Küstenwanderung

Gabriele Korn
12.04.2015
 
Küstenwanderung
Fünfzig Meter Vorsprung hat er immer. Ich bleibe oft stehen, schaue aufs Wasser. Segelboote auf einem Meer, das aussieht wie ungebügelte blaue Seide. Mein Tempo ist deutlich langsamer als seines.

Bis hinüber nach Split kann man sehen. Zu Häusern in der Farbe von Vanilleeis, die sich stapeln vor grauen Steinriesen, weit weg.
Still ist es. Während ich meine Schritte setze, zieht die Landschaft langsam an mir vorüber. Ein Film in Blau- und Grüntönen, bei dem der Ton ganz leise gestellt ist. Nur ein leichtes Zirpen in den Bäumen.

Er spielt mit Siwa, seiner Hündin. Eine Mischung aus Husky und Teddybär. Er krault ihr Fell, wirft kleine Äste über den Strand, die sie mit fliegenden Ohren apportiert. Einmal fällt das Stöckchen ins Meer. Sie zögert lange, bevor sie hineinspringt und schwimmt. Es ist das erste Mal, dass sie Salzwasser erlebt.
Manchmal dreht er sich zu mir um, als ob er sich vergewissern will, dass ich ihm folge. Er ist blass unter seinem Siebentagebart, trotz der vielen Sonne.

Unser Weg führt an den Klippen entlang, über Kiesel und Felsen, wo nur kräftige Bäume überleben. Ein Stamm, in viele Äste verzweigt, klammert sich mit starken Fingern an einen Steinblock. Wir müssen ein Stück an den Baumwurzeln hochklettern, um weiter zu kommen.

Er ist Frühaufsteher. An drei aufeinanderfolgenden Tagen saß er morgens um acht in der kleinen Kneipe am Hafen vor einer Tasse Tee. Am Tisch neben mir. Am vierten Morgen sprach er mich an.
„Ein Stück spazieren, bis ins nächste Dorf“, schlug er vor. „Der Weg am Strand ist so schön.“

Am Anfang haben wir geplaudert. Seine Familie mag weder wandern noch zelten.
„Ich finde sie nett“, sage ich. „Auf der Fähre habe ich mich richtig gut mit deiner Frau und deiner Tochter unterhalten. Nur dein Sohn hat böse geguckt.“
„In meiner Jugend“, sagt er und streicht sich durch die grauen Locken, „da waren wir auch rebellisch. Aber wir haben demonstriert, wir haben uns politisch engagiert“.
Seine Stimme wird lauter. Er zuckt mit den Schultern.
„Wenn ich mir meine Kinder ansehe, frage ich mich, wofür eigentlich. Denen liegt doch nichts an sozialer Gerechtigkeit. Oder an sauberem Wasser. Die wollen nur shoppen und chillen … ach“, er lacht verlegen, „ich höre mich an wie achtzig. Bin lieber still“.

Er zeigt mir einen Pinienzapfen. Perfekte Symmetrie in braun, mit grünen Tupfen in der Mitte jeder Schuppe.

Ich kann kaum mit ihm Schritt halten, er hat lange Beine, und für einen Physiker mit einem Zehn-Stunden-Laborjob ist er ganz schön fit.
„Ja, lass uns still sein“, sage ich. Ich bin aller Diskussionen müde. Reden kann ich mit vielen. Schweigen nicht. Mit ihm schweigen ist angenehm.

Pinien beugen sich über die Felsplatten. Grüne Tänzerinnen mit gebauschten Gewändern auf grauem, schroffem Parkett.
Nur vereinzelt sehen wir Häuser in der Nähe des Strandes. Sie sind aus hellbraunen Steinen und haben blaue Fensterläden.
„Da würde ich gerne wohnen“, sagen wir beide gleichzeitig.

Siwa schwitzt, hechelt, klettert aber genauso mühelos wie ihr Herrchen. In einer kleinen Bucht warten die beiden auf mich. Das Meer hat hier die Farbe eines dunklen Smaragdes mit Einschlüssen.
Eine Schwimmerin ist draußen; man sieht immer wieder einen Kopf und Arme zwischen den Wellen auftauchen und verschwinden.
„Picknick?“ fragt er und stellt seinen Rucksack ab. Breitet eine Matte auf einer glatten Felsenfläche aus und lässt sich im Schneidersitz nieder. Meine Knochen ächzen, als ich es genauso mache.
Der Kaffee aus seiner Thermoskanne ist tiefschwarz und würzig. Er tropft Olivenöl auf ein Stück Brot, streut Salz darüber, reicht es mir. Ein wenig bitter ist das Öl. „Das kommt von den Kernen, die mit zermahlen werden, das machen die hier noch so“, sagt er.
Siwa hat sich auf dem Nachbarfelsen zusammengerollt und kaut Brotstücke.

Ich lege mich auf die Seite, schließe so weit die Augen, bis sich das Grün der Olivenbäume und der Palmen mit dem Türkisblau des Wassers zu einem abstrakten Gemälde vermischt.
„Mehr brauche ich nicht“, sagt er. „Sonne und Wind auf der Haut, Ruhe.“

„Die Felsplatten sehen aus wie Schichten von Borkenschokolade“, sage ich. Er lacht leise. „Aha, du möchtest noch was Süßes. Probier mal den Honig.“
Er schmeckt nach Salbei. Ich finde ihn so klebrig wie Verliebtsein. Das sage ich nicht.
Zum Nachtisch gibt es dunkelroten Wein, den er in einen Becher gießt und mit Wasser auffüllt. Er bleibt dunkelrot. „Die Trauben sind hier richtig satt vor Sonne“, lächelt er. „Ich auch.“

Die Schwimmerin kommt aus dem Wasser. Ihr Pagenkopf, in einem stufigen Schnitt exakt gestylt, trotzt dem Wasser und dem Seewind. Über ihrer roten Bikinihose mit türkisgrünen Blüten wölbt sich eine Speckwurst. Vorsichtig balanciert sie über die Strandkiesel. Sie verzieht das Gesicht und reibt sich die Füße. Ihre Badelatschen quietschen an uns vorbei, wir hören das Knattern eines Rollers, dann wieder nichts mehr außer den Zikaden, dem Rauschen der Wellen, vereinzelten Möwen.

„Schau mal“, ruft er, „Rosmarin! Direkt am Wasser wächst der!“ Er geht ein paar Schritte, beugt sich über winzige gelbe Blüten. Sterne, die sich aus Felsspalten recken.
Sein rotes Shirt hat nasse Flecken am Rücken und spannt sich über seinen Muskeln.
Wir schnuppern gemeinsam, atmen tief den würzigen Kräuterduft ein.

Seine Augen sind grau wie die Wolken über uns. Wolken, dick und plustrig, die sich als weiche Decke über das Hellblau des Himmels gelegt haben. Eine Decke, die sich langsam aufs Meer senkt.
„Ich glaube, es regnet bald“, sagt er und streichelt erst die Rosmarinblättchen und dann meine Finger.
„Wir müssen umkehren.“

Auf dem Rückweg hält er meine Hand fest. Dass sie verschwitzt ist und honigklebrig, scheint ihn nicht zu stören.

Als wir die ersten Häuser des Dorfes erreichen, bin ich außen nass vom Regen und innen warm vor Freude.
Er bringt mich bis zur Tür meiner Ferienwohnung und umarmt mich. Ich atme tief seinen Geruch nach Schweiß und Salzluft ein und schiebe ihn sanft weg.
„Grüß deine Frau und die Kids!“ sage ich. „Schönen Nachmittag!“

„Ich geh’ heute Abend noch mal mit Siwa. Wenn du Lust hast ...“ sagt er. „Ein Stück weiter vielleicht.“
„Ja“, flüstere ich und sperre meine Wohnung auf. Das Brummen des Kühlschranks kommt mir sehr zärtlich vor.

Vielleicht ein Stück weiter. Heute Abend.
Ich lasse meine Türe angelehnt.
 
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