Im Park

Kurt Ehrendorfer
10.02.2014
 
Im Park
Zu Mittag geht er in den Park. Es kostet ihn Überwindung vom Schreibtisch aufzustehen, die Chemotherapie, die er zurzeit bekommt, laugt ihn aus. Im Treppenhaus hält er sich am Geländer fest, er ist wackelig auf den Beinen. Trotzdem geht er die drei Stockwerke zu Fuß hinunter, die Bewegung bringt seinen Kreislauf in Schwung.
Beim Ausgang zieht er die Identitätskarte über die Stechuhr, die Schiebetüren gleiten auf, er ist draußen. Er schaut nach links und nach rechts. Ein Auto rast vorbei, in dieser Gegend fährt man rücksichtslos. Die Straße ist zu breit und die Menschen hinter den Lenkrädern haben nur Augen für die grüne Ampel vorne an der Kreuzung. Ein Wunder, dass es da noch keine Toten gegeben hat.
In der Schnellbahnstation kauft er sich ein Brötchen, mit der Tüte geht er in den Park. Hier treffen sich die Mitarbeiter der Firma beim Feueralarm ungefähr zweimal im Jahr. Ansonsten wird der Park gemieden, der ganze Bezirk wird gemieden. Man ist nur wegen der niedrigen Mietpreise hier. Die Angestellten kommen vom anderen Ende der Stadt und suchen nach Dienstschluss das Weite. Das Bürogebäude gleicht einem Hochsicherheitstrakt mit versperrten Stockwerkstüren, Zutrittskarten und Menschen wie in Trance.
Im Park auf der Bank packt er das Brötchen aus. Er macht einen Bissen und zerdrückt den weichen Käse zwischen Zunge und Gaumen. Die Sonne und das Licht tun ihm gut. Ein paar Burschen spielen Fußball. Ein hohes Gitter umgibt den asphaltierten Sportplatz. Wenn man gegen den Käfig schießt, springt der Ball zurück wie von Beton. Die Burschen spielen sich warm, dreschen den Ball gegen das Gitter und die Stahlrohr-Tore.
Er versteht nicht, was sie einander zurufen. Vermutlich sprechen sie Türkisch. Er beneidet sie um ihr schwarzes Haar das sie nur so vor Leben strotzen lässt. Er selbst hat keine Haare mehr. Er trägt eine Kappe, auch im Büro nimmt er sie nicht ab, eine orange Kappe, mit dem Aufdruck eines Ölkonzerns. Er kann sich nicht erinnern woher er sie hat. Bestimmt ein Werbegeschenk. Er hat lange gesucht bis er sie gefunden hat, seine Wohnung ist ein einziges Durcheinander. Jetzt läuft er den ganzen Tag damit herum, wie ein Tankwart im Sakko.
Er hat keinen Appetit, isst aus reiner Gewohnheit. Mit zweiundfünfzig hat man sich an alles gewöhnt, an das Essen zu festgelegten Zeiten, an die Einsamkeit, an das Nerd-Image in der Firma das ihm die Soft-Skiller umgehängt haben. Die Nerds machen die Arbeit, die Netzwerker die Karriere. Ein zeitloses Spiel. Er ist froh, dass es damit bald ein Ende hat, wenigstens für ihn. Ein Betriebsrat hat ihm empfohlen, in Pension zu gehen. Er könne die letzten Monate zu Hause verbringen. Aber was soll er dort? Er hat niemanden, der auf ihn wartet.
Es hat ihn am Darm erwischt. Vor einem Jahr wurde der Haupttumor entfernt, aber zu spät, wie es scheint. Man hat eine Metastase in der Leber entdeckt, daher jetzt die zweite Chemo. Die Wahrscheinlichkeit, in fünf Jahren noch zu leben, liegt zwischen null und siebenundfünfzig Prozent. Genauer will es der Onkologe nicht sagen, immer bleibt er freundlich und auf Abstand. Die ganze Welt verabreicht ihm dieses Gift: höfliche Distanz. Niemand will ihn vor den Kopf stoßen, niemand kommentiert die Kappe. Man sieht und hört und spricht nicht. Als wäre nichts. Als würde die Kappe nicht existieren.
Die Antriebslosigkeit ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist das Gefühl, das Leben nicht gelebt zu haben. Es nicht geliebt zu haben. Aber wie hätte er es lieben sollen? Seine Mutter ist gestorben, als er noch ein Kind war, sein Vater war traurig, solange er denken kann. Manchmal glaubt er, dass es dieses Gefühl ist, das ihn umbringt: das Leben nicht geliebt zu haben. Er hat es mit Psychotherapie probiert. Der Therapeut hat geschwiegen und er, der Patient, hat um sein Leben geredet. Das nennt man professionelle Hilfe, eine Gummiwand gegen die man rennt, der Therapeut ein Meister, der Patient ein Dummkopf. Er müsse bloß sein Leben in Ordnung bringen, hat der Meister betont, alles andere folge von selbst. Wie lange das dauere, hat er gefragt. Das könne man nicht sagen, das hänge ganz von seiner Anstrengung ab. Als ginge es um das Aufräumen seiner Wohnung.
Therapie mit Open End – die Zeit hat er nicht. Außerdem kann man für den Preis einer Sitzung eine Menge Ratgeber kaufen. Aus den Büchern hat er gelernt, dass es kein Geheimwissen gibt. Wer vorgibt, ein Meister zu sein, ist ein Betrüger. Es bleibt nichts, als die Verzweiflung anzunehmen und zu tun, wofür man brennt, was einem wirklich am Herzen liegt, inmitten des Dunkels.
Er steht auf und wirft die Tüte in den Abfalleimer. Die Burschen sind dabei, zwei Mannschaften zu bilden. Er geht zum Eingang des Käfigs. Auf der Innenseite der Öffnung schützt ein schräges Gitter vor Bällen, die in die Ecke donnern.
Er fragt, ob er mitspielen kann. Man schaut ihn groß an, wundert sich über sein gelbes Gesicht, das in bizarrem Widerspruch zum Wetter steht. Einer der Burschen nimmt sich seiner an und schiebt ihn über den Platz.
„Die da“, sagt der Bursche und zeigt ihm seine Mitspieler. Diese blinzeln in die Sonne oder betrachten seine Schuhe aus dünnem Leder.
„Das macht nichts“, sagt er, „die Schuhe sind kein Problem.“
Er erwartet, dass man ihn ins Tor stellt. Im Tor will gewöhnlich keiner stehen. Aber er wird nicht eingeteilt, man lässt ihn spielen, wo er will.
Die Sonne sticht. Eigentlich sollte er längst wieder im Büro sein. Die Burschen bemühen sich ihn einzubinden, passen ihm für sein Nicht-Können viel zu oft zu. Er schießt meistens daneben und macht sich die Schuhe kaputt dabei. Er lacht, sie klopfen ihm auf die Schultern.
„Arbeitest du im Büro?“
„Ja.“
„Gefällt dir?“
„Geht so.“
Beim nächsten Angriff schießt er ein Tor.
„Super.“ Jemand legt einen Arm um ihn. Die Kappe fällt zu Boden, er beeilt sich sie aufzuheben.
„Ich muss gehen“, sagt er und bedeckt den kahlen Kopf.
„Du kommst wieder?“
„Spielt ihr morgen?“
„Ja, gleiche Zeit.“

Im Büro steht er am Fenster. Er sieht hinunter auf die Straße. In der Bahnstation fährt ein Zug ein. Die Sonne steht hoch am Himmel. Es ist drei Uhr. Er sieht die Platanen im Park, dahinter Teile des Gitters. Er ist todmüde und weiß, dass er den Sommer nicht überleben wird. Dieser Gedanke schneidet wie ein Messer ins Fleisch. Er versucht, dem Schmerz keinen Widerstand zu leisten.
Er packt seine Sachen und macht sich auf den Heimweg. Morgen also wieder im Park. Darauf freut er sich.
 
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