Genovefa

Autor Anonym
12.04.2015
 
Genovefa
„Wir können im See keine Leiche finden“, die Worte des Einsatzleiters dringen nur verzögert zu Michael durch. „Sind sie sich sicher? Sie sind der einzige Zeuge“, dabei wechselt der Wasserretter einen vielsagenden Blick mit einem der Taucher. Michael öffnet seine Hand. Die kastanienbraune Locke ist immer noch da.

„Manchmal habe ich richtig Angst vor Michael“, Korinnas Hand umklammert das Smartphone. „Irgendetwas stimmt nicht mit ihm.“ Michael hat genug gehört, er tritt zurück in den Vorraum. Lautlos nimmt er den kleinen Rucksack vom Haken, lässt die teuren Ohrringe hineingleiten und schließt die Zimmertür hinter sich. „Dabei hat der Urlaub so schön begonnen. Wie in eine andere Welt sind wir mit der Seilbahn auf dieses verträumte Vigiljoch hier in Südtirol geschwebt. Michael war von diesem Hotel wegen seiner natürlichen Baustoffe so begeistert: Lehm, Glas, Holz. Aus diesen Materialien wollten wir unser Traumhaus bauen, uns hier im Hotel Ideen holen. Stundenlang haben wir zu Hause Pläne gewälzt. Und nun? Aus der Traum.“
Die Walderde schluckt Michaels Schritte, tief atmet er den harzigen Duft der Nadelbäume ein. Der frühe Morgen war sonst nie seine Zeit, doch jetzt ist alles anders. Wie sie ihn angelächelt hat. Ständig drängt sich ihr Bild in sein Bewusstsein: ihr ebenmäßiges Gesicht, das aufgesteckte Haar, das ihren reizenden Nacken freigibt. Endlich ist er am Schwarzen See angekommen. Er sucht etwas abseits unter den alten Lärchen. Vom See aufsteigende Nebelschwaden erschweren die Sicht. Als sie sich etwas lichten, tauchen schemenhaft die Umrisse einer schlanken Gestalt auf. Sie ist da!
„Genovefa!“, atemlos lässt er sich neben sie ins weiche Moos fallen. Er nimmt ihre kühle, helle Hand in die seine und drückt einen Kuss darauf. Seine Augen wandern ihren Arm hinauf, den Hals entlang und bleiben an ihrem Mund hängen. Dieses verblasste Rot erinnert ihn an das Bild eines alten Meisters. Genovefa haucht ihm einen Kuss auf den Mund und schmiegt sich leicht fröstelnd an ihn. Michael drückt sie zärtlich. „Warum bist du gestern nicht gekommen?“ Genovefa löst ihre Haarspangen. Ihr Haar fällt in einer Woge auf die Schultern. Langsam beginnt sie, es neu zu ordnen, als wäre dies das Wichtigste auf der Welt. Als wäre Michael gar nicht hier und hätte ihr keine Frage gestellt. Erst nach einigem Zögern antwortet sie: „Gestern? Gestern und morgen gibt es nicht, es zählt nur das Heute. Ist Zeit nicht nur eine Illusion, eine trübe Suppe, in der wir zu schwimmen glauben? Wir müssten nur über den eigenen Tellerrand schauen. Aber wir glauben, der sei das Ende der Welt.“„Ja, du hast recht, lass uns den Augenblick genießen“, Michael bedeckt ihren Nacken mit Küssen, drückt sie sanft ins weiche Moos, seine Lippen fordern die ihren zum Spiel auf. Heftig und unersättlich erwidert sie seine Küsse. Plötzlich, noch immer nach Atem ringend, setzt sie sich ruckartig auf. Ihre Augen starren ins Leere. Michael ist es, als ob sie einen Eimer Eiswasser in sein loderndes Feuer gegossen hätte. Sie ist unberechenbar. Was weiß er schon von ihr?
„Erzähl mir von dir, woher kommst du?“, Michael kann den ungeduldigen Unterton in seiner Stimme nicht verbergen. „Da wo ich herkomme, ist es mir zu kühl, zu wenig Leben, verstehst du?“, Genovefa verzieht die Mundwinkel nur kurz zu einem Lächeln. „Ich kann dort nicht leben, ich brauche menschliche Wärme“, sie schmiegt sich eng an Michael. „Halt mich fest.“ Da zerreißt Michaels Handy die Stille. Genovefa zuckt zusammen und richtet sich kerzengerade auf. Suchend blickt sie sich um. „Woher kommt das?“ „Ist nur mein neuer Klingelton, die kleine Nachtmusik von Mozart“, rasch drückt er Korinnas Anruf weg. „Magst du diese Art von Musik nicht? Ist das nicht deine Welt?“ „Lebt nicht jeder in seiner eigenen Welt? Musik ist ewig, überwindet Raum und Zeit. Manchmal fühle ich mich wie ein Musikstück, hängengeblieben im Nichts. Klang zwischen den Welten.“ Michael lacht: „Jetzt klingst du mir aber zu philosophisch.“ Er drückt ihr einen Kuss auf den Mund. „Schau, was ich dir mitgebracht habe“, behutsam legt er die Ohrringe in ihre Hand. „Oh, sind die schön! Saphire, dieses wunderbare Blau! “ Sie übersät sein Gesicht mit Küssen. „Woher wusstest du, dass ich heute Geburtstag habe?“ Michael muss schlucken. „Du hast heute Geburtstag?“ „Ich habe jeden Tag Geburtstag“, Genovefas Lachen klingt ganz anders als das von Korinna. „Geburtstag haben heißt doch: auf die Welt kommen.“ Ihre Lippen suchen seinen Mund, saugen sich an ihm fest und ziehen den Geliebten mit ins Moos hinunter. Ihr Tempo ist atemberaubend. Ihre Leidenschaft führt ihn an den Rand einer Ohnmacht. So nahe war ihm noch keine Frau. Als Michael erwacht, ist der Platz neben ihm leer. Michael hat jegliches Zeitgefühl verloren. Hat ihre leidenschaftliche Umarmung Minuten oder Stunden gedauert? Wie im Traum taumelt er durch den Wald, bis er schließlich beim Hotel ankommt. Irgendwie erinnert es ihn an seine Liebste. Sieht aus, als wäre es an diesem Ort hier gewachsen, als wäre es ein Teil der Natur, genau wie Genovefa.
Michael öffnet die Zimmertür. Korinna schluchzt in ihr Smartphone. „Ich halt es hier nicht mehr aus, ich reise ab. Michael sieht durch mich hindurch, als ob ich nicht existieren würde. Auf meine Fragen antwortet er erst gar nicht, keine Ahnung was mit ihm los ist. Stell dir vor, zum ersten Mal in all den Jahren hat er meinen Geburtstag vergessen. Jeden Morgen macht er sich in aller Herrgottsfrühe auf den Weg in den Wald, an den See. Ich hasse ihn. Von mir aus kann er hier im Wald Wurzeln schlagen.“ Michael räuspert sich. „Ich meld mich dann wieder“, Korinna wirft das Smartphone aufs Bett und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „So weit ist es mit uns gekommen!“, sie zerrt ihre Sachen aus dem Schrank und klatscht sie in den Koffer. „Morgen früh bin ich weg. Und heute werde ich ohne dich zum Essen gehen.“ Michael tritt auf den Balkon hinaus. Bald hört er die Tür laut ins Schloss fallen. Er zündet sich eine Zigarette an. In den Rauchschwaden sieht er IHR Gesicht, ihr Mund ist leicht geöffnet.
Es ist noch dämmrig, ihre Lieblingsstunde. Michael setzt sich ins taubenetzte Moos. Fast wäre er eingeschlafen, da streift ein Nebelschwaden seinen Nacken, sodass sich die feinen Härchen aufstellen. Der Wind rauscht in den alten Lärchen. Michael dreht sich um. „Genovefa!“ Wassertropfen funkeln an ihrem Kleidersaum und tropfen vereinzelt auf ihre nackten Füße. Er zieht die Geliebte zu sich herunter und streicht ihr mit einer langsamen Bewegung eine kastanienbraune Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie lächelt und legt ihre kühle Hand in seinen Nacken. Ganz zart fährt sie gegen den Strich durch sein Haar, Gänsehaut überzieht seine Arme. Er legt seinen Kopf in ihren Schoß und schließt die Augen. Langsam zieht sie das Taschenmesser aus dem Seitenfach seines Rucksacks, öffnet es über seinem Kopf. Dann sucht sie eine besonders schöne Locke in ihren Strähnen, schneidet sie ab und legt sie in seine geöffnete Hand, die sie mit einem Kuss verschließt. Leichtfüßig erhebt sie sich und zieht Michael hinter sich her bis ans Seeufer. Hinein ins Wasser. Nebelschwaden umhüllen sie beide. Michael hat sich noch nie so leicht gefühlt. Wie schön Genovefa in diesem Nebellicht ist. Ein Band der Wärme verbindet ihn mit ihr. Weiter folgt er ihr in den See hinein, spürt die Kälte der Wassertiefen nicht. Tausende Wassertropfen glitzern auf Genovefas Kleid. „Michael!“, Korinnas Stimme überschlägt sich. „Halt!“, das Wasser spritzt unter ihren Füßen empor. Endlich erreicht sie Michael. „Was ist nur los mit dir?“, Korinna schüttelt ihn an den Schultern. Wie aus einem Traum erwachend reibt sich Michael die Augen. Er kann noch den Umriss ihrer Gestalt erkennen, dann ist Genovefa in den Nebelschwaden verschwunden.

 
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