Ketchup bitte!

Stephan Steins
13.11.2007
 
An jenem Abend hatten wir uns im Restaurant Paris Bar in der Kantstrasse, unweit des Kurfürstendamm, verabredet. Die Fensterfront war geöffnet und eine hereinziehende warme, spätabendliche Brise vermengte sich im Lokal mit den Düften französischer Speisen, cubanischer Zigarren und den Parfums eleganter Mädchen und Damen. Im Hintergrund des angeregten Stimmengewirrs erklang der ruhige Jazz von Miles Davis´ ”Ascenseur pour l’échafaud”. Die anarchische Provokation der auf den Wänden wild durcheinander gehängten und offenbar in erbittertem Widerstreit miteinander stehenden Kunstwerke, wurde nur noch durch die übermütigen Muster auf den Anzügen Markus Lüpertz´ und seiner Künstlerkollegen übertroffen. Es versprach einer dieser Abende zwischen Austern und Überkaros zu werden, wie man diese nur im Spätsommer und nur hier in Berlin so eindrucksvoll erleben kann.

Wir nahmen Platz auf der grossen, ganz im klassischen Bistro-Stil gehaltenen Sitzbank, direkt unter einem martialischen Kippenberger. Auf der sich vor uns darbietenden Bühne führte die in lange weisse Schürzen gehüllte Kellnerriege ihren allabendlichen Reigen auf. Über allem stehend dirigierte Michel, der Wirt aller Wirte und selbst ein unangefochtener Künstler, von seiner Tresenposition aus die Dramaturgie des Geschehens. Die Perfektion dieser Choreographie erinnerte in ihrer Schärfe und mystifizierenden Verfremdung an Alain Resnais´ meisterwerklichen Film ”Letztes Jahr in Marienbad”. Michels englisch-rote Hosenträger von Willkinson aus klassischem Filz undLeder - überflüssig zu erwähnen, dass diese geknöpft werden - markierten deutlich das Zentrum dieses Universums. Eine Stimmung scheinbar grenzenloser Leichtigkeit und Inspiration durchflutete den Raum und benebelte bereits leicht die Sinne, noch bevor der Rotwein geöffnet war.

Langsam entglitten wir der banalen Realität des Alltags jenseits dieses Refugiums, was durchaus auch unserer Absicht entsprach. Wir genossen unsere Rollen als Mitwirkende in einer Inszenierung, durch welche uns der Regisseur nach allen Regeln der Kunst entführte.

”Lass uns das Leben geniessen, solange wir es nicht begreifen”, schrieb einst Kurt Tucholsky. Noch vor dem Hauptgang sollten wir einmal mehr erfahren, dass das Leben selbst die skurrilsten Geschichten schreibt. Als ob eine höhere Macht uns an die Privilegien unseres vermeintlich mondänen Daseins erinnern wollte, sandte sie uns zwei Boten aus der realen Welt, welche unsere selbstverliebten Posen zu konterkarrieren wussten.

Ein junges Pärchen betrat die Bühne. Der grosse vollschlanke Mann und die kleine zierliche Frau erinnerten unweigerlich an das legendäre Komiker-Duo Pat und Patterchon, die Sympathie des übrigen Ensembles war den beiden sicher. Allein die Auswahl ihrer Garderobe, Jeans der eher billigen Art und bedruckte T-Shirts im Stil der späten 70er, skizzierten einen nicht ignorierbaren Kontrapunkt in der ansonsten so perfekt aufeinander abgestimmten Szenerie. Erlangt aber Perfektion nicht erst dann Vollendung, wenn diese gebrochen wird? Oder anders gefragt, Existiert Perfektion nicht erst im Dualismus mit ihrer Negation? Jedenfalls war es den beiden, wenn auch unfreiwillig, gelungen, allein durch ihren Auftritt zu philosophischen Betrachtungen anzuregen.

Wie sich herausstellte - die Tische standen eng beieinander - hatte das aus Queens, New York City stammende Paar bei einem Preisausschreiben eine Europa-Reise gewonnen. In Berlin wollte man nun original europäische, respektive französische Küche versuchen. Ob Paris, als dafür geeigneterer Ort, nicht auch auf der Reiseroute stand, ist nicht überliefert.

Der Klischees damit aber nicht genug, kam es, wie es kommen musste. Bis heute frage ich mich, ob das was folgen sollte, dem Scherz eines ausgekochten Harlequins geschuldet war oder die Realität tatsächlich Fiktion und Groteske eingeholt hatte. Die schönste Frau der Welt und ich hatten bereits unsere Bestellungen aufgegeben, erwartungsfroh sah ich einem Entrecôte béarnaise entgegen. Besagte Herrschaften am Nebentisch entschieden sich ebenfalls beide auf Empfehlung des Garçon hin für dieses Gericht. Fast zeitgleich wurde aufgetischt. Ich weiss, Sauce béarnaise ist eine Kalorienbombe, was aber ist das Leben ohne Laster? Ich leerte die Saucière über dem leicht blutigen Fleisch, so wie ich es bevorzuge.

Unsere Tischnachbarn unterdessen schnitten selbiges an, zuckten jedoch irritiert zurück. Medium erschien ihnen offenbar entschieden zu roh. Der ausgesprochen höfliche wie charmante Garçon bot an, das Entrecôte zur Nachbearbeitung in die Küche zurück zu tragen. In der Gewissheit, nun den Erwartungen seiner amerikanischen Gäste gerecht werden zu können, wagte er die erneute Vorlage des nun bereits deutlich durchgegarteren Stücks Rind.

Dieser Vorgang sollte sich jedoch noch zweimal wiederholen, bis sich unsere Protagonisten aus dem fernen Queens schliesslich mit der Qualität der Ware zufrieden zeigten. Zwischenzeitlich hatten sie sich an zwei Coca Cola gelabt.

Dem betont freundlich gebliebenen Mann in weiss war mittlerweile die Gesichtsfarbe etwas verblasst. Man behielt jedoch - ganz professionell - Haltung, was angesichts des jetzt zur Schuhsohle mutierten Entrecôte auch keinem der übrigen Anwesenden leicht fiel. An den umstehenden Tischen war der Vorgang nicht unbemerkt geblieben und trug dort zu gesteigerter Erheiterung bei.

Ebenso fand die an diesem Abend ausgesprochen gut gelungene Sauce béarnaise keine Gnade vor dem strengen Urteil unserer
Gourmets aus Übersee. So sollte die folgende Bestellung nach einer Flasche Ketchup nicht nur den Kellner, sondern darüber hinaus noch den Koch brechen, welcher ungläubig und desillusioniert in der Schwingtür zur Küche Position bezogen hatte. Nachdem in der Küche tatsächlich - gegen den lautstarken Widerstand des Maître - Ketchup aufgetrieben werden konnte, waren unsere Reisenden aus einer anderen Welt mit der europäischen Küche versöhnt. Zufrieden und bester Laune verliess man nach zügigem Verzehr das Restaurant Richtung Berliner Nachtleben.

Nun, auch unser Leben ging weiter. Wenn auch in der Gewissheit, das keine Inszenierung jemals der Realität gerecht werden kann.
 
 
 
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