"L"

Ines Visintainer
20.09.2010
 
Die gezackten Umrisse einer gewaltigen Berglandschaft hatten sich am Horizont herausgeformt, waren näher und immer näher an das Zugfenster gerückt und hatten ihn das letzte Stück seiner Fahrt begleitet. Er hatte sein Buch weggelegt, das ihn ohnehin nicht zu fesseln vermochte, und konnte seinen Blick von den wilden Felsgebilden gar nicht mehr abwenden. Schlagartig fielen Träume und Erinnerungen über ihn her. Er gab sich ihnen widerstandslos hin, ließ sich fallen, entglitt auf ihren Schwingen. Lautlos. Schwerelos.

Die metallene Stimme des Lautsprechers schepperte an seinem Ohr. Endstation. Er war wohl eingenickt. Die blassrosa Blütenpunkte der schier endlosen Apfelbaumreihen zogen nun schon etwas langsamer an ihm vorüber. Erste Häuser flogen vorbei. Ein schrilles Pfeifen, ein langgezogenes Quietschen, und der Zug kam zum Stillstand.

Überschwänglich empfingen ihn 28 Grad mit einer feuchten Umarmung. Der angenehme Duft von nassem Asphalt, auf den vor kurzem noch schwere Frühlingstropfen geprasselt waren, erfüllte die Luft. Es schien, als beeilte sich die Sonne, den frühen Regenguss wieder vergessen zu machen. Am Horizont lugten die grünen Hügel verstohlen aus einem letzten Wolkengeschwader heraus. Sie erwarteten ihn bereits.

Zielstrebig, mit breitem Schritt, bewegte er sich nach draußen. Er wusste, in welchen Bus er steigen musste. 12 Minuten warten. Er nutzte die Gelegenheit um seine Gedanken schweifen zu lassen: Schon flogen sie hinweg über Köpfe, Hüte und Glatzen. Schon kämpften sie sich durch Beingewirr und streiften dabei Schirme, die nunmehr nutzlos an Unterarmen baumelten, brannten sich beinah an glühenden Zigaretten in zitternden Händen, die Gedanken an L. Steiner.

Frau Steiner vom Empfang, die ihn jeden Morgen mit demselben offenen Lächeln begrüßte und ihm gleich die Wetterprognose für den frisch geborenen Tag verkündete. Frau Steiner, die das Telefon abnahm und in immer genau demselben Tonfall dem Anrufer entgegenzwitscherte: „vigilius mountain resort. Steiner?“ Sie, die nicht lachte, sondern gluckste wie ein kleines Mädchen. Sie, die verzweifelt versuchte ihre Sommersprossen mit Make-up zu übertünchen, was ihr nie gelingen wollte. Sie, die beim geräuschvollen Umblättern der Tageszeitung immer ihren Zeigefinger befeuchtete und ihren Cappuccino nur trank, wenn er auch wirklich heiß genug war.

„L. Steiner“ stand da in silbernen Lettern oberhalb der linken Brust auf dem schick gestreiften Blazer. Er hatte sie noch nie um ihren Vornamen gefragt. Er hatte es sich vorgenommen. Jedes Jahr aufs Neue. Er hatte sich ein Herz gefasst. Immer und immer wieder. Doch sowie er all seinen Mut zusammengenommen hatte, hatte dieser ihn auch schon wieder verlassen.

Er zuckte mit den Schultern. Und wenn schon. Frau Steiner war schließlich nicht der Grund für sein alljährliches Wiederkommen!

Der Bus hielt inmitten der großen Pfütze nahe dem Bordsteinrand. Sowie sich die Türen öffneten, drängte auch gleich die enorme Menschentraube hinein, die sich in den vergangenen 12 Minuten um ihn herum versammelt hatte. Eine gehetzte Mutter zog ihr 3-jähriges hinter sich her und in den Bus hinein, als wäre es ein Trolley.

Nun stand er dicht gedrängt an ein älteres Ehepaar. Die Dame mit dem Silberhaar roch nach billigsüßem Parfum, das viel zu großzügig auf den greisen Körper verteilt worden war und sich ihm nun aufdringlich in die Nase bohrte. Zum Schneiden dicke Luft. Der trotz Gedränge und Geschimpfe bestens gelaunte Busfahrer grinste breit, drehte an den Knöpfen des alten Radios und ließ „San Francisco“ aus den Lautsprechern krachen. Urlaubsstimmung.

Ihm war das alles gleichgültig. Er freute sich auf Wiesen voller knallbunter Krokusköpfchen. Er freute sich auf Wege, die erdig, steinig, felsig, breit, steil, sanft, schmal darauf warteten, von ihm begangen zu werden; die ihn voran und zugleich zurück bringen sollten, zur Einfachheit des Seins. Er freute sich auf morsche und von der Last des letzten Schnees gebeugte Holzzäune. Auf Wolkenbilder. Auf freie, ungebremste Fernsicht. Das alles, und nicht Frau Steiner, war der Grund für sein alljährliches Wiederkommen.

Er hatte die Berge schon immer geliebt. Während andere nach Spanien oder Griechenland in den Urlaub flogen, plante er seine nächste Alpenüberquerung. Er war auf Fernwanderwegen bereits quer durch Europa gewandert. Alleine.

Während er gemächlich zur Talstation der Seilbahn hinüberschlenderte, versprach er sich, sie heute endlich nach ihrem Namen zu fragen. Und sie auf einen ganz besonders heißen Cappuccino einzuladen. Ja, ganz sicher würde er das heute tun. Denn die Sonne schien voller Tatendrang, die Vögel schienen aus vollsten Kehlen um die Wette zu zwitschern und kein Tag könnte besser sein, als Frau Steiner nach der Bedeutung des L.s zu fragen.

Die Seilbahn schwebte schwerelos empor. Nur kurz blickte er zurück auf die schachbrettartig gemusterte Weinlandschaft, richtete seinen Blick aber gleich wieder nach vorne, mit freudig pochendem Herzen dem Himmel entgegen. Getragen vom leichten Wind, winkten ihm die ersten frühlingszarten Lärchen bereits entgegen. So glitt er durch letzte feine Nebelschwaden; das einzige, was noch an die morgendlichen Regenschauer erinnerte.

Kies knirschte unter seinen Schritten. Es roch nach feuchter Erde, nach Moos, nach jungem Gras. Er pflückte eine der gelben Blumen vom Wegesrand und dachte dabei an L. Auch wenn sie nicht der Grund war für sein alljährliches Wiederkommen.
Der Holzboden knarrte leise. Zwei Hotelgäste unterbrachen ihre eifrige Diskussion, um den hageren Mann mit dem winzigen Köfferchen in der Hand zu mustern.

Plötzlich ging alles ganz schnell. Die Holztür öffnete sich mit Schwung. Und dort stand L. Sie erblickte ihn und ging ihm entgegen, mit schnellem Schritt und wippendem Haar. Sie begrüßte ihn mit der ihr so eigenen Herzlichkeit. Während sie von Zimmerschlüsseln, Kofferträgern und Pilatesprogrammen redete, schien sich ihre Stimme immer weiter zu entfernen. Unter ihm tat sich der Boden auf, und er fiel. In einer Höllengeschwindigkeit. Er versuchte sich festzuhalten, sich festzukrallen, rang nach Luft. Seine Knie gaben nach.

Sie fasste ihn am Arm. „Alles in Ordnung?“ lächelte sie ihn an, so sanftmütig, wie, so wusste er, kein anderer Mensch jemals lächeln könnte. Er starrte auf ihr Namensschild: L. Petersen. Und ein zarter, goldener Ring an der Hand, die da auf seiner Schulter lag, funkelte ihn hämisch an.

„Müde ...“, stammelte er, „ich werde auf mein Zimmer gehen, Frau Petersen.“ Und er bewegte sich leicht schwankend Richtung Treppenaufgang. „Ach, nennen Sie mich doch Leonie!“ rief sie ihm nach.

Leonie. Schöner Name. Die gelbe Blume hielt er noch fest in seiner Hand.
 
 
 
Twitter Facebook Drucken