Kleine Geschichte vom Glück

Sabine Latorre
10.04.2010
 
So fühlt es sich also an, wenn man glücklich ist. Monika atmete tief ein. Die Wanderung auf das 1800 Meter hoch gelegene Vigiljoch war weniger anstrengend gewesen, als sie es sich gedacht hatte. In ihrer Heimatstadt Mainz machte sie natürlich gelegentlich Spaziergänge, richtig gewandert aber war sie noch nie.

Jetzt stand sie alleine auf einer abgeschiedenen Wiese, blickte auf die schneebedeckten Dolomiten und genoss die Sonne auf ihrem Gesicht. Dann schweifte ihr Blick ins Tal. Alles dort unten schien so winzig klein. Die Häuser waren nicht mehr als bunte Punkte, und die Straßen glichen grauen Schnüren, die die Landschaft durchzogen. Monika wollte die ganze Welt in sich aufsaugen und sie festhalten, für immer festhalten.

Monika verspürte ein ihr neues, bisher unbekanntes und überwältigendes Gefühl von Größe und Freiheit. Nicht, dass sie sonst gefangen wäre. Im Alltag bediente sie die Abfüllanlage eines Reinigungsmittelherstellers und sorgte dafür, dass die Flaschen gleichmäßig befüllt und korrekt mit einem Etikett versehen wurden. Sie mochte sogar den Duft der Zitronen- und Lavendelreiniger und war meist zufrieden mit ihrer Arbeit und der immer wiederkehrenden Routine. Aber glücklich war sie nicht.

Nun, auf dieser abgeschiedenen Wiese, gestand sie sich plötzlich ein, dass es in ihrer Partnerschaft ähnlich war. Seit neun Jahren lebte sie mit Andreas zusammen, der als Verkäufer im Autohaus arbeitete. Andreas hatte rote Haare und ziemlich schlechte Haut, wahrhaftig kein Typ, um vor Freundinnen mit ihm anzugeben. Aber er war freundlich und zuverlässig. Sie passten recht gut zusammen, kochten gerne, sahen gemeinsam fern und stritten selten. Sie kamen prima miteinander aus. Aber glücklich waren sie nicht.

Monika stellte fest, dass sie sich im Grunde bis zu diesem großartigen Moment hier auf dem Berg noch nie die Frage gestellt hatte, ob sie glücklich war. Warum gerade jetzt? Und woher kamen die Tränen in ihren Augen?
Spontan beugte sie sich hinab, schnürte ihre Stiefel auf und streifte die Strümpfe ab. Kühl und feucht fühlte sich der Boden unter ihren nackten Füßen an. Der Kontakt mit dem Gras beruhigte sie. Sie bewegte die Zehen, begann, fast zögerlich, auf der Wiese umher zu laufen. Sie musste lachen. Einfach so.

Sie benahm sich wirklich eigenartig, doch es fühlte sich alles so leicht und schön an. Sie musste wieder an Andreas denken. An die Arbeit. Und wie weit weg das alles war. Ihre Hände glitten über die Polster an ihren Hüften und ihr Blick ging zum Boden. Die Füße, die sie sonst in Schuhen Größe 42 einfach nur peinlich fand, sahen im Gras stark und schön aus.

Monika atmete erneut tief ein. Normalerweise störte sie sich an ihren Unzulänglichkeiten, und wäre gerne perfekt. Aber sie war es nicht. Sie war – durchschnittlich. Wie alles in ihrem Leben von der kleinen Wohnung mit den IKEA-Möbeln über ihren Beruf bis hin zu Andreas. Ja, vielleicht waren sogar ihre Gefühle nur durchschnittlich, sah sie doch im Fernsehen ständig verzehrende Leidenschaft, große Liebe, tiefe Trauer oder abgrundtiefen Hass.

Hier aber, auf dem Vigiljoch, war sie mit einem Mal frei von dem Wunsch nach Perfektion und dem Gefühl, nichts Besonderes zu sein und zu leisten. Mehr noch, sie war frei von sich selbst. Weder Himmel noch Berg, weder Sonne noch Wiese stellten irgendwelche Forderungen. Die Natur gab mit vollen Händen, was sie zu bieten hatte, ungefragt und an jeden der bereit war, es anzunehmen.

Monika schloss die Augen und spürte diesem einzigartigen Moment nach, der sich schon wieder aufzulösen begann, noch bevor sie ihn voll ausgekostet hatte - dieser kleinen Spanne zwischen Werden und Vergehen in der sie erfahren hatte, was Glück ist. Im Weitergehen nahm sie sich vor, das Glück nun öfter in ihr Leben zu bitten.

 
 
 
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