Heidelbeermarmelade

Edna Moos
10.02.2014
 
Heidelbeermarmelade
Inge pflückt Heidelbeeren.

Grün, helles Grün am Boden und dazwischen kleine blaue Beeren. Warum spricht man in Inges Familie immer von blauen Beeren, blauen Flecken auf hellen Sommerkleidern, blaue Lippen, weil man zuviel von diesen Beeren genascht hatte, blaue Finger, die noch tagelang die Pflückerin verraten? Eigentlich ist es ein dunkles Grauviolett. Viel frisches Grün und dazwischen grauviolette Heidelbeeren. Wenn Inge die Beeren nach Hause trägt, dann sind die Beeren nassviolett mit einem kräftigen Rot unterlegt.
Sobald sie verkocht werden, stockt das Beerenmus in einem dunkelschwarzen Violett.

Wenn sie jemand fragt, wie der Sommer schmeckt, fallen Inge immer Heidelbeeren ein. Sie reifen im Juli, also dann, wenn der Sommer so richtig in Schwung gekommen ist und die Leute in den Bergen vorsichtig anfangen, sich über die Hitze zu beklagen. Vorsichtig nur, schließlich lassen sich die wirklich heißen Tage hier an einer Hand abzählen. Und ehe man sich versieht, lauert schon wieder ein Kälteeinbruch mit nasskalten Schauern hinter der nächsten Ecke.
Heidelbeeren pflückt Inge nur an heißen, trockenen Tagen, deshalb zupft sie immer auch ein wenig Sonne von den grünen Stängeln und verkocht sie mit dem Beerenbrei zu Marmelade. Ein klein wenig gestockte Sommersonne findet sie dann im Winter auf ihrem Frühstücksbrot.

Würde sie gerne finden.

Seit sie denken kann, verdirbt die Heidelbeermarmelade jedes Mal sobald das Glas geöffnet wird. Gerade einmal kostet sie davon und findet, dieses Jahr kann man die Marmelade wirklich essen und sie schmeckt auch irgendwie ein wenig nach den blauen Sommerbeeren, nach Wald und Kindheit und Mutter’s bunter Kittelschürze.
Aber ehe sie sich versieht, zieht sich eine dünne, weiße Schimmelschicht über die angebrochene Marmelade und sie stellt das kranke Glas wieder zurück. Davon wird es aber nicht gesund. Sobald sie das nächste Mal das Glas in die Hand bekommt, hat die Marmelade schon eine graue wuschlige Schimmelfrisur und endet in der Biotonne, wie all die Jahre zuvor.

Daran muss Inge denken, während sie zwischen all den grünen Blättern am Boden nach den blauen Beeren sucht. Eine Hand voll hat sie schon gegessen, mehr aber nicht, schließlich muss man ganz schön viele Beeren pflücken, um daraus Marmelade machen zu können. Man kommt nicht weit, wenn man die Beeren gleich isst, die man findet.

Heidelbeeren trifft man nicht einfach so, man muss sich schon die Mühe machen sie zu suchen. Heidelbeeren suchen war ein wichtiger Arbeitsauftrag in den Sommern ihrer Kindheit. Den Kindern wurde viel zugemutet, sie wurden allein in den Wald geschickt, all ihre Bedenken über gefährliche Tiere und irre Menschen, die sich dort rumtreiben könnten, wurden in den Wind geschlagen, schließlich galt es, eine große Aufgabe zu erfüllen. Die Kinder sollten so viele Beeren wie möglich nach Hause tragen, daraus wurden wichtige Vorräte für den Winter zubereitet, z. B. Heidelbeermarmelade.

Inge liebt Marillenmarmelade. Warum fallen ihr jetzt Marillen ein? Es geht heute um das Pflücken von Heidelbeeren. Die Finger werden violett und violetter. Sie wird Tage brauchen, um sie mit Seife und Zitrone wieder halbwegs sauber zu bekommen.
Inge pflückt nicht jede Beere, sondern nur die gleichmäßig runden, schön reifen, prallen Exemplare.

Ihr Mann mag keine Heidelbeeren. Heidelbeeren kann man nicht gut waschen vor dem Zubereiten. Sie vertragen kein Wasser. Sobald sie richtig nass werden, sind sie ein einziger Matschhaufen, den niemand mehr essen will. Ihr Mann malt sich die unwahrscheinlichsten Situationen aus. Waldtiere, welche die Beeren ablecken, ihr Geschäft inmitten der Beeren verrichten, Spinnen, welche ihre Eier an den Beerenstängeln ablegen. Ihr Mann isst keine Heidelbeermarmelade.

Inge weiß, dass Waldbeeren besonders gesund sind. Vitamine, Antioxidantien… Deshalb mischt Inge ja auch keine Konservierungsstoffe in den schönen violetten Beerenbrei. Was dann wieder zur Folge hat, dass die Marmelade nicht lange haltbar bleibt.

Inge trägt die Beeren nach Hause, fuselt in stundenlanger Geduldsarbeit die kleinen Blätter aus dem Haufen, die beim Pflücken zwischen die Beeren geraten sind und schmeißt dann die Beeren in den großen Topf, um sie zu Marmelade zu verkochen. Der Topf wird sich violett färben und es wird Wochen dauern, bis es Inge gelingt, die Innenseite des Topfes wieder halbwegs sauber geschrubbt zu haben, dass man darin auch wieder andere Speisen zubereiten kann, die ohne violetten Farbstich auf den Tisch sollen.

Während Inge den Beerenbrei umrührt, damit er nicht anbrennt, ihr Kreuz durchdrückt, das vom Pflücken und Fuseln und Rühren schmerzt merkt sie, dass sie richtig Hunger hat auf frische Heidelbeeren. Leider haben sich die Heidelbeeren schon alle zu matschigem Marmeladebrei verwandelt. Nächstes Jahr wird sie zuerst so viele frische Heidelbeeren essen, wie sie nur kann und erst aus dem verbleibenden Rest Marmelade machen. Ob sie dann noch genug Heidelbeeren haben wird, um daraus Marmelade zu kochen? Für Heidelbeerschnaps, fällt ihr ein, braucht es nur eine Hand voll Beeren.

Während sie im Keller nach den alten Marmeladegläsern kramt beschleicht sie leise
das Gefühl, dass sie in ihrem Leben schon viel zu lange in Marmeladentöpfen rührt und vorsichtig formt sich der Entschluss in ihr, im nächsten Jahr Heidelbeeren zu Schnaps zu verarbeiten.

Inge liebt Heidelbeerschnaps.





 
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