Gänsekind Martina

Martina Ruck
24.04.2008
 
Der Schulgang war immer um die Weihnachtszeit am schlimmsten, wenn im iologieunterricht wieder Konrad Lorenz drohte, mit der Geschichte vom Gänsekind Martina: Gleich nach dem Schlüpfen prägte Lorenz die kleine Graugans, indem er sie mit verschiedenen Lauten an sich band. Wi-wi-wi, pfui-pfui-pfui – war dann immer im Klassenzimmer zu vernehmen, in meine Richtung, denn leider trage ich den gleichen Namen wie dieses niedliche zerzauste, aber auch leicht dümmlich wirkende Gänsejunge.

Meine Rache folgte spät, erst letztes Jahr, und zwar gleich hinter dem vigilius: Während einer Wanderung stieß ich auf eine blökende Schafherde. Allesamt standen sie herum, als würden sie auf den Erlöser warten. Einer seltsamen Eingebung folgend ging ich an der ganzen Herde vorbei, stellte mich an die Spitze, ganz dicht an eines der Tiere, und frohlockte aus voller Brust: „Wi-wi-wi-wi, pfui-pfui-pfui-pfui ...“ Und siehe da, ausgelöst durch ein Schaf kam plötzlich Bewegung in die Herde und zwar in meine Richtung.

Fest entschlossen meinen Plan auszuführen, wand ich mein Gesicht bergwärts und gab den Leithammel. Es folgte mir, wie auf einer Perlenschnur aufgefädelt, die gesamte Herde. Wohin ich Wollte, wusste ich noch nicht so recht, erst einmal den Berg hinauf, alles Weitere würde sich ergeben. Wi-wi-wi, pfui-pfui-pfui – da tauchte in der Ferne eine Alm auf, die sollte erstmal mein Ziel sein. Herrlich, ich als Schafhirtin voran und hinter mir das kräftige

Geläut – sollte ich doch Vorfahren aus dem bäuerlichen Milieu haben, oder kursieren vielleicht sogar bukolische Gene in meinem Blut? Jedenfalls war es ein ganz neues, unbekanntes Gefühl – wi-wi-wi-pfui-pfui ...! Vor der Alm stand ein Wohnhaus, damit konnte ich nichts anfangen, also führte ich meine Gefolgschaft einmal um das Gebäude herum, auf der Suche nach einem Stall. Da lockte es schon, das offene Scheunentor. Mit meinen bereits bekannten Zurufen führte ich sie da hinein, Platz und Heu gab es genug. Einige der Wolleknäuel schauten ein wenig ungläubig und blieben immer wieder stehen, wieder andere zögerten vor dem Scheunentor, aber schließlich hatte ich auch die letzten Zweifler hineingeschubst und die paar Nachzügler abgewartet, bis ich das Tor mit einem lauten „Rums“ von außen schließen konnte. Ich lehnte mich dagegen und genoss den Augenblick. Jäh wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. „Ja was isch denn da los“, hörte ich eine ziemlich aufgeregte männliche Stimme bedrohlich rasch näher kommen. Ich schlüpfte durch ein Gatter hinterm Haus und rannte, rannte, rannte den Berg hinunter. Glücklicherweise nur aus der Ferne hörte ich noch: „Ja des gibt’s doch net, wenn i den derwisch ...“

Als ich später die Geschichte einem Bauern erzählte, lachte er über meine Dummheit und klärte mich auf: „Nicht das blöde wi-wi-wi, sondern dein salziger Schweißgeruch unter der heißen Sonne hat die Tiere angelockt, du Schaf ...“
 
 
 
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