hinüber

Silvia Berger
16.02.2017
 
hinüber
Seit das Wort mich getroffen hat, stehen nachts die Toten an meiner Schwelle und winken mir zu. Zum Teil verschmitzt lächelnd. So Großtante Frieda, deren eher zusammengepresste Lippen mir in Erinnerung sind. Sie hatte Angst um die Teppiche, wenn wir Kinder zu Besuch waren. Die Kissen zog sie schnell hinter unserem Rücken weg, bevor wir uns anlehnen konnten. Jetzt, in der Nacht an meiner Schwelle, lächelt sie schelmisch und winkt mir lockend zu.

Meine Schwester, als ich ihr davon erzähle, als sei es ein Traum gewesen, sagt entrüstet: Solange du lebst, gehörst du zu den Lebenden.
Aber ich weiß es besser, seit ich die Diagnose habe. Ein Hindurch-Erkennen ist sie und macht die Grenze durchlässig. Trotzdem muss auch meine Schwester lachen, als ich ihr, als sei es nur ein Traum gewesen, von der winkenden Tante erzähle.
Weißt du noch, wie sie bei uns an Ostern um den Tisch gesprungen ist?
Ja, und gesungen hat sie.
Beide singen wir im Chor: Gaga, gaga, der Has’ hat g’legt! Und lachen. Sie wollte auch mal lustig sein, wir Kinder fanden es nur komisch.

Auch Großtante Anna winkt mir zu, viel sanfter lächelnd als ihre Schwester. Sie ist es auch, die anfängt zu reden und sagt: Komm, es wird dir gefallen.
Tante Anna war so wenig glücklich in ihrem Leben. Am Schluss im Altersheim versteckte sie Kuchenstücke in ihrem Schrank, weil sie glaubte, man wolle sie verhungern lassen. So voller Misstrauen war sie und sagte: Sie stehlen, alle. Immer fror sie. Trotz ihrer unförmigen wollenen Unterhosen, die sie uns vorwurfsvoll zeigte. Jetzt wirkt sie glücklich und besänftigt. Sie steht da, Hand in Hand mit ihrer Schwester, vor der sie im Leben Angst hatte.

Je tiefer das Wort in mir wirkt, umso interessierter höre ich ihnen zu. Seit ein paar Nächten steht sogar mein Großvater hinter ihnen und pfeift einen Marsch. Meine Großmutter, die dritte der Schwestern, hat keine Angst mehr davor, dass ihr alles über den Kopf wächst. Sie wirkt entspannt, Angst und Bitterkeit sind aus ihren Augen verschwunden, die glänzen. Es wird dir gefallen, sagt sie und winkt. Aber tagsüber überfallen mich das Entsetzen und die bittere Trauer darüber, dass ich das Leben meiner Kinder nicht mehr miterleben werde. Alles wird ohne mich stattfinden, die Hochzeiten meiner Kinder, die Geburt meiner Enkel. Die Zukunft. Ohne mich.

Du musst kämpfen, sagt mein Mann. Du musst leben wollen.
Das will ich ja, sage ich und denke an die Lebenden, die mir nahe sind.
Doch dann liege ich lang und länger auf dem Sofa und je länger ich liege, umso ferner geraten sie meinen Gedanken und lassen mich allein. Oder nein, ich verlasse sie. Ich denke mehr und mehr an die Sommer in den Bergen, die ich nicht mehr erleben werde. An die federnden Bergwiesen, über die ich nicht mehr gehen werde, nachdem ich die hellen Lärchen und dunklen Zirben hinter mir gelassen habe. Ich gehe bergan, Felsen erheben sich aus dem Gelb des sommertrockenen Grases, das sich unter meinen Füßen knisternd senkt. Über mir der Grat, den ich erklimmen will, über den ich hinübersehen will in eine ganz neue Welt. Wo Berge sich an Berge reihen, bis sie sich luftblau im Dunst auflösen, da wo ihnen die Himmel entgegen kommen. Ich steige und mein Herz klopft bis in den Hals, in meinem Kopf will etwas zerspringen. Der Grat rückt mir nicht näher und tiefe Angst, dass ich ihn nicht erreiche, nie hinüber schauen werde, ergreift mich mit einem grässlichen Schmerz.
Du stöhnst, Liebes, wach auf, höre ich eine Stimme. Mein Mann hat sich über mich gebeugt und mich an den Schultern gefasst. Ja, ich weine, weil ich nicht mehr hinüberschauen werde in das andere Tal. In meinem Hals ist ein weher Knoten, der meine Kehle zusammenpresst.

In der Nacht stehen die drei Schwestern wieder an meiner Schwelle und rücken mir näher. Tante Frieda hat ihre Handtasche unter den Arm geklemmt und Tante Anna stützt sich fast elegant auf einen Regenschirm. Ihr altmodischer kleiner Haarknoten ist aufgelöst und silbrige Fäden umfliegen im Hauch, der über die Schwelle weht, ihren Kopf. Mit den freien Armen haben die Schwestern einander untergehakt. Die Großmutter winkt.
Wein’ doch nicht, sagen sie. Dort kannst du ja auf jeden Grat hinaufsteigen. Die Felsen werden dir höchstpersönlich entgegenkommen und dich hinauftragen. Und wenn du oben bist, dann setzt du dich auf einen Stein, sonnengewärmt und wie ein Thron steht er über den Tälern. Der Wind wird in dein Haar hineinfahren, aber du wirst nicht frieren, so lange du auch sitzen willst. Und wenn die Sonne rosig und dann rotgoldglühend untergeht, wenn lilablau die Dämmerung heraufzieht und du aufstehst und weitergehst den Grat entlang auf federnden Matten aus Gras und silbergrauen Moosen, wenn du am Ende ankommst, wo in grauschwarzen Felsen der Berg sich im Abgrund verliert, dann hebst du wie ein Vogel ab und fliegst in das neue Tal.
Lachen steigt in mir auf, als ich die eifrigen Großtanten sehe, ihre leidenschaftliche Rede höre und meine Großmutter aufmunternd winkt. Ihr sagt das, frage ich, wo ihr doch, wenn überhaupt, nur auf Parkwegen und an Seepromenaden spazieren gegangen seid? Gerade ihr?
Wenn du wüsstest, sagen sie verheißungsvoll, ach, wenn du nur wüsstest.
Und in der Nacht? flüstere ich.
In der Nacht? Tante Frieda kichert wie damals, als sie zum Osterhasenlied um den Tisch sprang. Und Tante Anna sagt: Da kannst du sitzen bleiben auf deinem Thron. So lange du willst. Der Wind zerrt an dir, aber du wirst nicht frieren. Und die Felsen werden im Mondlicht zu flüssigem Silber.
Woher weißt du das? frage ich. Ach, wenn du wüsstest, wenn du wüsstest, lächeln sie und winken. Der Großvater hinter ihnen pfeift einen Marsch.

In der Nacht, wenn die Lebenden schlafen, fühle ich mich weniger und weniger ihnen zugehörig und es zieht mich zu der Schwelle, wo die drei alten Schwestern mit mir reden. Am Tag holen mich die, die leben, wieder und vermeiden das Diagnosewort. Ich bin die einzige, die es sagt. Müde. Da sagen sie: Wehr dich. Und alle wissen etwas zu sagen, über das Weiterleben, wenn man nur dies und das …
Doch das Tagleben ist immer weniger meines. Die Meinen gehen ihren Tagesgeschäften nach und ich warte auf die schlaflose Nacht, auf meine Begegnung mit den drei Schwestern. Immer lustiger wird der Marsch, den mein Großvater im Hintergrund pfeift.
 
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