Gedankensprung

Katharina Lankers
05.04.2016
 
Gedankensprung
Warmer Zitronenduft umgab sie. Hinter der Panoramascheibe strahlte eine ausgeschlafene Sonne auf sattgrüne Hänge und silberne Berggipfel: die perfekte Kulisse für diesen Tag! Paula räkelte sich genüsslich auf ihrer Saunaliege undkuschelte sich in den weichen Bademantel. Ein ganzer Tag für sie allein, zum Entspannen, Dösen, Vor-sich-hin-Dämmern. Kein Wandern, kein Bergsteigen, keine Gespräche, einfach nur für sich sein: herrlich! Ihr Inneres war wunderbar leer, wie blank geputzt, und nur für dieses eine Wort war Platz in ihrem Kopf: „Herrlich!“ Watteweich breitete sich dieser kleine Gedanke in ihr aus, federte ein paar Mal hin und her, um jeden Winkel zu erreichen, löste sich schließlich sacht und spazierte behutsam über Paulas geschlossene Augenlider. Er balancierte noch ein wenig auf ihren Wimpern, dann überließ er Paula ihren Träumen und hüpfte von der Saunaliege herunter, geradewegs in die Sporttasche hinein, die der Mann neben Paula eben zusammenpackte.Der Reißverschluss der Tasche schloss sich über ihm und der kleine Gedanke ließ sich ins Freie tragen. Erst als die Tasche im Auto gelandet war, krabbelte er hinaus. Er vermischte sich mit dem Duft der Ledersitze, wuselte sich durch die Schnurrbarthaare des Mannes und kam genau in dem Moment an der richtigen Stelle an, als der Zündschlüssel herumgedreht wurde.
„Wie herrlich!“, dachte der Mann, als ihn der Motor seines Sportwagens mit einem weichen Schnurren begrüßte. Geschmeidig wie eine Raubkatze schlängelte sich der Wagen den Hang hinunter – ein großartiges Gefühl! Ausgelassen tanzte der kleine Gedanke im Kopf des Mannes herum. Unten im Bergdorf angekommen, hielt der Mann am Marktplatz an. Der kleine Gedanke kletterte neugierig an den Sonnenstrahlen empor, die durch das offene Wagendach fielen, segelte in hohem Bogen über den Platz bis zu einem Straßencafé und landete lautlos im dicken weichen Schaum einer Cappuccinotasse. Er kreiste ein paar Mal gemütlich auf der dampfenden Oberfläche, dann überließ sich der kleine Gedanke erwartungsvoll den roten Lippen, die sich ihm näherten.Die Frau blinzelte in die Mittagssonne und nahm einen großen Schluck ihres heißen Cappuccino. „Ah, herrlich!“, hallte es in ihr, während sich schokoladensüße Wärme in ihrer Brust ausbreitete. Welche Idylle in diesem lauschigen Örtchen, in dem es so richtig nach Land roch und das leise Gebimmel von Kuhglocken die blaue Luft erfüllte! Der kleine Gedanke jonglierte vergnügt mit den Bildern, Düften und Klängen in ihrem Kopf und schwebte dann auf dem Blick der Frau bis oben hin zur Kirchturmuhr. Als wenig später die Kirchenglocken zu läuten begannen, schlang er sich um einen dicken runden Glockenton und ließ sich von ihm sanft nach oben tragen, über Butterblumenwiesen, Lärchenwälder und Felsformationen, immer weiter hinauf in die Berge.
Auf so einem Gipfelkreuz saß er gerne, der kleine Gedanke. Menschen mit strahlenden Gesichtern besuchten diesen Platz, und er liebte es, ihnen in diesen Momenten Gesellschaft zu leisten. So wartete er schon voller Vorfreude auf den Wanderer, der mit bedächtigen Schritten die letzten Meter über die sonnenbeschienenen Grasmatten bis zum Gipfel zurücklegte.
Marcs Herz klopfte heftig von der Anstrengung des Aufstiegs, als er das Gipfelkreuz mit beiden Händen umfasste. Welch ein überwältigendes Panorama! Glasklare Luft umgab ihn, grün und friedlich lag ihm die Welt zu Füßen, eingerahmt von einem bizarr gezackten Horizont, und ganz leise klang unten aus dem Tal das Läuten von Glocken herauf. „Herrlich!“ war das einzige Wort, das Marc in diesem Moment in den Sinn kam.
Der kleine Gedanke zerfloss unter seinen Schläfen, während Marcs Blick in die himmelblaue Weite schweifte. Dort hinten, zwischen den winzigen Häusern am Hang musste das Hotel sein, in dem sie untergekommen waren. Marc seufzte – wie schön wäre es, einen solchen Moment mit Paula gemeinsam erleben zu können! Er streifte den Rucksack vom verschwitzten Rücken und setzte sich auf eine Felskante nah am Gipfelkreuz. Nach kurzem Innehalten zog er sein Handy aus der Hosentasche und tippte etwas hinein – der kleine Gedanke hopste dabei übermütig zwischen seinen Fingerspitzen und der Tastatur herum.
Paula hielt ganz still und konzentrierte sich auf das angenehme Kitzeln an ihrervSchläfe: Ein Wassertropfen hatte sich aus ihrem feuchten Haar gelöst und bahnte sich einen unregelmäßigen Zickzackweg nach unten – wie zartes Streicheln fühlte es sich an. Da vibrierte es in ihrer Bademanteltasche. Eine SMS von Marc: „Es ist einfach herrlich hier oben – wie gerne würde ich das mit dir teilen!“ Lächelnd schaute Paula über ihre rot lackierten Zehen hinaus durch die Scheibe zu den fernen Berggipfeln, bevor sie begann, eine Antwort zu tippen. Und der kleine Gedanke, der wieder auf ihrer Schulter saß, flüsterte ihr leise vor: „Das tust du doch – irgendwie…“
 
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