Kompott oder Geschichte wird gemacht

Markus Köhle
16.02.2017
 
Kompott oder Geschichte wird gemacht
Oma hatte es mit Steinen: Edelsteine, Nierensteine, Gallensteine. Opa war Steinmetz.
Oma sagte immer: „Wer im Lagerhaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen, sonst folgt auf das Lagerhaus bald der Steinhof.“
Oma sagte auch gerne: „Lieber bei einigen einen Stein im Brett, als einen Stein im Bett.“
Opa war kein Stein im Bett. Wenn Opa der Stein in Omas Bett war, dann war er der Stein der Weisen. Opa veredelte Oma. Opa war Omas Heizdecke, Omas Schutzmantel, Omas allabendliche Gutenachtgeschichte.
„Lieber schlafen wie ein Stein, als schnarchen wie ein Schwein“, sagte Oma.
Ja, Oma war nie um einen flotten Spruch verlegen. Oma konnte sich das leisten.
Das mit Opa damals war Liebe auf den ersten Griff. Ein Bierkrug beim Waldfest im Dorf fiel runter. Oma bückte sich mit dem Rücken zu Opa. Opa drehte sich, bückte sich und war verzückt. Er griff gleich zu, mehrmals. Oma ließ es zu, damals und fortan. Opa schaute komisch. Oma sagte: „Jetzt ist schon dein Krug vom Tresen gefallen, jetzt braucht dir nicht auch noch dein Herz in die Hose rutschen.“
Opa antwortete: „Besser das Herz in der Hose, als ein Herz aus Stein. Ich bin der Konrad und wenn du willst, ab sofort ähm ... dein.“
Der Krug ging nicht zu Bruch. Oma und Opas Liebe ging auch nie zu Bruch. Der Krug war bloß
leer und konnte neu befüllt werden. Das taten sie an jenem Abend noch mehrmals und gemeinsam
beschrieben sie fortan auch ihre Lebensseiten neu. Sie schrieben schnell.
„Wer mit Steinfeder schreibt, schreibt flüssiger“, sagte Oma.
Bald war Mama da. Dann lang, lang, lang Vieles, von dem ich nicht viel weiß, aber gern mehr
wissen möchte, und dann waren schon ich und ein neues Haus da, aber der Papa weg. Oma sagte:
„Wenn kein Stein auf dem anderen bleibt, ist der Rohbau vergänglich.“
Mama arbeitete und weinte viel, Opa pfuschte, ich verbrachte viel Zeit mit Oma.
„Auf Fremdwährungskredit vertraut, ist auf Sand gebaut“, sagte Oma.
Dann traf Opa ein Schlag, nein, sein Herz war noch immer fest in der Hose, es traf den
Steinmetzmeister beim Spazieren in der Fußgängerzone tatsächlich ein Stein.
Ein Stolperstein, ein Fall, ein Kopfsteinpflasterschaden und aus. Von 100 auf 0 in einer Sekunde.
Voll fit mit 70 in den Tod. Niemand schuld, niemand zur Verantwortung zu ziehen.
Oma war traurig. Mama trauerte Opas unterstützender Rente nach und ich wusste nicht, wie ich
helfen sollte.

Danach sprach Oma nur noch in Steinen: „Wer in Stein einsitzt, hofft auf Vergänglichkeit. Was in
Stein gehauen, ist nicht flüchtig. Ein flüchtiger Steininsasse findet vielleicht Zuflucht beim
Weinhauer. Wer den Steinhauer kennt, wünscht, er möge nie vergehen. Das ist ein Topfen und kein
heißer Stein und steter Topfen höhlt das Hirn.“
Ich gab mir Mühe, Oma zu zeigen, dass ich versuchte, sie zu verstehen.
Ich lachte, Oma grinste, Mama weinte.
Oma konnte mit ihrem Hautsack zwischen Hals und Kinn wackeln. Oma kannte jede Wiesenblume
beim Namen. Oma hatte lange, graue, geflochtene Haare wie die Squaw von Häuptling Silberner
Rücken. Oma legte Nüsse ein, machte Apfelmus und Erdäpfelpüree.
Manchmal hatte Oma helle Momente. „Nachhaltigkeit ist die Nemesis der Vergänglichkeit“, sagte
Oma dann und ich nahm mir vor, das Wort „Nemesis“ in meinen Wortschatz aufzunehmen, weil es
interessant klang.
Oma machte meine Handarbeitshausaufgaben. Oma strickte die wärmsten aller Winterpatschen.
Oma konnte Flappgeräusche mit ihren dritten Zähnen machen. Oma bestellte am liebsten bei
Quelle. Oma war unschlagbar im Schnapsen. Oma spielte mit mir Unter-Ansetzen. Oma nannte den
Ober Damenhaxn.
Manchmal verblüffte mich Oma und sagte: „Viele Leben sind Ruinen, Ruinen wie die Stadt
Borsippa in Babylon. Turmbaureste aus Abermillionen Ziegelsteinen. Es ist unmöglich alle Steine
zu erfassen. Man muss Steine auswählen, die ihre Bedeutung verraten.“ Ich versuchte mir
„Borsippa“ und „Babylon“ zu merken und später nachzuschlagen.
Oma roch nach Kompott. Oma trug beim Kochen bunte Schürzen. Oma schaute mit mir Columbo.
Oma schlief meist dabei ein. Oma lag immer mehr im Bett. Oma sagte: „Früher hatte ich Konrad,
jetzt hab ich Polyneuropathie.“ Oma behielt ihren Humor und sagte: „Auf meinem Grabstein soll
stehen: Sei kein Stein!“
Oma sagte dann immer weniger, konnte aber nach wie vor mit ihrem Hautsack wackeln und ich
spürte, dass sie mir noch etwas zu sagen hatte: „Steine sind Stationen des Lebens, geformt durch
Geschichte. Steine sind Baumaterial, durch das Geschichte greifbar wird. Geschichten sind
unvergänglich, solange sie weitererzählt werden“, sagte Oma und bat mich, sie in bester
Erinnerung zu behalten und bei Gelegenheit von ihr zu erzählen.
 
Twitter Facebook Drucken