Gastfreundschaft

Ulrike Stanczus
21.10.2008
 
Die Geschichte, die ich erzählen möchte, ist ein Erlebnis meines Vaters aus dem 2. Weltkrieg. Mein Vater war Kradmelder und an der Wolga in Russland stationiert. In dem bitterkalten Winter von 1942 musste er Mitteilungen von einer Einheit zur anderen überbringen. Er war immer allein unterwegs in der eisigen, lebensfeindlichen russischen Steppe.

Bei einem Einsatz war es so kalt, dass die Tränenflüssigkeit in den Augen trotz Schutzbrille gefror und Hände und Füße völlig taub wurden. Fast blind und unfähig sein Motorrad weiterzufahren, steuerte er mit letzter Kraft ein russisches Dorf an. Von den Menschen dort befürchtete er natürlich das Allerschlimmste – schließlich gehörte er zu ihren Todfeinden. Aber wenn er irgendwie überleben wollte, hatte er gar keine andere Chance.

Als er jedoch in das Dorf einfuhr, kamen die Leute aus ihren Häusern gelaufen, hoben ihn von seinem Motorrad und begannen sofort seine Hände und Füße mit Schnee abzureiben, um so die Erfrierungen rückgängig zu machen. Sie brachten ihn dann in ein Haus, wo man ihm zu essen und das beste Bett des Hauses auf dem Ofen gab.

Mein Vater hat in dieser Nacht wunderbar geschlafen, sein Seitengewehr geladen neben sich am Ofen. Der Hausherr hätte ihn in dieser Nacht ohne Probleme erschießen können und sich so sicherlich einige Lorbeeren verdient. Bei ihm standen aber Gastfreundschaft und Menschlichkeit über dem Wahnsinn des Krieges.

Am nächsten Morgen wurde mein Vater freundlich, und mit Proviant ausgestattet, von den Russen verabschiedet. Die Familie, die ihm Obdach gewährte, hatte auch einen Sohn in seinem Alter, der auf der russischen Seite kämpfte. Wären sich die beiden als Soldaten begegnet, hätten sie sicherlich versuch sich gegenseitig zu töten.
Krieg – welch ein Irrsinn!
 
 
 
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