nichts.
In dem uns zugeteilten Hotelzimmer schliefen wir Seite an Seite. Ab und zu kehrte ich an die Oberfläche des Halbschlafs zurück, um nachzusehen, ob sie noch da war. Als ich mich eines Nachts im Bett umdrehte, weil ein Gast auf dem Flur laut gewesen war und mich geweckt hatte, fand ich sie weder im Bett noch im Zimmer. Ich nahm den Zimmerschlüssel und ging mit klopfendem Herzen hinaus. Die Flurbeleuchtung warf überall Schatten, ich tastete mich bis zum Swimmingpool, der ruhig und still dalag. Meine Beine trugen mich geschwind zum Salon, einem sicheren Hafen mitten in diesem Nichts. Vielleicht, dachte ich, hat sie dort etwas vergessen. Ein Lämpchen brannte. Ich näherte mich, und da sah ich sie, aufrecht vor dem Spiegel stehend, vollständig frisiert, die Haare luftig und dunkler gefärbt. Ich hörte das zischende Geräusch des Haarlacks beim Aufsprühen. Sie betrachtete sich im Profil, mal von der einen, mal von der anderen Seite und drehte dabei den Hals hin und her wie ein kleiner Vogel. Sie ist wunderschön, dachte ich, während sich unsere Blicke im Spiegel trafen. Ihr Spiegelbild kräuselte sich wie eine Wasserfläche nach einem Steinwurf. Sie schickte mich zurück ins Bett und tadelte mich, das Zimmer verlassen zu haben, noch dazu barfuß.
Mama, fragte ich sie, als ich wieder gut zugedeckt im Bett lag, warum frisierst du dich nicht jeden Tag so?
Weil sonst meine Kundinnen eifersüchtig wären, erwiderte sie und kitzelte mich, sie sind es doch, die sich schön fühlen sollen. Schlaf jetzt.
Schlafen? Ich wollte jetzt nicht schlafen. Bevor ich mich dem Schlaf überließ, musste ich dieses Bild meiner Mutter sicher verwahren, ich wollte es mir einprägen, damit es sich nicht verflüchtigen konnte. Ihm ein kleines Nest bauen, wo es bleiben konnte, für immer.
 
Twitter Facebook Drucken