Höhen und Tiefen

Uta Boesinger
10.02.2014
 
Höhen und Tiefen
Jahrein, jahraus hatte er nicht ein einziges Mal an seiner Arbeit gezweifelt. Nie hatte er daran gedacht, etwas anderes zu tun. Nur heute wollte er sich mit seiner Tätigkeit nicht anfreunden. Dieser Mensch nahm all seine Kräfte zusammen. Seine Muskeln waren in starker Anspannung. Schweiß überströmte seinen Körper: Heute schien alles fremd. Der Fels widerspenstig, der Boden unter den Füßen gewährte keinen Halt, sein Schweiß fröstelte ihn. Seit Stunden mühte und plagte er sich, während er sonst kaum Anstrengung verspürte.
Sisyphus lag in einem großen Kampf, einem Kranken ähnlich, der die Krisis erreicht hat. Und mit dem Erlahmen seiner körperlichen Kräfte wuchsen seine geistigen Kräfte und schlichen sich auf einen Pfad, den Sisyphus im entferntesten nicht gewagt hätte zu gehen solange sein Kräftehaushalt intakt war. Sein Geist rebellierte: Wie lange willst du noch diese trostlose Arbeit verrichten? Deine Schuld ist mehr als abgegolten. Ich rate dir: Lass den Stein Stein sein, wende dich dem Leben zu!
Nicht anders erging es Tantalus. Er saß angekettet am Fuß des Berges, an dem sich Sisyphus abmühte, im Schatten von Obstbäumen an einer Quelle. Er war Durstender und Hungernder. Sobald er Wasser schöpfen wollte wich es zurück und ebenso erging es Tantalus, wollte er nach Obst greifen. Er wusste nicht, war es schlimmer angekettet oder durstend und hungernd zu sein. Seit Tagen versuchte er mit einem Stein Obst vom Baum zu schießen. Vergeblich. Um nicht einfach von seinem Schicksal aufgefressen zu werden, bearbeitete er mit dem Stein seine Kette. Er fühlte wie es sein würde, frei zu sein.
Da war Sisyphus seiner Erschöpfung erlegen und gestürzt, sein Stein polterte zu Tal und riss Geröll mit. Er sah ihm nach wie er Staub aufwirbelte und sich beschleunigte. Es war wie eine Erleichterung für ihn und er war sich sicher, dass er diesen Stein nicht mehr den Berg hinauf rollen würde.
Tantalus war gerade rechtzeitig zur Seite gesprungen, soweit die Spannweite der Kette reichte, denn Sisyphus` Stein verschüttete die Quelle, an der er vor wenigen Minuten gesessen hatte.
Schicksalhaft wie von Götter-Hand hatte sich durch den Steinschlag Tantalus´ Kette gesprengt. Desorientiert stand Tantalus frei vor seiner verschütteten Quelle, als Sisyphus schwitzend vom Berg herabkam.
Die Blicke beider kreuzten sich und Sisyphus forderte Tantalus auf, mit ihm zu gehen. Sie hatten keine Orientierung, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatten sie nicht einmal ihre gewohnte Umgebung verlassen. Eines allerdings setzten sie sich in den Kopf: sie wollten zur Küste.
Ein Fuß setzte sich vor den anderen in den Staub. Sie zogen durch schäbige Orte, wo viel geschlachtet wurde. In den Gossen war Blut. Fliegen tummelten sich überall. Es stank erbärmlich. Zwiespältige Gestalten lungerten auf den Straßen herum. Tantalus und Sisyphus gingen ungehindert ihrer Wege.
Im Götterhimmel war Zeus eifrig bestrebt eine Versammlung einzuberufen. Besorgt blickte er auf die Rebellen. Sollte man sie nicht wieder zurückversetzen, sie neu bestrafen oder gar auslöschen? Es wurde heftig durcheinander gesprochen und diskutiert. Als ein wenig Retsina geflossen war, erhob sich Poseidon, der den Meeren entstiegen war und seine Arbeit ruhen ließ und rief: lassen wir sie laufen und beobachten sie. Wenn sie einen guten und unauffälligen Weg einschlagen, kneifen wir ein Auge zu und lassen sie ziehen. So bleibt die ganze Angelegenheit unter uns und fällt nicht weiter auf. Wir zeigen Humor und sind damit stärker, als würden wir immer nur strafen und schließlich wollen wir ja, dass sich die Menschheit entwickelt.
Eine gute Idee, bejaten die Anwesenden Poseidons Vorschlag. Und so löste sich die Versammlung in eines der typischen Gelage auf.
Tantalus und Sisyphus wanderten: Tage, Wochen, Monate, Jahre. Was sie dabei nie erreichten, war die Küste. Aber die Küste trug sie durch alles hindurch und ließ sie alles ertragen.
Als sie ihr Ziel erreichten, war das Meer ganz still und der Mond warf eine Straße aus Licht aufs Wasser. Tantalus und Sisyphus setzten sich zusammen auf eine Klippe und schwiegen. Sie lauschten dem Geräusch der sanften Wellen, wie sie ans Ufer schlugen und das Wasser leise durch den Sand rieselte während es sich zurückzog. Sie hörten wie die Grillen zirpten und sie spürten den warmen Wind sanft durch die Haare streichen. Sie rochen Kräuter wie Salbei und Thymian. Das war ein guter Ort. Sisyphus und Tantalus fühlten sich aufgehoben und willkommen hier. Erlöst und zufrieden begaben sie sich zur Ruhe.
Als sie sich am nächsten Morgen erhoben hatte das Meer zwei Skelette freigespült. Sie lagen in rötlichen Ton gebettet, so gelagert, dass die Füße des einen beim Kopf des anderen weilten. Es mochten vielleicht Krieger gewesen sein. Sie lagen da als Zeichen in eine Landschaft gebettet, als Schrift, die gelesen werden konnte. Sie lagen ganz selbstverständlich unter Muscheln und Tonscherben, Seeigelskeletten, Unrat und Müll. Sie machten gar nicht auf sich aufmerksam.
Einige Zeit später würden sie schon nicht mehr da sein, denn das Meer würde sie wieder zuspülen. Als Tantalus und Sisyphus ihre Blicke hoben, sahen sie große Felsquader von alten Ruinenmauern. Frech sprangen dort die Ziegen einer Herde herum, deren Hirte sich im Schatten eines Olivenbaumes ausruhte.
Beide durchzuckte ein Gedankenblitz: Ab heute sind wir erlöst. Sisyphus und Tantalus sind Mythen geworden. Das wollte uns das Meer sagen, indem es die Skelette freigab. „Ich bin jetzt Jorgos und werde zur See fahren um zu fischen,“ verkündete Sisyphus. „Und ich werde Antiquitäten restaurieren und verkaufen. Ich heiße von nun an Petros“, sprach Tantalus.
„Da wir unsere Orte verlassen haben und die damit verbundene Aufgabe nicht mehr ausführen, geht ein Teil dieser Arbeit an die Menschen über“, stellten beide fest. „Die Menschen werden in ihren Herzen eine Sehnsucht tragen, die nicht zu sättigen ist. Diese Sehnsucht wird die Menschen zu Wanderern machen. Sie werden suchen und Erkenntnis gewinnen, aber die Sehnsucht wird immer sein.“ So sprach der eben geborene Petros.
„Und die Tage der Menschen werden sich füllen mit sich ständig wiederholenden Aufgaben.“ So sprach der eben geborene Jorgos.
Damit entwichen sie in ein normales Leben und trugen Sisyphus und Tantalus in Würde mit sich.
Die Götter schmunzelten sich zufrieden zu.
 
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