Gefühlslawine

Gisela Syring-Rüter
30.04.2010
 
Gefühlslawine
Inge traute ihren Augen nicht, als sie gemeinsam mit ihrem Mann Michael um die Ecke des Wanderpfads vom Vigiljoch zu den Eggerhöfen bog. Mitten auf dem Weg türmte sich eine 20 Meter breite, mannshohe Schneelawine auf: gewaltige Brocken aus schmutzigem Schnee, Tannenzweigen, abgerissenen Wurzeln und Steinen.

Die Lawine war offensichtlich vor längerer Zeit hier heruntergedonnert, denn der Schnee war steinhart, die Sonne spiegelte sich im blanken Eis. Inge sah ein paar Löcher von Fußstapfen verschiedener Größe und Einsinktiefe, die im Nichts endeten. Hier konnte sie unmöglich darüber klettern. Sie würde abrutschen, es gab nichts zum Festhalten und rechts traute sie sich gar nicht hinunterzuschauen, da klaffte die Schlucht. Hoffentlich würde Michael nicht wieder den Helden spielen.

Noch vor einer Stunde hatten sie in ihrem Lieblingshotel beim Frühstück gesessen. Sie waren um 7 Uhr im Schwimmbad gewesen, Michael war seine 40 Bahnen gekrault, und Inge hatte den Eindruck, er sei sogar etwas schneller geschwommen als sonst. Danach, beim Frühstück mit Brot aus dem Ultental und einem Gläschen Champagner, hatten sie vom Fenster aus den Schlern bewundert, zum Anfassen nah, von der Morgensonne in mildes Licht getaucht.

Doch nun machten ihr die Berge Angst. Michael sah die Angst in Inges Blick und entschloss sich, stark zu sein und seine Frau heil über die Lawine zu bringen. Er wusste genau, wie leicht ihr schwindelig wurde, sie hatte immer wieder unter Höhenangst gelitten. Also würde er gar nicht erst zulassen, dass sie ihre Angst ausspräche und erst recht nicht über eine Umkehr diskutieren.

Inge blickte sich zu Michael um. Hoffentlich durchschaute er sie nicht. Er mochte keine Angsthasen, er war kein Typ, der vor Schwierigkeiten zurückwich. Die Lawine schien ihm sogar eine sportliche Herausforderung. Und noch ehe sie Atem holen konnte, hatte er begonnen, Stufen in das blanke Eis zu schlagen. „Komm“, sagte er, „wir schaffen das. Stell deinen linken Fuß hierher. Es ist ganz leicht, du kannst das, Schatz.“ Er wollte unbedingt nachsehen, wie weit sie schon gekommen waren mit dem Bau ihrer neuen Almhütte. Und Inge eigentlich auch.

Inge wurde ruhiger, nahm seine ausgestreckte Hand und folgte seinen Anweisungen. So meisterten sie die ersten Schritte. Sobald sie die Lawine überquert haben würden, das wusste auch Inge, wären es nur noch zwanzig Minuten bis zu den Eggerhöfen, ihrem neuen Domizil.

Dort wurde soeben an ihrer Zukunft gebaut, an ihrem lang gehegten Traum: ein Holzhäuschen in den Bergen, mit weitem Blick und mit einem Kamin vom besten Ofenbauer der Region. Sie waren stolz auf ihre Almhütte, Michael kannte alle Bauzeichnungen auswendig und Inge hatte in einer Fachzeitschrift eine champagnerfarbene Designerliege entdeckt, die einen herrlichen Kontrast zu den Wänden aus Lärchenholz bilden würde.

Doch plötzlich, ausgerechnet auf blankem Eis, mitten auf der Lawine, die ihnen den Weg versperrte, brach es aus Inge hervor:„ Du Michael, manchmal zweifle ich wegen unserer Hütte. Ich freue mich doch so, aber wenn es uns auf Dauer langweilig wird da oben? Und wenn wir dort unsere Freunde und die Kinder vermissen?“

Michael war überrascht und erleichtert, das zu hören. Hatte er doch geglaubt, dass sich Inge absolut sicher war. Dass er ganz allein war mit seinen Zweifeln. Wie oft hatte er in letzter Zeit nicht einschlafen können wegen der Hütte. Und wegen des Plans, für immer dort hinzuziehen.

Doch nun, mitten auf der Lawine und nach dem Geständnis von Inge konnte Michael endlich über die Gedanken sprechen, die ihn bedrückten, vor allem über seine Angst, die Enkelkinder zu verlieren. Er spürte, wie gut ihm das Geständnis tat. Und noch während sie sich austauschten über Sorgen und Zweifel, über Vorfreude und Hoffnungen, hatten sie, ohne es zu bemerken, die Lawine überquert.

So spazierten sie erleichtert weiter, bis sie endlich bei den Eggerhöfen angelangten.
„Schau doch Michael, da steht unser Haus ja schon!“, sagte Inge. „Und sogar das Dach ist drauf“, antwortete Michael. Inge fiel ihrem Mann voller Begeisterung um den Hals und sagte: „Wir haben alles richtig gemacht!“
 
 
 
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