HIN & WEG

Frederike Frei
19.02.2015
 
HIN & WEG
Ein freies Abteil habe ich gefunden, schotte mich mit dünnen, grauen DB-Vorhängen ab gegen die aufgeregten Kofferträger im Gang und stelle mich ans Fenster.
Der Gegenzug auf dem Nachbargleis verdunkelt mein Abteil, das wird sich gleich ändern. Mir gegenüber wartet wie ich ein Mann darauf, dass es losgeht, nur in die umgekehrte Richtung. Sein Zug will in den Sackbahnhof hineinfahren, meiner hinaus. Wir werfen uns einen kurzen Blick zu im Bewusstsein dessen, dass wir uns sofort wieder aus den Augen verlieren.
Weil sich beide Züge nicht in Bewegung setzen, betrachte ich erst meine Fensterscheibe, dann den Rahmen, er erst seinen Rahmen, dann die Scheibe. Jeder möchte den anderen schon deshalb so rasch wie möglich ziehen lassen, damit er selbst freie Sicht gewinnt. Der Mann ist so blond wie ich. Es waren zwei Königskinder... Nie hab ich verstanden, was die Nonne da will in dem Lied. Wenn wir bloß weiterführen.
Was macht eine, die ständig angeguckt wird, aber den Blick nun mal partout nicht erwidern mag? Die kehrt der Welt den Rücken zu und packt ihre Reisetasche neu. Eine prächtige Weintraube kommt zum Vorschein wie von einem üppigen Buffet, noch im Bahnhof erstanden. Sicher macht der da drüben jetzt Stielaugen, wenn ich sie auf dem Fensterbrett ablege. Soll er. Nun hab ich schon ein freies Abteil, aber bin noch immer nicht allein. Oder sind wir bereits unterwegs? Ich gucke unvermittelt hoch, seine Augen scheren aus.
Ich sehe ihn mir genauer an. Ein klares Profil. Mir gefällt der Mann, seit er nicht mehr herguckt. Ein verschlossenes Gesicht, der offene Hemdkragen. Zwei Ärmel hängen ihm über die Schultern, wie wenn der Pulli ihn umarmen will. Das Fenster plättet seinen Bauch, doch es bleibt eine leichte Wölbung. Fein ausgepolstert die ganze Figur. Mit diesem Blick in die Ferne stehen sonst Fürsten da, im Freien, in ihrem Rücken Berge, Seen, schottische Schlösser... Tischbeins Aquarell Goethe am Fenster fällt mir ein. Immer wieder zog mich diese Rückenansicht Goethes auf unserem Lesebuchdeckel in der Schule magisch an. Entspannt lehnte Goethe am Fensterkreuz seiner römischen Wohnung am Corso, und ich wartete eigentlich nur darauf, dass sich der Dichter einmal umdrehte. Hier sehe ich einen so lässig vornübergebeugten Fenstergucker endlich einmal von vorn. Der Mann hat eine glückliche Gesichtsbildung, würde Goethe dazu sagen.
Warum schaut er nicht mehr her? Immerhin stehe ich hier reisefertig im Wiener Wetterfleck, mein Sonntagsstaat, ein mit Paspeln abgesetzter Paletot. Marke Lodenfrey oder Trachtengruber, das will was heißen. Doch er fixiert die Wand hinter mir und blickt so haarscharf an mir vorbei, als suchte ein Messerwerfer die genaue Wurflinie. Oder blendet ihn mein Astralleib? Möglicherweise bin ich ihm unangenehm. Und wenn schon. So schön ist er nicht, nur schön solo in seinem Abteil. Ich stell mir vor, wie es wäre, drüben in seinem Zug unerwartet vom Gang aus, wo er mich hundertprozentig nicht erwartet, sein Coupé zu betreten. Ob er mich wiedererkennte? Erschräke er wie vor einem Geist?
Statt einer Antwort schaut er auf seine Armbanduhr. Vielleicht wartet das Taxi auf ihn, das mich zum Bahnhof brachte und nun in der Warteschlange genau auf ihn zurollt. Womöglich hat er einen Termin in meiner Straße? In meinem Haus! Was weiß man denn. Nur dieses einzige Mal führt unser Lebensweg uns zusammen und für immer auseinander.
Ob wir uns grüßten, sollten wir uns je begegnen? Wie merke ich mir diese Nase zum Beispiel, an den schmalwandigen Nasenbögen oder am fein gezeichneten Schwung ihres Rückens? Eben will ich in Ruhe mit filigranem Blick den ungefähren Winkel zwischen seiner Stirn und der Nase ausmessen, da schaut er her.
Nichts wie weg mit den Augen. Doch erst als ich heimlich hochlinse, verschwinden seine ebenfalls.
Und nun versuche ich mir in rasender Eile, noch bevor er wieder guckt, mit flatternden Wimpern jedes Quadratzentimeterchen seiner Gesichts-, ja Halshaut einzuprägen, so wie unser Mathematiklehrer früher altbekannte Rechenaufgaben neu einkleidete, um unser Wissen auf die Probe zu stellen, überlege mir schon, wie der Mann wohl mit einem anderen Haarschnitt und Brille aussähe, um ihn auch noch am Ende der Welt wieder zu erkennen, oder womöglich, um den Schwierigkeitsgrad zu steigern, in einem arabischen Bazar?

Um keinen Millimeter rucken die Züge an.
Fahrig wandern unsere Augen mal hierhin, mal dorthin, nur die hellen, ovalen Gesichtsflecken in der oberen Höhe des Fensters müssen sie aussparen. Darin sitzt ein Magnet, der fremde Blick. Weibsbild und Mannsbild. Aquarell und Ölgemälde. Ölschinken... Bloß nicht lächeln. Ich stiere vor mich hin und gerate dabei in immer größere Unruhe. Zwei Menschen, die hier aneinanderkleben. Ungemütlich. Man wird uns auf jeden Fall zu trennen wissen, beruhige ich mich. Bald werden wir wieder in unsere Leben eintauchen. Wie das seine wohl aussieht? Ich sehe es in Gedanken mäandern durch Länder und Jahrzehnte. Ich finde ihn unterm Sauerstoffzelt, vorm Altar, in einer Seilbahn über Almen und Lärchenwäldern. Längst sehe ich ihn als Leiche und auch mich bereits am Ende der Tage angekommen, wer weiß wo, eingebuddelt in feuchter Krümelerde, wie die, die ich heute früh noch aus dem Balkonkasten holte, um alles winterfertig zu machen vor der Abreise. Die bleichen Blumenwürzelchen lösten sich schon auf, meine Fingernägel musste ich heftig schrubben.
Plötzlich schauen wir uns wie auf ein Zeichen hin im selben Moment mitten ins Gesicht. Niemand von uns gibt seine Miene auch nur mit einem einzigen Muskel oder einer Wimper zu erkennen.
Mein Gott, zwei Tote!
Da – der Zug.
Endlich ruckt er an und während er langsam, aber sicher Fahrt aufnimmt, schlagen auch unsere Pulsadern wieder rasch und rascher und noch bevor wir zu entgegengesetzten Zielen entführt werden, sehe ich den einen seiner Mundwinkel in meine Richtung zucken. Sofort stürzen meine Lippen, die schon darauf gewartet zu haben scheinen, in beide Ecken, zeigen volle Breitseite. Er lächelt, nickt, ich lache, winke, er hebt eine Hand, ich strecke einen Arm aus, er ..., ich ... Wir halten den Zug nicht an, nicht auf, wir sehen uns nie wieder, weg sind wir, einfach weg.

 
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