Herbstlichter - Eine Geschichte über Helena und Josef, Mesner des Vigiljocher Kirchleins

Ulrike Dubis
15.09.2011
 
Herbstlichter - Eine Geschichte über Helena und Josef, Mesner des Vigiljocher Kirchleins
Nichts rührte sich. War es die Ruhe vor einem herannahenden Herbstgewitter oder stummer Vorbote einer nicht enden wollenden Stille, Nora konnte es nicht sagen. Die Gondel hob leise surrend ab und entschwand im weiß dampfenden Licht.

Schwere Nebel draußen, drinnen angeregte Gespräche, denen die eigenartige Stimmung jenseits der großflächigen Fenster nichts anhaben konnte. Nora grüßte, weil es die Situation vorgab, und wandte sich ab. Licht brach sich in schwulstigen Wolkenfetzen, um im nächsten Augenblick wieder vom Dunst verschlungen zu werden: ein schweigsames Machtspiel, das sich weißkalt und launisch der fließenden Fahrt der Gondel hingab. Das jähe Licht stach in den Augen. Nora fröstelte.

Sie sei froh, dass mit dem neuen Hotel auch das Kirchlein wieder so richtig genutzt würde, erzählte die ältere Frau ihrer jungen Zuhörerin. Das Amt der Mesner hätten sie gerne angenommen, sie und ihr Mann Josef, damals bei der Glockenweihe, es ist ja auch ein ganz besonderer Platz und ein besonderes Kirchlein, es kämen Leute aus Nah und Fern sehr gern hierher, um im Vigiljocher Kirchlein zu heiraten.
Und ja, 40 Jahre sei sie jetzt schon mit ihrem Josef zusammen, die acht Kinder sind schon außer Haus und sie beide in Pension, jetzt haben sie wieder Zeit. Die Zuhörerin nickte anerkennend. Adrett und freundlich sah sie aus. Die Junge mochte vom Aufzug her wohl Angestellte des Hotels sein, in dem sie ein Zimmer reserviert hatte, wahrscheinlich vom Empfangspersonal. Nora würde sich vielleicht an sie wenden müssen: Sie müssen entschuldigen, ich bin jetzt doch allein angereist. Wäre es eventuell möglich, ein günstigeres Zimmer zu bekommen. Die Vorstellung ekelte Nora an, sie schmeckte nach Bloßstellung.

Nora versuchte, sich auf das Nebelspiel vor dem Fenster zu konzentrieren, wollte weghören, es gelang ihr nicht. Sie waren nur zu dritt und die Stadt im Dunst der Ferne nur eine Ahnung, unsichtbar. Ihr Blick wollte sich an etwas festhalten, auch das gelang ihr nicht, nur hie und da flogen Äste wie dunkle Gestalten an ihr vorüber. Sie fühlte sich auf einmal haltlos, wie aus dem Leben geworfen, schwebend. Sie schob es der Fahrt in die Schuhe und wusste doch, dass das nicht stimmte. Die Gondel glitt mit sanftem Ruck über den ersten Metallpfeiler. Die Zeit hatte vergessen zu verstreichen.

Blutjung war sie damals gewesen, als sie den Josef kennen gelernt hat, das war beim Silvesterball der Feuerwehr in einem Obstmagazin in Lana. Die ganze Nacht hätten sie durchgetanzt, die Mutter habe schon an der Tür gewartet, als sie endlich nach Hause kam. Und dann hat sie nicht schlafen können vor lauter Schmetterlingen im Bauch, erzählte die Frau weiter.
Nora gab sich geschlagen, hörte einfach zu und machte auch keinen Hehl mehr daraus, ließ sich vom Hier und Jetzt fesseln. Irgendwie war ihr, als wären sie, die drei Frauen, an diesem Ort miteinander verbunden: eine Art Selbstverständnis oder intuitives Wissen, dass sie drei einander etwas angingen, als Zaungäste der jeweils anderen Leben. Zuhörerinnen.

Ihre Eltern wären auch gleich von ihm angetan gewesen, weil er so ein fleißiger anständiger Mensch war. Aber so einfach war das nicht damals, sie hat ja gearbeitet und ihre Ausbildung hatte sie auch noch nicht abgeschlossen. Das hat sich nicht miteinander vereinbaren lassen und sie musste sich entscheiden, entweder er oder die Schule. Sie hat dann im Stillen einen Entschluss gefasst und begonnen, ihm aus dem Weg zu gehen. Er hat nicht verstanden, warum seine schöne Helena kaum noch da war, als er sie besuchen wollte, er hat sich sogar ein Auto gekauft, um sie zu beeindrucken und für sich zu gewinnen. Doch Helena war eisern. Weil er es wissen wollte, hat er sie dann eines Tages abgepasst, als sie auf dem Heimweg war. Direkt darauf angesprochen, hat sie ihm dann erklärt, dass es nicht ginge, nicht jetzt. Wenn es das Schicksal wollte, würden sie einander zu einem späteren Zeitpunkt wieder begegnen.
Noras Handy piepste, Helena und die Zuhörerin sahen sie an, als wollten sie warten, bis Nora ihr SMS gelesen hätte, um mit der Erzählung fortzufahren. Sie winkte mit einer Geste ab, es wäre sicher nichts Wichtiges. Draußen verdichtete sich der Wald und bot ein gewaltiges Schauspiel aus Nebelschwaden, die mit aller Kraft empordrängten, gerade so, als müssten sie sich befreien.

Als Helena ihre Lehre abgeschlossen hatte, war Josef längst außer Reichweite. Das würde wohl nichts mehr werden, dessen war sie sich sicher – erst recht, als sie ihn eines Tages mit seinem Auto vorüberfahren sah, eine rothaarige Dame an seiner Seite. Da sei ihr das Herz in die Hosen gerutscht. Aber Helena war wieder eisern, sie wollte ihn zurückgewinnen, vor allem, nachdem sie gehört hatte, dass es mit der Rothaarigen doch nichts geworden war. Über ihren Arbeitskollegen hat sie ihm einen schönen Gruß ausrichten lassen, was der sehr gern getan hat, und dann hat der Josef all seinen Mut zusammengenommen und ist zu ihr ins Geschäft gegangen und hat sie gefragt, ob er sie nach Dienstschluss abholen dürfe. Ja, und dann …
Nora und die Zuhörerin atmeten auf, die Gondel passierte den letzten Metallpfeiler. Nora blickte verstohlen auf ihr Handy: Bist du schon oben? Wie ist das Wetter? Ok, ich geb es zu, es war meine Schuld. Ich wär so gern bei dir, darf ich, bitte, ähm, nachkommen? … Kuss B.

Sie bräuchten nicht glauben, dass sich dann alles in eitel Wonne aufgelöst hat, sagte Helena. Das erste Ehejahr war nicht so, wie man es sich vorstellt, voller Geigen am Himmel. Nein, es war ein Jahr des Alltags, des Zusammengewöhnens, man äußert vorsichtig seine Wünsche und muss erst lernen, einander gegenseitig zu akzeptieren und zu achten.
Die Jungen gäben schon sehr schnell auf heutzutage, fand Helena.

Plötzlich brach die Sonne durch das dichte Gewölk und erging sich in einem wahrhaftigen Feuerwerk strahlend warmer Farben, darüber der Himmel in sattem Kobalt – Herbstlichter. Jetzt haben wir doch noch schönes Wetter bekommen, ich weiß schon, warum das Vigiljoch unser Lieblingsplatz ist, lachte Helena und griff nach ihrer Tasche. Die Bahn ruckelte leise, als sie in die Bergstation glitt.

Nora stand auf dem Kiesweg, betrachtete das Hotel, dann wieder ihr Handy.
Ob sie gleich mit ihr mitkommen wolle, den Koffer würde sie ihr gerne abnehmen, sprach sie die Zuhörerin an. Oh, vielen Dank, Nora gab ihr den Koffer.
Ich komme gleich nach. Ich glaub, ich brauch noch einen Augenblick.

 
 
 
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