Im Refugium des furchterregenden Tatzelwurms

Helmut Luther
20.02.2018
 
Im Refugium des furchterregenden Tatzelwurms
Das Vigiljoch hoch über Meran ist das Rückzugsgebiet erholungsbedürftiger Städter - und scheuer Fabelwesen. Daran ändert auch das einzige Luxusresort nichts.
Nur zwei Tische sind im Speisesaal des Gasthofs Jocher besetzt. An einem sitzt eine Skitourengruppe beim zweiten oder dritten Bier. Am anderen Tisch hocken zwei alte Männer und trinken Rotwein aus dicken Gläsern. Mit ihren Bergschuhen und Wollpullovern, an denen Heuhalme kleben, sind die Alten leicht als Viehbauern erkennbar. Sie heißen Johann und Ägidius Klotz, zwei Brüder, 85 und 84 Jahre alt, und werden von allen nur Hans und Giedl genannt. Sie wohnen in einer Blockhütte wenige Meter unterhalb des Gasthofes, ohne Fernseher, Handy, Computer oder Telefon. Weil die eisige Kälte durch die Ritzen in ihre Hütte dringt, suchen Hans und Giedl Zuflucht bei der Wirtin Traudi, die den Gasthof auf 1770 Metern seit einigen Jahren alleine führt.
Sie habe die beiden Alten adoptiert, sagt Traudi - indem sie sich um Hans und Giedl kümmert, sie verköstigt und Letzteren kürzlich dazu nötigte, sich im Krankenhaus in der Stadt unten am Grauen Star operieren zu lassen. „Er wusste nicht einmal, dass er einen Hausarzt hat.“ Im Gegenzug bekommt Traudi von den Bauern das Heu für ihren Streichelzoo. „Lange wird es nicht mehr gehen“, brummt Giedl, er sorgt sich um die Tiere. Was wird aus ihnen, wenn er und Hans ins Altenheim müssen? Giedl ist von den beiden Brüdern der zugänglichere, obwohl er sich, vorsichtig formuliert, nicht gerade kontaktfreudig zeigt. Hans behauptet, seit einem Unfall nicht mehr richtig zu hören. Doch das könnte auch eine Ausrede sein, um in Ruhe gelassen zu werden.
Seit sechzig Jahren leben Hans und Giedl beim Jocher. Den alten Schlepplift vor dem Haus haben sie eigenhändig dort aufgestellt. Über Jahrzehnte reichte der eine den Skifahrern an der Talstation den Tellersitz, der andere nahm ihn oben in Empfang. Vigiljoch heißt der Berg über Meran, der mit seinem breiten Rücken das Ultental, den Vinschgau und das Etschtal verbindet. In diese von Nadelwäldern überzogene Bergregion sind Almwiesen hineingetupft. Ab und zu schlängelt sich eine Skipiste über die Hänge. Das Vigiljoch ist als Landschaftsschutzgebiet eingestuft, was unter anderem bedeutet, dass es nur mit der Seilbahn zu erreichen ist. Übrigens seit 1912, mit der zweitältesten Seilbahn der Welt. Auf Schwarzweißfotos sieht man Herren in Knickerbockern und Damen in wallenden Röcken beim Üben des Stemmbogens. Auf Prospekten aus der Zwischenkriegszeit ist das Gebiet als Urlaubsziel zwischen Mailand, Paris und Wien eingezeichnet, was heute seltsam anmutet, denn das Joch, wie es die Einheimischen nennen, liegt ziemlich weit ab vom Schuss.
Genau das hat Ulrich Ladurner gereizt, hier ein besonderes Hotel zu errichten. Der Unternehmer, der sein Geld mit der Herstellung glutenfreier Nahrungsmittel verdient, beauftragte vor zwölf (sic. 15) Jahren den Stararchitekten Matteo Thun. Dieser plante ein Luxus-Resort aus Naturmaterialien, das sich heute mit seiner silbrig verwitterten Lärchenholzfassade nahtlos in die umliegende Waldeinsamkeit einfügt. Als Unternehmer sei man ständig mit Zahlen konfrontiert, daher habe er als „emotionale Aufgabe“ das Hotelprojekt in Angriff genommen, erklärt der Mittsechziger. Was Ladurner dann über sein Mountain Resort als Alternative zum Massentourismus sagt, hört sich zwar ganz nach nüchterner Kalkulation an. Aber Ulrich Ladurner erzählt auch, dass er hier am Vigiljoch Ski fahren gelernt habe, und klingt dabei, als erinnere er sich an die erste Liebe. Schon das Herauffahren mit der Seilbahn sei ein Akt des Abstandnehmens, man betrete eine eigene Welt. Das Vigiljoch ist ein Zauberberg, auf dem eine nostalgische Atmosphäre herrscht, eine Stimmung wie in der Epoche vor den Gluten- und anderen Intoleranzen - so bekomme ich es in den folgenden Tagen von allen zu hören.
Etwa von Norbert Menz. Der hünenhafte ältere Herr hat jeden Sommer auf der Familienhütte am Joch verbracht, er erforschte die Geschichte dieses Berges sowie der Menschen, die hier leben, und schrieb ein Buch darüber. Vor allem aber trägt Norbert Menz das Vigiljoch im Herzen. „Man kann es nicht erklären, man muss es spüren“, sagt er. Früher war er Leichtathletiktrainer und über viele Jahre Inhaber des Landesrekordes im Kugelstoßen. Wie viele bärenstarke Menschen hat Menz überhaupt nichts Auftrumpfendes an sich, im Gegenteil. In der Bar des Mountain Resorts fühlt er sich sichtlich fremd. Mit „den Krawatten-Menschen“, die Luxushotels normalerweise bevölkern, habe er wenig zu tun, erklärt er entschuldigend.
Wohler fühlt er sich eindeutig draußen in der Natur, und ich bin froh, dass mich Menz ein Stück durch das Gelände begleitet. An diesem Arbeitstag tummeln sich ringsum nur ein paar Unverwüstliche, die, verpackt in Wolldecken, auf dem Einsitzer-Sessellift hocken, der von der Seilbahnstation weiter bergauf führt. Momentan liegt auf 1500 Metern wenig Schnee. Doch in den vergangenen Wochen sank die Temperatur oft unter null Grad, so dass auf unserem Weg, vorbei an Lärchen mit langen Baumbärten, stellenweise zentimeterdick Eis liegt. Norbert Menz tastet sich auf zwei Skistöcken über die rutschigen Stellen, während über unseren Köpfen der Sessellift klappert. Er findet es gut, dass es dieses altmodische Transportmittel gebe, sagt mein Begleiter. „Da braucht man während der Fahrt nicht zu reden.“
Gerade macht Norbert Menz allerdings eine Ausnahme und erzählt ziemlich viel. Etwa von Überresten einer keltischen Siedlung, von prähistorischen Schalensteinen, die er hier in der Nähe unter dem Waldboden ausgegraben habe. Und vom Tatzelwurm. Diesen habe er zwar nie persönlich gesehen, dafür aber sein Freund Wendel Menghin gleich mehrmals, und für den bürge er hundertprozentig. Der Tatzelwurm ist ein Mischwesen, mit schlangenartigem Körper und einem katzenähnlichen Kopf und Pfoten mit scharfen Krallen. Norbert Menz überlegt, ob er es bedauern soll, dem Wurm nie begegnet zu sein, was ja einerseits eine unverdiente Auszeichnung darstellt, andererseits natürlich ein grauenhaftes Erlebnis ist. „Wenn du ihn triffst, faucht er wie ein Drachen und hypnotisiert dich mit seinem Blick“, erzählt mein Begleiter - nein, er möchte ihm doch lieber nicht über den Weg laufen.
Sein Freund Wendl habe Reißaus nehmen wollen, als ihm der Wurm aus einem Felsspalt plötzlich immer näher entgegenkroch, er konnte aber nicht, weil seine Beine wie festgefroren am Boden klebten. Dann zeigt mir Norbert Menz die schindelholzbedeckte, hinter mächtigen Fichten verborgene Jägerhütte, in der der ehemalige Waldarbeiter Wendel heute nur mehr in den Sommermonaten wohnt, so dass ich ihn nicht selbst zu seinen Erfahrungen befragen kann. Tatzelwurmexperten gibt es nicht mehr viele, es sind vor allem Menschen wie Norbert und Wendel, die sich ein offenes Herz bewahrt haben und wissen, dass die Welt voller Geheimisse steckt. Und die deshalb keine Sekunde an der Existenz des Tatzelwurmes zweifeln - als dessen letztes Rückzugsgebiet in Südtirol das abgelegene Vigiljoch gelten muss.
Paul Obertimpfler hingegen ist aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Er ist ausgebildeter Wanderführer und wird mich heute zu den höher gelegenen Skipisten und Wanderwegen begleiten. Er könne zwar ebenfalls einiges über die verborgenen Seiten des Vigiljochs erzählen. Doch als altgedientes Mitglied des Gemeinderates von Tscherms, einer der vier Anrainergemeinden, wisse er auch über andere Probleme hier am Berg gut Bescheid.
Zum Beispiel über den Wassermangel und die im Sand verlaufenen Gespräche über die Errichtung eines Speicherbeckens. Für die überschaubaren fünf Pistenkilometer, auf denen legendäre Gaudirennen ausgetragen werden, stünden zwei Schneekanonen zur Verfügung, zumindest theoretisch. Denn „sobald hier vom Wasser die Rede ist, herrscht Krieg“. Paul Obertimpfler hat Tourenskier mitgebracht, und so marschieren wir in weiten Schleifen zum Sankt-Vigilius-Kirchlein hinauf. „Bisher fiel hier noch immer genügend Schnee, die Frage ist jedes Jahr nur, wann das geschieht“, sagt Obertimpfler. Mit renommierten Skigebieten könne sich das Vigiljoch ohnehin nicht messen, seine Stärken lägen in der Ruhe, die Tourengeher, Schneeschuhwanderer und Rodler anlocke.
Mein Guide, der jede Woche mindestens eine Tour unternimmt, legt einen flotten Schritt vor, und wir kommen an einem einsturzgefährdeten ehemaligen Gasthaus vorbei, Obertimpfler kann sich noch an Abende erinnern, an denen hier feuchtfröhlich gefeiert wurde, daher der Spitzname „Kugelum-Hütte“. Die Feierlustigen wohnten in den Ferienhäusern nebenan: Holzgebäude mit Schnitzverzierungen an Balkonen und Dächern, über dem Eingang wachsen Hirschgeweihe. Heute sind jedoch alle Fensterläden verschlossen, die Besitzer kämen nicht mehr so oft wie in vergangenen Zeiten, als hier Großfamilien den ganzen Sommer unter einem Dach wohnten, erzählt Obertimpfler.
Das Kirchlein thront auf einer Aussichtskanzel, von der man einen grandiosen Blick bis tief hinunter ins Etschtal hat, über dem sich im Westen die schroffen Kalkwände des Penegalgipfels erheben. Wir passieren ein weiteres langsam verfallendes ehemaliges Gasthaus, dahinter steht ein Skilift still, und auch über den Steilhang, an dessen Fuß sich das Gasthaus duckt, kurvt heute kein Skifahrer. Früher fanden hier Landesschulmeisterschaften im Riesenslalom statt. Ich kann sagen, dabei gewesen zu sein, und mein Gewinn war der schulfreie Tag.
Mit Paul kehre ich noch beim Gasthof an der Schwarzen Lacke ein. In der holzvertäfelten Stube setzt sich der Wirt zu uns an den Tisch und erzählt, dass er in diesem Haus mit seinen Geschwistern aufgewachsen sei. „Im Winter rodelten wir morgens im Finsteren zum Sessellift und weiter bis zur Bergstation der Seilbahn hinunter, um dann um acht Uhr in der Schule zu sein.“ Unterdessen hat sich der Himmel über dem Ultental allmählich blau und schwarz gefärbt. „Es wird Schnee geben“, meint der Wirt, nachdem er seine Nase in den Wind gehalten hat. Wir laufen eilig um die moorige Schwarze Lacke herum, die so aussieht, wie sie heißt. Der Wirt räumt den Neuschnee sorgfältig beiseite, damit man auf Schlittschuhen über das von Luftblasen und Blättern gesprenkelte Eis gleiten kann, was besonders schön ist, wenn man ab und zu an einem Glas Glühwein nippt.
Mit der Wetterprognose sollte der Wirt recht behalten. Als ich mich bei der Seilbahnstation von Paul Obertimpfler verabschiede, klebt frischer Schnee auf unseren Wollmützen. Während des Abendessens schneit es weiter, hinter den erleuchteten Fenstern kann man die Flocken am Nachthimmel tanzen sehen. Anschließend gehe ich noch einmal hinaus, ich möchte nach unseren Trittspuren schauen. Sie sind leicht zu finden, wir waren die Letzten draußen, alle Tagesausflügler sind längst mit der Bahn hinuntergefahren. Die Hotelgäste tummeln sich an der Bar. Eine dünne Neuschneeschicht hat sich über unsere Fährte gelegt. Nicht weit vom Hotel wird sie von einer anderen Spur gekreuzt. Sie stammt nicht vom Tatzelwurm, eher von einem Reh.
 
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