Gesänge des Vigiljochs

Laura Johanna Braverman
19.02.2015
 
Gesänge des Vigiljochs
1. EINE LICHTUNG 11:15 / 22. Februar

Schnee knirscht unter unseren Füßen, als wir vorbei am Sessellift bergwärts gehen. Es ist das einzige Geräusch neben dem Surren und Klappern der Liftsessel, wenn diese über die kleinen Gummiräder der Liftpfeiler laufen, das die Stille durchbricht. Wir gehen am Schild mit der Aufschrift „Oberer Quellenweg 13/Bärenbad Alm“ vorbei.

Hinter den dunklen Kiefernzäunen, die die Grenze des Weges markieren, sind verstreut Tiroler Berghütten mit traditionell geschnitzten Balkonbrüstungen, bemalten Fensterläden aus Holz und von der Witterung gezeichneten Holzschindelwänden zu sehen. Über die Wintermonate unbewohnt und geschlossen, ruhen diese Hütten unter einer weißen Decke. Ich stelle mir vor, wie es sein würde, in einem dieser Häuser zu wohnen, auch wenn nur für kurze Zeit – so nahe an den Gesängen der Bäume und Berge.
Am Ende des Zauns, die Hütten liegen nun hinter uns, betreten wir die einsamste Stille des Waldes. Das rhythmische Klappern des Sesselliftes verblasst mehr und mehr in der Ferne. Ich achte auf die verschiedenen Rufe der Vögel: Trillern, längere Töne, die in an- und absteigenden Tonfolgen ausgestoßen werden, Piepsen und Kreischen.

Dann sagt R.: „Bleib‘ stehen. Horch‘.“

Ich bleibe in der Mitte des Weges stehen und lausche bewegungslos.

Wir hören das Klopfen eines Spechts – ein tiefes, schnelles, trommelndes Geräusch, das durch die Baumstämme schwingt. Es fühlt sich wie ein wundervolles Geschenk an.

Nach einer Weile gehen wir weiter, setzen unseren Aufstieg auf dem hartgepressten Schnee des immer enger werdenden Weges fort. Kleine Häufchen weißen Pulvers fallen in Abständen wie Silberstaubduschen von den Zweigen der Bäume. Einige Kiefern stehen in vollem Nadelkleid. Andere stehen kahl und dürr, ihre feinen braunen Zweige entblößt. Wir erreichen ein verschlossenes Holztor.
Als wir über ein Ende des geschlossenen Zauns klettern, entdecken wir eine Lichtung, die sich unterhalb eines kurzen Abhangs erstreckt. Ich setze mich auf einen freiliegenden Baumstumpf und mustere den Ausblick – auf der einen Seite das Tal; und auf der anderen Berghänge, die mit Reihen von mit einer zarten Schneeschicht umhüllten Kiefern bedeckt sind. In der Ferne erheben sich majestätisch die zerklüfteten grauen und weißen Gipfel der Dolomiten, von Wolkenfetzen umhangen, zwischen denen immer wieder blaue Flecken aufblitzen. Im blassen Sonnenlicht werfen die Bäume sanfte Schatten auf die unberührten verschneiten Hänge. Plötzlich erklingen im Tal Kirchenglocken: eine ermutigende, Zuversicht spendende Ankündigung der Mittagsstunde, die mich an so viele Kindheitstage in Salzburg erinnert.


2. SPECHT 10:15 / 23. Februar
Es ist ein wenig wärmer heute. Ein paar lose Kieselsteine ragen aus dem Schnee am Anstieg zum Sessellift hervor – dieser steht heute still, was die Ruhe noch vollkommener macht. Vogelgesänge und -rufe ertönen aus allen Ecken des Waldes. Erneut hören wir das laute Klopfen des Spechts. Auf einmal erklingt das Klopfgeräusch in einer viel höheren Tonlage.
"Jetzt hat er eine hohle Stelle im Baum gefunden“, sagt R.

Der Vogel ist in der Nähe, irgendwo knapp über uns. Wir bleiben stehen und schauen uns kurz um.

Meine Beine fühlen sich heute schwer und langsam an. Es ist, als müsste ich sie hinter mir herziehen, und ich muss oft stehen bleiben, um tiefe Atemzüge zu nehmen. Ich spüre die Höhenlage. Mehr, so scheint es, als sonst jemand hier. Mit Fortdauer unseres Aufstiegs wird es jedoch besser, das Schweregefühl lässt nach und wir erreichen die Lichtung heute schneller. Es ist weniger wolkenverhangen als gestern und so haben wir freien Blick auf die Weite des Himmels, die scharfen Spitzen in der Ferne und das satte Blau hinter ihnen.

Ich setze mich wieder hin, um den Vogelstimmen zu lauschen – dem Piepsen und Schnattern, den ansteigenden und abfallenden Tonfolgen. Ich höre einen Vogel, der wie eine Schreibmaschine klingt.

Als ich R. darauf aufmerksam mache, sagt er, "eine sehr schnelle Schreibmaschine."

Ich lache und lausche, wie sich die Vogelkommunikation rasch Zeile für Zeile weiterklappert.

Wir entscheiden uns, heute weiter zu gehen als gestern und passieren den Punkt, an dem wir gestern kehrtmachten. Der Weg setzt sich zunächst abwärts fort und führt dann entlang eines Holzzauns weiter – danach führt er wieder in den Wald und den Schatten der Nadelbäume zurück. Ich bleibe entlang des Weges stehen, um meine Arme um die grobe Rinde des langen Halses einer Kiefer zu legen. Die Furchen und Rillen fühlen sich rau auf meiner Wange an. Ich schließe meine Augen und bitte den Baum, mir sein lebendiges Herz zu übertragen.

3. WANDERSTOCK 11:40 / 24. Februar

Wir nehmen heute Weg 1. R. mag die Abwechslung und möchte Verschiedenes erkunden. Der Schnee fühlt sich frisch und pulverig an. Es hat ein wenig geschneit an diesem Morgen. Als wir beim Frühstück gesessen sind, sind die Flocken eine Zeit lang langsam und gemächlich zu Boden geschwebt. R. findet einen Stock zum Gehen. Der Stock sieht an einem Ende zu dünn aus, um als Wanderstock verwendet werden zu können, doch R. zeigt mir, dass er biegsam ist. Er lehnt sich mit seinem Gewicht auf ihn: Der Stock biegt sich, bricht aber nicht.

Das rhythmische Klappern, das der Stock bei seinen Bodenkontakten verursacht, erinnert mich an den Wanderstock meines Vaters. Nie ist er ohne diesen Stock wandern gegangen. Ich erinnere mich, wie ich als Kind im Takt dieses Geräusches gegangen bin – das Schaben der Stockspitze an der Erde oder den Zweigen, das Abprallen dieses Geräusches an den hohen Säulen des Waldes. Wenn ich an den Gehstock meines Vaters denke – die Spitze mit einem Loch für eine Handgelenkschlaufe für seine große Hand durchbohrt – kommt er mir wie ein Totem vor. Es scheint mir, als wäre er nun für einen Moment zurückgekehrt, als wäre sein Geist durch dieses Geräusch gerufen worden.

Meine Müdigkeit ist erdrückend heute. Es ist mein alter Kampf gegen die Erschöpfung. Ich setze mich mit ihren Schwankungen jeden Tag auseinander. Es fühlt sich an, als könnte ich meine schweren, müden Beine im Schnee kaum auf und ab bewegen, aber ich will diese Luft atmen, ich möchte zwischen den Bäumen und Bergen, die Teil des Bauplans meines Blutes sind, sein. Also gehe ich weiter.
Wir nehmen jenen Weg, der sich an der Vorderseite der Berghütte talwärts schlängelt, an einigen Almhäusern vorbeiführt und dann eine Krümmung Richtung Wald macht. Auf dieser Seite des Waldes wird die Spur des Weges breiter. Die Sicht reicht von hier bis ganz ins Tal hinab. Ich sage R., dass ich Ziegen rieche. Er meint, es müsse ein Dorf direkt unter uns sein.
In diesem Moment fällt ein rundlicher Schneeklumpen durch die Äste und ich denke darüber nach, wie ich das Geräusch, das er verursacht, beschreiben würde – ein wenig blechern, wie die großen, langsamen Regentropfen, die am Ende eines Sturms auf eine metallene Dachrinne tröpfeln. Gleichzeitig scheint es das akustische Äquivalent des Wortes Schimmer zu sein.

Ich gehe langsam vorwärts, folge R., der feste, sichere Schritte in den Schnee setzt. Ich fühle das Kribbeln der Angst in meiner Brust: Werde ich die Kraft haben, gut und wohlbehalten zurück zum Hotel zu kommen? Ich konzentriere mich auf die Bäume und den Schnee, um mich von diesen Gedanken abzulenken. Ich erzähle R., dass ich beunruhigt bin.

“Mach’ dir keine Gedanken”, sagt er, “es ist einfach.”

Seine entspannte Zuversicht gibt auch mir wieder Sicherheit. Und tatsächlich komme ich problemlos wieder zurück. Als wir den kontinuierlichen Anstieg, den der Weg in Richtung Hotel macht, nehmen, gehen wir an einer glatten Schneebank vorbei. R. schreibt mit seinem Wanderstock eine Botschaft in den Schnee. Mir gefällt diese Botschaft und ich sage es ihm.

4. ROTWILD 15:30 / 25. Februar

Heute gehen wir etwas später los. Ich habe ein gutes Gefühl. Ein Zusammenwirken verschiedener Dinge macht diesen Zeitpunkt geradezu ideal für einen Spaziergang. Meine Beine fühlen sich heute leichter an, meine Kraft kommt mir ausgeprägter und abrufbereiter vor. Das Nachmittagslicht umhüllt den Schnee mit einem rosa-goldenen Schimmer. Die Schatten der Bäume verursachen sanfte, unscharfe Kanten und Linien im weißen Pulver.

Unterwegs umarme ich erneut einen Baum. Während ich so mit geschlossenen Augen stehe, flüstert R. etwas, das ich zwar nicht verstehe, die Eindringlichkeit seiner Worte erntet aber dennoch meine Aufmerksamkeit. Ich öffne die Augen und blicke in die Richtung, in die er zeigt.

Unter uns, am steilen Hang zwischen den Baumreihen, steht ein Reh, spitzt seine Ohren und beobachtet uns. Wir erstarren. Ich will nicht die geringste Bewegung machen, denn das könnte dieses anmutige Geschöpf vielleicht verscheuchen. Es fühlt sich an, als würde alles erstarren, als
würde der ganze Wald mit uns warten.

In diesem erwartungs- und hoffnungsvollen Moment, erhebt sich plötzlich der Wind auf der Steigung des Berges. Er rauscht als lautes Seufzen durch Äste und Nadeln. Da sehen wir hinter dem ersten Reh noch ein weiteres stehen. Wir stehen und beobachten gespannt – vier bewegungslose Augenpaare. Ein Augenblick, der sich in die Ewigkeit erstreckt – so wie der Himmel über uns.

Eine tiefe Ruhe durchdringt heute den Wald und wir sind ein Teil von ihr. Ich lausche den Vögeln während wir gehen; die Rufe eines Vogels klingen wie „kau-kau“. Als wir zur Lichtung gelangen, folgen wir dem Weg entlang des Zauns und erfreuen uns der Fernsicht. Wir hören den schrillen Ruf eines Falken durch das Tal hallen und sehen seine dunklen Schwingen über uns.

Während wir weitergehen, denke ich an einen Aufsatz, den ich vor kurzem gelesen habe, der beschreibt, wie sich durch das Wandern eine besondere Art von Trance einstellen kann. Ich atme. Ich mache einen Schritt und dann noch einen. Ich denke an das letzte Mal, als wir auf dem Vigiljoch gewesen sind. Drei Monate nachdem mein Vater diese Welt verlassen hatte. Das ist jetzt zweieinhalb Jahre her. Wir sind von hier über die Höhen des Brennerpasses nach Salzburg gefahren, um seine Asche in die Erde zu geben – zu Oma, zu Tante Hannerl und zu Opa auf den Friedhof. Damals war mir, als würden mir die Bäume und Berge des Vigiljochs durch den Wind Geschichten über ihn zuflüstern.

5. WIND 15:25 / 26. Februar

Unser letzter Tag zum Wandern – und es hat in der Nacht und in den Tag hinein geschneit, sodass es ganz und gar keine Übertreibung ist, die Worte “Winter Wonderland” zu verwenden. Die Vögel zwitschern oberhalb der Schneedecke und durch das Weiß hindurch, als ob ihre Lungen und Herzen sich geöffnet hätten – das Trillern, Pfeifen und schwungvolle Auf und Ab ihrer Stimmen ertönt verstärkt inmitten der Reihen von Bäumen. Manche Bäume entlang des ersten Wegabschnitts sehen aus, als würden sie aus einem Japanprospekt stammen: Sie sehen aus wie Kirschbäume, aber anstatt der typischen rosafarbenen Blüten zieren baumwollartige Büschel aus weißem Pulverschnee die feinen Enden der Zweige.

Heute bläst der Wind stärker als an den vergangenen Tagen dieser Woche. Der Wind hallt in Kiefernnadeln anders als in Laubbäumen. Ich versuche ein Wort zu finden, das diesen Klang beschreibt. Aber es ist nicht einfach, das richtige zu wählen: Ein Rauschen? Ein Summen? Seufzt der Himmel – oder atmet die Erde? Es ist das Geräusch, vor dem ich mich am liebsten verneigen würde. Ich möchte mich vor dem Wald und vor den Bergen verneigen – möchte mit meinem Kopf den Boden in einer Geste der Opfergabe für das Heilige, das hier an diesem Ort zusammenströmt, berühren. In meinem Herzen werfe ich mich nieder und lege mich als Zeichen meiner Anbetung flach auf den Boden.

Aus dem Englischen von Philipp Stummer

 
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