Gandulf blinzelt

Autor Anonym
09.05.2008
 
Vor langer Zeit, als es dort noch Bären und Luchse gab, hauste am Vigiljoch, ungefähr da, wo heute die Bärenbad-Alm ist, der Einsiedler Gandulf. Mit seinen eigenen Händen hatte er eine Kapelle und die daran anschließende Kammer, in der sich eine Feuerstelle, ein Tisch, eine Bank und ein Strohsack befanden, gebaut.

Gandulf stillte seinen Durst aus der nahen Quelle und ernährte sich von Kräutern, Beeren, Wurzeln, Bucheckern, Haselnüssen und von den Kastanien, die er in den Wäldern an den steilen Osthängen des Berges fand. Für die langen und strengen Bergwinter musste er natürlich Vorräte sammeln und trocknen, die er dann unter dem Dach seiner bescheidenen Hütte lagerte.

Schon damals gab es auf dem Joch vereinzelt Höfe, und der kleine Weiler Pawigl hatte sogar eine eigene Kirche. Oft stellten die Bergbewohner dem Einsiedler einen Krug Milch, ein Körbchen mit Eiern oder Brot vor die Türe. Für solche Gaben bedankte sich der fromme Mann, indem er für seine Wohltäter stundenlang auf Knien betete. Seine graue, härene Kutte, in der er im Sommer schwitzte und im Winter erbärmlich fror, schlotterte um seinen klapperdürren Leib, und wenn er auf der Suche nach Nahrung und Brennholz durch die Wälder und Fluren streifte, verfing sich sein knielanger Bart oft in Gestrüpp und Dornen und der arme Gandulf musste buchstäblich Haare lassen, für ein paar Hagebutten oder Brombeeren.

Der Teufel, das weiß wohl jeder, meidet die Höhenluft, denn dort spürt er die Nähe Gottes noch eindringlicher und quälender als im Tal. Aber das fromme Treiben des Einsiedlers blieb dem Höllischen doch nicht verborgen und es ärgerte ihn von Tag zu Tag mehr. Gierig lechzte er nach Gandulfs Seele und malte sich in glühenden Farben aus, wie er diese verderben könnte. Und so begab sich der Teufel aufs Vigiljoch, um den Einsiedler zu beobachten, trotz des unguten Gefühls, das dieser Ort in ihm auslöste. Schon nach kurzer Zeit meinte er, genug gesehen zu haben: Der Mann musste doch erbärmlichen Hunger haben! Wie war doch gestern sein Speiseplan gewesen? Mittags dieses verhutzelte Ding, wohl die ausgemergelte Wurzel einer Silberdistel, dazu Quellwasser und abends ein paar getrocknete Vogelbeeren, wieder mit Quellwasser. “Pfui, ich selbst“, ekelte sich der Teufel und, da gerade ein Karfreitag war, an dem bekanntlich die ganze Christenheit mit Büßen und Fasten beschäftigt ist, schritt der Böse zur Tat. Ja, an solch einem heiligen Tag würde Gandulfs Sündenfall schwer wiegen!

Der Teufel nahm das Aussehen eines jungen Jägers an und besorgte sich Wildbret. Dann entfachte er in der Nähe von Gandulfs Hütte ein hübsches Feuerchen, setzte sich dazu und drehte auf einem Spieß das Fleisch über der Flamme. Bald erfüllte ein herrlicher Duft nach Gebratenem den Wald. Gandulf kniete gerade auf hartem Stein und betete, da erreichte der betörende Duft auch ihn. Seine Nasenflügel bebten, und seine Knie zitterten vor Schwäche und Hungergefühl. Taumelnd erhob er sich und wie von magischer Hand gelenkt, strebte er dem Feuer zu, das da zu ihm herüberschien. Der Jägersmann grüßte Gandulf freundlich und bot ihm sogleich ein knusprig gebratenes Stück Fleisch an. „Komm her, Alter, setz Dich und iss mit mir. So etwas Saftiges, Feines bekommst Du sicher nicht alle Tage.“ Gandulf setzte sich. „Jäger“, sprach er ernst, während ihm das Wasser im Munde zusammenlief, „heute ist Karfreitag, das hast du wohl vergessen. Lass ab von den sündigen Genüssen!“ „Da, nimm doch!“, schmeichelte der Jäger. Aber Gandulf blieb standhaft, so sehr ihn der Duft nach geschmortem Fleisch auch quälte und seinen Magen zum Rebellieren brachte. Schließlich entfernte sich der Einsiedler traurig, denn er gedachte der Sünde des Jägers. Der Teufel aber beschloss, bebend vor Wut, den armen Gandulf zu Fall zu bringen, koste es, was es wolle.

Gott, der Allwissende, sah natürlich, was sich auf dem Vigiljoch abspielte. Er wollte Gandulf für seine Opferbereitschaft und seine Frömmigkeit belohnen, geleitete ihn zu den herrlichsten Aussichtsplätzen und ließ im Mai die lieblichsten Blumen und die süßesten Erdbeeren neben seiner Hütte wachsen. Aber Gandulf wollte seinen Augen nicht den schönen Anblick und seinem Gaumen nicht den besonderen Genuss gönnen, sondern schritt, mit Vorliebe barfüßig, über spitzsteinigen Boden und begnügte sich mit Bitterklee und Sauerampfer.

In einer lauen Maienvollmondnacht klopfte es an Gandulfs Türe. Er war gerade dabei, alle Heiligen, deren Namen er wusste – und das waren nicht wenige – um Fürbitte anzurufen. Unwillig öffnete er. Draußen stand, in einen dunklen Kapuzenmantel gehüllt, eine Frau, die den Einsiedler sogleich mit süßen Worten um Entschuldigung für die späte Störung seiner Nachtruhe bat. Sie komme von Meran und müsse nach Pawigl. Schon am Nachmittag habe sie sich verlaufen und irre schon seit Stunden in den dunklen Wäldern umher. Da sie große Angst vor Bären und Luchsen habe, sei sie froh, nun endlich diese Hütte gefunden zu haben. Ob er wohl ein Plätzchen für sie habe, wo sie sich ausruhen könne?

Hm, was tun? Sie solle einen Augenblick warten, sagte Gandulf und ging zur Quelle, um Zeit zum Überlegen zu gewinnen. Eine Frau in seiner Einsiedelei? Nein, welch abstoßender Gedanke! Aber schon schien ihm der rettende Einfall gekommen zu sein. „Du kannst die Nacht in der Kapelle verbringen und dort beten!“, sprach er, während er ihr den Wasserkrug reichte. Oh, wie gruselte es den Teufel – denn dieser steckte ja in Frauengestalt im Kapuzenmantel – vor der Aussicht, eine Kapelle betreten zu müssen. „Ach“, säuselte die Frauensperson, „ich bin viel zu müde und erschöpft, um noch zu beten!“ Und dann fügte sie noch scheinheilig hinzu, dass es wohl gotteslästerlich wäre, in einer Kirche einfach einzuschlafen. Morgen, ja, morgen werde sie mit Andacht beten und für ihre Rettung danken. Nun, so wolle er in die Kapelle gehen und sie könne auf seinem Strohsack die Nacht verbringen, murrte Gandulf barsch. Er ging ihr voran in die Kammer, um ihr den Strohsack zu zeigen, da schlug das Weib den Mantel auseinander, ließ ihn zu Boden gleiten und stand splitternackt vor dem armen Gandulf.

Heiße und kalte Schauer liefen durch seinen Körper, die Haare standen ihm zu Berge, selbst sein Bart erhob sich und stand waagrecht von seinem Kinn ab. Blitzschnell erfasste Gandulf die Situation und schloss die Augen. Nur für den Bruchteil einer Sekunde hatte er geblinzelt, und das hatte ihm genügt, um im trüben Schein des Talglichtes nicht nur den herrlichen Leib der Frau, sondern auch den Bocksfuß zu erkennen, in den die wohlgeformte Wade überging. „Weiche, Satan!“, rief er laut und schlug ein Kreuz. Und dann beschwor er den heiligen Vigilius und all die vielen Heiligen aus der so oft von ihm gebeteten Litanei, ihm beizustehen. Da jaulte der Teufel laut auf, verschwand mit Gestank, Gepolter und Kapuzenmantel und ließ sich auf dem Vigiljoch niemals wieder blicken.

Seit dieser Zeit hat sich auf dem Joch einiges geändert. Mit einer Seilbahn erreicht man diesen schönen Ort binnen weniger Minuten von Lana aus. Oben erwartet den Besucher nicht nur eine wunderbare Aussicht, klare Bergluft und eine romantische Landschaft, sondern auch gepflegte Gastlichkeit, und niemand muss sich mehr mit Bitterklee und Sauerampfer begnügen.

Eines sollte aber jeder wissen, der sich dort oben aufhält: So mancher, der den Weg zur Bärenbad-Alm geht, hört ein eigenartiges Rascheln und Seufzen. Das muss niemanden erschrecken, es ist nur der Geist des Einsiedlers Gandulf. Er ist völlig harmlos und tut niemandem etwas zuleide. Er glaubt, er müsse zur Strafe am Joch herumirren, weil er einen Augenblick geblinzelt hat. Aber das stimmt nicht. Der Herrgott lässt den Tölpel doch nur noch ein paar hundert Jahre herumwandern, damit er nicht nur blinzelt, sondern endlich all die Schönheit sieht, die ihn am Vigiljoch umgeben hat und noch immer umgibt, ganz zu schweigen von den hübschen Frauen, die hierher kommen, um die Natur zu genießen – und wirklich keine Teufel, sondern allesamt wahre Engel sind.
 
 
 
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