Ich habe Sehnsucht nach einem Berg

Nicole Aigner
29.08.2009
 
Ich habe Sehnsucht nach einem Berg, wie meine Großmutter Sehnsucht hatte nach dem Meer. Meine Großmutter, Gott hat sie selig und zu sich genommen nach einem von großen Sorgen und kleinen Freuden erfüllten Leben, nach langem und schwerem Leiden und zutiefst betrauert von Kindern, Schwiegerkindern und Enkelkindern. Meine Großmutter, die Zeit ihres Lebens nicht schwimmen gelernt hat und an einem See gelebt hat, dem man nicht auf den Grund sehen kann. Er reicht einem nicht einmal bis zum Kinn, aber das reicht zum Ertrinken, in diesem See, dem man nicht auf den Grund sehen kann.

Einmal war ich mit meiner Großmutter schwimmen, nicht im See, in einem Schwimmbad, in einem himmelblauen Bassin mit chlorgetränktem babybadewannenwarmem Wasser. Meine Großmutter war auf Kur damals, um ihr Herz, das an Stärke mit ihrem Willen schon lange nicht mehr mithalten konnte, wieder fit zu kriegen. Wir gehen schwimmen, sagte sie – und das sah, von weitem betrachtet, fast wie schwimmen aus. Langsam bewegte sich meine Großmutter durch das mit brusttiefem, warmem Thermalwasser gefüllte Becken, Brustschwimmbewegungen nachahmend, langsam einen Fuß vor den anderen setzend.

Oma, du schwimmst ja gar nicht!

Ich schwimme – sagte sie. So bestimmt, dass ich es nicht gewagt hätte, etwas einzuwenden.

Ich schwimme ...

Manchmal kommt es mir so vor, als schwömme ich durch dieses Leben, sehe, wie andere es meistern, zurecht kommen, mit dem, was sie erreicht und geschaffen haben, mit dem, was ihnen geschehen oder zugefallen ist, ob es nun Zufälle gibt oder nicht.

Sie beherrschen das Fortkommen in diesem Element, manche mehr, manche weniger. Die einen strampeln vor sich hin, haben das Wasser bis zum Hals und halten sich mühevoll darüber. Die anderen brillieren voller Anmut, Eleganz und Kraft, in den diversen Disziplinen. Sogar Synchronschwimmen, mit Partner – und das sieht so spielerisch leicht aus, so voller Harmonie, dass es einem beim Zusehen schier das Herz zerreißt.

Nur ich gehe so vor mich hin, in diesem verräterischen blauen Becken, dem man bis auf den Grund sieht, die üblichen Bewegungen nachahmend, möglichst unauffällig, setze ich einen Fuß vor den anderen und tue so als ob.

Sehe zu, wie die anderen die Füße vom Boden nehmen, ganz selbstverständlich, schwimmen und vorwärts kommen. Fehlt mir das Können oder der Mut? Oder das Vertrauen, mich dem anheim zu geben, was diese anderen so sichtlich und offenbar trägt?

Ich träume von einem Berg – fester Boden unter meinem Füßen, ein Schritt nach dem anderen, keine Gefahr, den Halt zu verlieren. Mühsam, beschwerlich, das Gefühl zu schweben, wird sich hier wohl nicht einstellen. Und dennoch oder vielleicht gerade deshalb träume ich von einem Berg.

Immer größer wird diese Sehnsucht, aus dem flachen Land mit seinem unergründlichen See, der einem kaum bis zum Kinn reicht, was aber dennoch zum Ertrinken reicht, aufzubrechen zu einem noch nie erreichten Gipfel, von der gewohnten Ebene hinaufsteigen, auf eine neue Stufe.

Hier könnte die Luft klar sein, sogar schneidend scharf, aber sie würde die Lungen reinigen und alle Gedanken wie durch ein Sieb pressen, so, dass nur die Essenz übrig bleibt.

So ein Sieb, wie es meine Großmutter hatte, ein Simperl, ein ganz simples Gefäß, mit dem simplen Sinn, das Nötige vom Unnötigen zu trennen.

Meine Großmutter hat den Salat darin durchgewaschen, die Nudeln abgeseiht und auch sonst allerlei. Ja so eines täte ich mir wünschen, so ein simplifizierendes Simperlsieb. Sogar mehr als eines, zwei bis drei, in den verschiedensten Größen und mit den verschiedensten Feinheiten.

Ein Teesieb, nicht nur für Tee, mit dem Teesieb lässt sich der Sonntagsgugelhupf vortrefflich mit Staubzucker bestreuen. Ich stelle mir vor, dass es der liebe Gott oder die von ihm dafür eigens engagierte Frau Holle ebenso macht, wenn in den Bergen der Winter einkehrt.

Das feine Sieb für die ganz zarten, fast durchscheinenden Kristalle, das mittlere für die etwas größeren Sterne, das grobmaschige für die dicken Flocken.

So stelle ich mir das vor und auch, wie es sich anfühlt, durch dieses Flockenmeer zu waten. Es knirscht unter den Sohlen, die Hand ist kaum vor Augen zu sehen, die Kälte nimmt einem schier den Atem.

An dem See, dem man nicht auf den Grund sehen kann, ist es im Winter nebelig trüb, feucht und kalt, und das legt sich schwer auf das Gemüt. Im Sommer brütet die Hitze über dem flachen Land, das mit dem Horizont verschwimmt, als gäbe es kein Oben und Unten, kein Hier oder Dort.

Die Berge haben einen Fuß und einen Gipfel. Schon diese Tatsache gibt die Richtung vor. Wer unten steht, richtet den Blick ganz automatisch nach oben – hier geht´s lang, kein Zweifel.

Es mag verschiedene Routen geben, markiert und nach Schwierigkeitsgraden unterscheidbar, aber der Grundsatz ist klar. Es geht bergauf, über Stock und Stein bis zum Gipfel.

Am Ende des Weges wartet ein Ziel: Ankommen.
 
 
 
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