Hasenzeit

Christine F. Wagner
12.04.2015
 
Hasenzeit
Ich schwebe!
Ein Kribbeln unterm Brustbein, im Bauch, in den Beinen.
Ich erinnere mich, wie ich als Kind mit dem Hubschrauber vom Berg geholt werden musste. Bänderriss. So fühlt sich das Gleiten mit der Gondel an.
Ich konzentriere mich auf meinen Atem. Und warte.

Jetzt! Jetzt dehnt sich der Raum aus. Oben und unten verlieren sich, die Farben - klar. Und meine Lunge sammelt jedes Gramm Sauerstoff. Stille. Nur mein zufrieden brummender Magen ist zu hören. Und ein leises Surren. Wiesen, meterhohe Bäume, hie und da ein Haus. Ein Meer von Himmel. Kleine Schäfchenwölkchen tanzen darin.
Meine Augen sehen grün. Bin ich bei der Bergstation angekommen? Die Jacke habe ich vergessen, so muss ich meine Arme um mich legen.
Die Luft soll hier dünner sein. Ich weiß, was dicke Luft bedeutet. Aber woran erkenne ich, dass sie dünn ist?
Der Blick nach unten. Land, überall Land. Südtiroler Land. Der Blick nach oben. Himmel. Sieht der in Südtirol anders aus? Geradeaus: Meraner Berge. Deren Name steht nirgendwo. Die Stille ist sichtbar. Nur ein von weiter Ferne her kommendes Motorengeräusch dringt in mein Ohr. Vor mir ein großes Hotel. Das also ist der Unterschied zwischen unscheinbar und unsichtbar. Eingefügt und eingebettet in Wiesen, Wald und Berge ist es kaum zu erkennen. Herrschaftlich ohne zu herrschen. Glas. Holz. Lehm. Ich träume von einem Festmahl an einem elegant gedeckten Tisch mit einem vorzüglichen Wein, in angenehmer Gesellschaft. Mein Blick durch nichts begrenzt. Niemand merkt, dass er sich entzieht und in die Ferne gleitet. Vielleicht sogar bis Afrika.
Ich staune andächtig. All diese Natur, mein Städterblick kann sich nicht sattsehen an den Bäumen, den Sommerwiesen, den Gipfelkreuzen der mir unbekannten Berge, den Spielzeughäusern unten im Tal. Mein Blick schweift von da nach dort. Sogar Hasen gibt es hier! Ein rotbrauner hoppelt durch das Bild, eilig sucht er das Weite.
Durch das Fenster sehe ich gerade noch das Hinterteil des Hasen John, den ich zur Pflege aufgedrängt bekommen habe und der sich nun im Hinterhof in Nachbars Garten trotz Regen vergnügen wird. Das Fenster ist offen, mich fröstelt und ich lege schützend meine Arme um mich. Meine Ohren jucken. Als ich die Ohrenstöpsel entferne, klebt sich der Lärm der benachbarten Durchzugsstraße in meine Gehörgänge. Der Computer gibt ein Piepsen von sich. Der Akku ist leer.
Natur- bzw. Kulturerleben nenne ich das. Nach einem hektischen Alltag, zwischen all den Terminen, gönne ich mir Ausflüge. Das Internet bietet eine Riesenauswahl. Ich wähle und schon bin ich in New York, auf den Osterinseln oder in der Sahara. Diesmal habe ich mich für die Berge entschieden. Google hat mich zum Vigiljoch geführt. Südtirol.
Es klingelt an der Tür, „Let´s dance“ ertönt, mein neuer Klingelton am Telefon, der Stuhl ist unbequem, ich muss mir einen neuen kaufen. Mein Magen knurrt, ist es wirklich schon 19 Uhr? Der Kühlschrank ist leer, vor der Tür steht niemand, am Smartphone erscheint das Foto meiner Mutter, ich hebe nicht ab. Der Auftrag meines Chefs liegt mir im Magen, dem knurrenden, ob es reicht, wenn ich morgen bei Sonnenaufgang aufstehe?
Der Blick aus meinem Fenster ist grau. Nur ein bisschen Grün im Hinterhofgarten. Der Hase!
Ich stürze hinaus, sehe ihn friedlich grasend, die letzten Halme vertilgend.
John sitzt und frisst. Schaut und schnüffelt. Sein Fell ist glatt. Gestern habe ich ihm Möhren gegeben und heute in der Früh ist er auf mich raufgesprungen, ich kam nicht umhin ihn kurz zu streicheln, habe seinen schnellen Atem gespürt. Die Barthaare kitzelten meinen Arm und seine Pfote hinterließ auf meinem weißen Hemd einen dunklen Abdruck. Ich kam zu spät zur Arbeit. Jetzt hüpft er in die Höh´, dreht sich in der Luft und spurtet zur Mauer, die den Hof begrenzt, schlägt einen Hacken und rast auf mich zu. Schnell. Aber eilig scheint er es nicht zu haben. Ich beuge mich zu ihm, das Telefon, das schon wieder zu lets-dancen beginnt, fällt aus der Tasche, ich hebe nicht ab, denn der Hase sitzt drauf und beschnüffelt es. Seine Barthaare zittern, sein Blick scheint konzentriert, die Ohren hoch aufgerichtet. Da setze ich mich ins nasse Gras. Und die im Internet gesehenen Bilder vom Vigiljoch strömen auf mich ein und ich höre die Stille trotz Autolärm.
Plötzlich spüre ich die dünne Luft, angenehm kühl und leicht, ein Hauch, der sich über mich legt, mich berührt, so sanft wie der Hasenbart. Wo liegt Südtirol?
Erst eine Woche, 10 oder vielleicht 11 Tage später erlaubt es mir mein Terminplan wieder zu verreisen. Meine Finger arbeiten anders als mein Kopf und schon bin ich wieder am Berg.
Ich finde neue, immer neue Bilder, die mich inspirieren. Atme das Grün ein, überrasche mich bei dem Wunsch, meine Wanderschuhe aus dem Abstellraum zu holen, bete im Vigiliuskirchlein. Um mehr Zeit, damit ich länger vorm Computer sitzen kann, um mich an der Schönheit dieser Gegend zu erfreuen.
John ist immer noch bei mir. Ständig ertappe ich mich, wie ich bei ihm im Hinterhofgarten sitze und die Bilder meiner virtuellen Reise abrufe. Anstatt zu arbeiten, Termine wahrzunehmen, Geld zu verdienen. Für meine neue Wohnung in bester Lage.
Ich stelle mir vor, mit ihm in den Wiesen, den blumenübersäten, hoch oben am Berg zu sitzen. Dann lege mich im Hof neben ihn und betrachte die Welt von unten. Wie sieht der Südtiroler Himmel wohl in Wirklichkeit aus?
John sitzt, frisst und putzt sich. Was macht der eigentlich den ganzen Tag? Ich sitze nun öfters in dem grauen Hinterhof, seit kurzem esse ich regelmäßiger und die Hitze von der Haut zu duschen ist wunderbar! Wenn John mich mit seinen Kulleraugen betrachtet, starre ich zurück. Wer blinzelt zuerst? Früher waren meine Sandkastenfreunde und ich in diesem Spiel Spezialisten.
Heute nenne ich meine Arbeitskollegen Freunde.
Dass mein Später-Kommen und Früher-Gehen offenbar niemandem auffällt, kränkt mich mehr als es mich wundert.
Jeden Abend, nachdem John seine Karotte bekommen hat, begeben wir beide uns auf neue Erkundungsreisen.
Ich lese über Feuersteinfunde, die auf vorgeschichtliche Besiedlung auf dem Vigiljoch hinweisen und erkenne den Rosengarten auf mehreren Bildern. Im Baumarkt suche ich nach Lärchenholz, im Internet bestelle ich mir Meraner Mineralwasser. Quellwasser vom Vigiljoch. Das trinke ich im Garten und teile es mit John.
Mein Chef fragt mich, ob ich mich verliebt habe.
Daraufhin kaufe ich eine Transportbox für den Hasen, buche im Netz eine Bahnkarte und besorge mir Tabletten gegen Übelkeit. Denn was, wenn es in der Gondel mehr schaukelt als im Hubschrauber?
 
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