Genug

Gabriele Chiapparini
03.07.2019
 
Genug
Es war die Tageszeit, zu der Raffaele die Knoten lösen musste, die die Vorhänge der nach Westen gelegenen Zimmer zusammenhielten. Die Sonne stand nun genau dem Haus gegenüber, in zehn, zwanzig Minuten würde sie so tief gesunken sein, dass sie die Decke der Küche beschien, in der er gerade das Geschirr vom Abendessen spülte. Das von den Gläsern gebrochene Licht erzeugte kleine Regenbogenfragmente auf seiner Haut. Raffaele hatte das Haus erst vor wenigen Jahren gekauft, seit einigen Monaten war es endlich zur Gänze bewohnbar. Er hatte lange danach gesucht, nach einem Haus in so einer Lage. Ein nach Osten, Süden und Westen gelegenes Haus. Hoch genug auf dem Kamm, um für ein paar Minuten am Tag die Sonne an den Decken der westlich gelegenen Zimmer genießen zu können. Abgeschieden genug, aber mit einer Ortschaft in wenigen Kilometern Entfernung. Mit einer Gruppe von Bäumen in der Nähe, zahlreich genug, damit man es einen Wald nennen konnte, aber nicht so viele, dass sie die Aussicht und das Gemüt verdunkelten. Darum war es ihm, als er es gefunden hatte, ziemlich egal, dass es baufällig war, und er sorgte sich auch nicht um die anstehenden Arbeiten, deren Ende nicht absehbar war. Er wollte die Sache so schnell wie möglich erledigen und widmete sich ganz der Sanierung: zunächst als Architekt, der er war, danach, im Ruhestand, als Arbeiter.
Er hatte immer in der Stadt gewohnt und gelebt und brauchte ihre Hektik, als er jung war, um sie dann als Erwachsener zu nutzen und zu ertragen. Am Ende hatte sie ihn verbraucht. Das Apartment, das er in diesen letzten Jahren bewohnte, betrachtete er mittlerweile als vorübergehend, obwohl er dort praktisch sein ganzes Leben verbracht hatte: zuerst gleich nach Eröffnung des Studios, danach mit Sofia und dann mit den Kindern, bis er langsam wieder allein dort gewohnt hatte. In jener Zeit stieg er immer häufiger ins Auto und machte sich auf die Suche danach. Damals war es eher ein Zukunftstraum, ein Gefühl, nichts Reales. Er fuhr die kilometerlangen Berghänge in der Umgebung der Stadt ab, manchmal vom Aufstehen bis es dunkel wurde, so dunkel, dass er nach Hause zurückkehren musste. Es war fast Nacht, als er die baufällige Hütte zu ersten Mal sah. Sie war hinter dem Ende einer Kurve aufgetaucht, eine schwarze Silhouette am azurblauen Himmel. Er wusste nicht genau, wo sie stand, und am nächsten Tag hatte er befürchtet, sie nicht mehr wiederzufinden. Jetzt, während er sich den Schaum von den Händen wusch, fühlte er sich genau dort, wo er sein wollte. Er trocknete sich mit dem Putzlappen ab, der neben dem Spülbecken lag, holte die Schuhe und schlüpfte mit einiger Mühe hinein. Er nahm die Daunenjacke und knöpfte sie bis halb zur Brust hinauf zu. Er spähte zum Fenster hinaus. Es war fast Zeit. Er setzte die Teekanne auf, verließ das Haus und machte sich auf den Weg zum Garten. Er war sich selbst der Nutzlosigkeit dieses letzten Rundgangs zum Garten bewusst, den er täglich unternahm, kurz vor Sonnenuntergang. Nicht alles, was notwendig ist, ist immer auch nützlich, dachte er. Nachsehen, ob alles getan und alles in Ordnung war. Das Tagewerk erledigt sehen, die Resultate im Kopf festhalten. Es war befriedigend. Er fühlte sich wohl dabei. Der im Vorjahr gepflanzte Lavendel lockte jetzt viele Bestäubungsinsekten an und so wurde der Garten immer lebendiger, betriebsam, wie ein selbstständiges Ökosystem. Er trat an den Strauch heran, nahm ein paar Blüten zwischen die Finger und roch an ihrem Ende. Er betrachtete die am selben Morgen aufgelockerte Erde. Sie sog noch das Wasser der wenigen Tropfen auf, die am Nachmittag gefallen waren. Im Genick spürte er die Sonne, warm und zart, wie sie nur zu dieser Stunde sein konnte. Das Gesicht im Schatten war dagegen von der frischen und rauen Bergluft umspült. Er machte kehrt und ging langsamen Schrittes zum Haus zurück, betrat es, goss sich Tee ein und ging rasch wieder nach draußen. Er nahm den Stuhl, der neben dem Eingang an der Hauswand lehnte, und ging über die Wiese der Sonne entgegen. Er machte zehn, zwölf Schritte, hielt an, setzte den Stuhl ab und ging langsam in die Knie, um sich zu setzen. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie die Erde das erste Stück Licht zu verschlucken begann. Er schloss die Augen und versuchte, sich wie jeden Abend diesen Eindruck einzuprägen, ihn sich einzuverleiben, falls er eines Tages nicht mehr in der Lage sein würde, ihn zu erleben. Er wollte ihn in Erinnerung behalten, und er wollte ihn gut in Erinnerung behalten. Nicht nur. Er wollte sich vergegenwärtigen, sich so weit wie möglich dessen bewusst sein, was er da leibhaftig und in eigener Person erlebte. Er hielt die Augen geschlossen. Er sah, wie das leuchtende Rot hinter den Lidern nach und nach schwächer wurde. Er dachte, dass trotz Frühling die Luft noch kalt war. Als er die Augen wieder öffnete, war noch ein letzter Sonnenstreifen übrig, der bereits nach wenigen Sekunden hinter dem Horizont verschwand. Er blieb, um zu spüren, wie es allmählich und unaufhaltsam kühler wurde. Die Formen, die ihn umgaben, waren mittlerweile ohne Schatten und hatten einen Teil ihres Wesens verloren. Es war jener eigenartige visuelle und zeitliche Grenzbereich, weder Tag noch Nacht, den man in der Fotografie als „Goldene Stunde“ bezeichnet (und damit war er durchaus einverstanden). Der Geruch von Moos und noch feuchter Baumrinde stieg ihm in die Nase. Er führte die Tasse an den Mund, blies darüber, bevor er den ersten Schluck nahm. Er wartet ein paar Minuten, bis das Käuzchen zu rufen begann. Etwas aufgeregt antwortete ihm Raffaele jede Nacht. Und jede Nacht antwortete das Käuzchen Raffaele, bis dieser beschloss, dass es genug war, und zufrieden zum Haus zurückging.

Übersetzung: Werner Menapace
 
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