Julisonne

Katharina Spenglert
10.02.2014
 
Julisonne
Stephanie tupfte vorsichtig Quark auf ihren Sonnenbrand. Die Haut schien erleichtert aufzuseufzen. Sie hatte gedacht, sie hätte sich ausreichend oft mit Sonnenschutz eingecremt. Doch die Julisonne war unerbittlich. So schön. Und so strafend, wenn man ihr die blassen Beine über mehrere Stunden darbot. Dabei hatte sie so einen wunderbaren Tag mit ihren Kollegen verbracht. Eine Schlauchboottour auf der Isar. „Das kommt deiner Sehnsucht nach dem Meer doch am nächsten, oder?“ Wer hatte das noch einmal gesagt? Tim vermutlich. Tim war ein sehr guter Zuhörer und ein noch besserer Beobachter. Obwohl sie erst seit recht kurzer Zeit in München arbeitete, hatte sie das Gefühl, dass er sie schon in- und auswendig kannte. Schade, dass er verheiratet war. Es wäre so schön, jemanden an ihrer Seite zu wissen, der sie so aufmerksam behandelte. Sie legte sich vorsichtig aufs Bett und versuchte, ihre spannende Haut zu ignorieren. Ihre Gedanken kreisten weiterhin um ihre Kollegen.
Da war Max, der immer laute und etwas brummige Typ, mit dem sie eigentlich nie wirklich warm wurde und Inka, die Hanseatin, die oft so fehl am Platz wirkte und doch ganz in Bayern zuhause war, oder das heimliche Liebespaar, das sich hinter den dunklen Sonnenbrillengläsern schwärmerische Blicke zuwarf und glaubte, niemand würde es bemerken. Und natürlich Tim mit den schönen Händen, der das Paddel so sportlich durchs Wasser zog. „Eigentlich passen wir überhaupt nicht zusammen“, dachte Stephanie wie so oft, doch es war und blieb, als hätten sie sich alle nur gesucht und nun endlich gefunden. Sie waren in etwa gleich alt, teilten dieselben Interessen, sahen sich täglich an der Arbeit…Mehr konnte man vom Leben nicht verlangen, als dass es einem Menschen an die Seite stellte, mit denen man ganze Julisonnentage in einem Schlauchboot verbringen konnte, ohne sich auch nur einmal zu langweilen. Stephanie nickte ihrem Gedanken zustimmend zu. Die brennende Sehnsucht, die sie sonst immer begleitet hatte, war etwas kleiner geworden. Dieses Suchen nach etwas, das sie selbst nicht genau fassen konnte. Ob es den anderen genauso ging? Sie überlegte eine Weile. Vermutlich nicht. Vermutlich reichte ihnen die Begegnung in der Gruppe nicht, sonst würden sie nicht dauernd auf ihre Smartphones starren, als gäbe es dort eine Antwort auf die Frage, die niemand kannte.
Stephanie seufzte. Sie besaß kein Smartphone und wollte sich eigentlich auch keines kaufen. Aber sie wusste, dass sie eines Tages diese Haltung würde ändern müssen, wenn sie mithalten wollte. Es würde schon in den nächsten Wochen schwer genug werden, mit den anderen in Kontakt zu bleiben. Wer nicht mittextete, der war außen vor. Keine Information, keine In-Group. Dabei war es doch so einfach, mit Menschen in Kontakt zu treten ohne technische Hilfsmittel zu greifen. Der heutige Tag hatte es bewiesen. Niemand wollte riskieren, dass sein Smartphone ins Wasser fiel, deshalb hatten sie sie im Auto gelassen. Der Tag war in Echtzeit vergangen. Ohne Zusatzinformation. „Das ist es doch, was wir im Grunde alle suchen“, dachte Stephanie, „Menschen, mit denen wir glücklich sein können.“ Es würde schwer werden, es in den nächsten Wochen zu bleiben. Sechs freie Wochen lagen nun vor ihr, in denen sie ihre Kollegen nicht sehen würde. Sechs Wochen ohne die lustige Truppe, die ihr so ans Herz gewachsen war. „Sie sind meine Insel im Großstadtfluss“, dachte sie. „Sie sind genau wie die Besetzung einer Seifenoper. Sie sind…“ Doch der Gedanke verlor sich und ihr sonnenverbrannter Körper schaukelte in Erinnerung an die Bewegungen der Isar sanft in einen leichten Schlaf hinein. Sie träumte von einem Labyrinth, das sie mit einem winzigen Schlauchboot durchqueren musste. Es war so klein, dass sie darauf nur stehen konnte. Das Paddeln wog schwer in ihrer Hand. „Wie schön wäre es, wenn jemand mit mir Paddeln würde“, dachte sie. „Überhaupt wäre es schön, wenn ich in diesem Labyrinth nicht allein wäre und mit jemandem darüber reden könnte, welche Abzweigung ich nehmen soll.“ Sie wandte sich nach rechts und dachte, dass es noch viel schöner wäre, wenn sie eine Karte hätte, die ihr verraten würde, wie sie aus dem Irrgarten herauskäme. „Oder noch viel besser: Ich wünschte, es gäbe überhaupt keine Labyrinth und ich müsste einfach nur auf einer langen Straße meinen Weg gehen. Es wäre warm, die Grillen zirpten, Bäume spendeten mir Schatten und ich müsste nie fürchten, irgendwann einmal falsch abgebogen zu sein.“ Sie schlenderte eine Weile lächelnd die Allee entlang. Ihr Handy vibrierte. „Tim ruft an.“ Mehr kann man vom Leben nicht verlangen. Freunde. Sommer. Und ein glücklicher Schlaf. Stephanies Lächeln vertiefte sich, sie drehte sich um und schlief weiter.

 
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