Kostbarkeiten

Verena Frasnelli
16.02.2017
 
Kostbarkeiten
Kleine rote Perlen sprudeln in die Stille des Morgens. Die Halskette ist gerissen. Ann Sophie kniet sich auf den Küchenboden und will sie auflesen. Prompt kommt ihr ein Satz aus dem Märchen in den Sinn, das sie ihren Kindern unzählige Male erzählt hatte: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Sie lächelt und überlegt, was denn in ihrem Leben aufbewahrt und was zu entsorgen gehörte …

Sie konnte nicht schlafen. Vater hörte ihr Rufen, stand auf, nahm sie auf den Arm und setzte sich mit ihr in den Garten, hinaus in die laue Sommernacht. Sie saßen da, nur sie, zwei Gäste unter diesem unendlichen Himmel. Ihr Blick folgte seinem Zeigefinger, während er ihr die Sterne zeigte: der große Wagen, der kleine Wagen …

Sie hatte sich versteckt, wollte nicht gefunden werden. Suchte eigentlich noch jemand nach ihr? Sie ging über die Wiese. Der Bauer hatte noch nicht gemäht und die Grashalme kitzelten ihre Beine und ihre Hände glitten beim Vorübergehen sanft über das Gras, so als wollte sie es streicheln. Oder sich streicheln lassen. Mutter hatte zu Unrecht geschimpft, ihr gar nicht zuhören wollen. Eine Ohrfeige hatte sie auch gekriegt, weil sie auf ihre kleine Schwester zu wenig aufgepasst hatte …

Oma saß auf der Bettkante und die Zehenspitzen der kleinen Frau berührten kaum den Fußboden. Sie saß da in ihrem Flanellnachthemd und, wie jeden Abend um diese Zeit, spielte sich dasselbe Ritual ab: sie löste geschickt ihren Haarknoten, legte die Nadeln auf das Nachtkästchen und flocht mit ihren schmalen Fingern auf ihrer Schulter einen Zopf, um ihn dann mit einem eleganten Kopfschwung nach hinten zu werfen. Auf dem Nachtkästchen stand auch ein Becher mit Wasser, in dem Omas Zähne schwammen. Oma so ohne Zähne, das beeindruckte die Kleine jeden Abend aufs Neue. Und jeden Abend aufs Neue stellte sie der Oma eine Frage, in der Hoffnung, sie möge ihr doch endlich eine Antwort geben und den zahnlosen Mund entblößen. Doch Oma durchschaute ihre List und nickte nur mit dem Kopf …

Sie spielte mit den anderen Kindern auf der Terrasse, aus der Küche drang Musik. Sie rannte schnell ins Haus. Bevor es in die Hose ging. Lange hatte sie gewartet, hatte einfach keine Zeit dafür gehabt. Doch plötzlich hielt sie inne, dieses Schauspiel konnte sie sich einfach nicht entgehen lassen: Oma rollte in ihren Händen Knödel, während sie im Walzerschritt durch die Küche tanzte …

Sie kniete gelangweilt auf der Bank unter dem Fenster, das auf den Hof zeigte. Sehnsüchtig waren ihre Blicke. Die anderen Kinder rannten und hüpften herum, ihr Lachen konnte sie zwar nicht hören, aber an ihren Gesichtern ablesen. Die Bläschen auf ihrer Haut waren fast schon weg, aber sie könnte die anderen Kinder noch anstecken, hatte Mutter gemeint. Ihre Augen wanderten weiter auf die Wiese der Nachbarin. An der Wäscheleine hingen weiße Bettlaken, die im Wind wie wild tanzten. Sicher dufteten sie nach Sommer. Die Sonne schien darauf und das einzigartige Schattenspiel am Boden entzückte sie so sehr, dass sie die Welt rundherum für eine kleine Ewigkeit vergaß …

Oma hatte sie in ihr Zimmer geschickt. Ann Sophie sollte dort das Nähkästchen holen. Eigentlich hatte sie Oma sagen wollen, dass sie das nicht so gerne tun wollte, denn in dem Zimmer hing das Foto dieser Frau. „Meine Mutter“, hatte Oma einmal gesagt. Doch das änderte nichts an der Tatsache, dass ihr diese Frau da Angst machte. Die schwarzen Haare streng nach hinten gekämmt, die dunklen Augen, der ernste, eindringliche Blick, der steife Kragen der weißen Bluse. Von Mutter hatte sie einst ihren Namen aufgeschnappt: Anna – „A Nandl!“ Und dieser Tonfall konnte nichts Gutes bedeuten. Eine schöne Frau war sie gewesen, Omas Mutter, doch was ihr fehlte, waren diese Falten, die ihre Züge etwas weicher gemacht hätten. Hatte diese Frau in ihrem Leben jemals gelacht? Und der alte protzige Rahmen machte das nur noch schlimmer …

Sie hatten fast denselben Schulweg, die anderen Mädchen und sie. Sie hielten sich an den Händen und lachten und erzählten einander von der Lieblingsserie, die keine verpassen durfte. Jede wollte mitreden, dazugehören. Beste Freundinnen eben. Doch nach der Schule war auf einmal alles anders. Was war passiert? Hatte sie etwas falsch gemacht? Etwas Falsches gesagt? Ja, aber was? Oder war sie ihnen nicht mehr gut genug? Diese Fragen quälten sie, obwohl sie sich keiner Schuld bewusst war. Die anderen Mädchen mieden ihre Blicke, drehten verächtlich den Kopf zur Seite. Sie tuschelten und lachten dann und überquerten beleidigt die Straße. Warum war der Nachhauseweg bloß so lang? Erst Jahre später sollte sie erfahren, dass es auch anderen so ergangen war und dass es dafür ein Wort gab. Aber damals fühlte sie sich allein, ausgeliefert, hilflos. Warum hätte sie es jemandem erzählen sollen? Schien es doch ein Zeichen von Schwäche zu sein! Und wem auch? Vor der Haustür wischte sie ihre Tränen mit den Händen weg. Schnell steckte sie Hände und Tränen in die Hosentaschen. Niemand sollte etwas merken…

„…und wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein wirst Sterne haben, die lachen können!“… Sie legte den Kleinen Prinzen auf den Boden neben das Bett, stand auf und näherte sich der Wiege. Ihr kleiner Prinz war gerade aufgewacht und strampelte, als er ihr Gesicht erblickte. Sein Lächeln erstrahlte, während ihr Mund einen Kuss formte. Sie hob es hoch, ihr Kind, setzte sich in den Sessel und gab ihm die Brust …

Ann Sophie steht auf, in ihrer Hand all die kleinen roten Perlen, die Bilder, die Geschichten. Wie kleine Kostbarkeiten, die zu ihrem Leben gehören, ihr Leben ausmachen, ihm Farbe geben. „La vita é bella!- Das Leben ist schön!“ Von einfach war nie die Rede. Sie lächelt. Ja, sie wird sie wieder auffädeln, alle, so wie sie kommen.


 
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