La mer

Lisa Echcharif
27.02.2019
 
La mer
Ich hänge zwischen zwei Frauen.
Wer sind sie? Wie komme ich hierher?
Ich hänge zwischen ihnen. Sie haben mich untergefasst, halten mich fest. Meine Füße heben und senken sich, als zöge jemand daran, wie bei einer Marionette. Und dennoch kostet mich jeder Schritt Kraft für Stunden. Der Boden ist hart und uneben. Wenn sie mich loslassen, werde ich fallen. Das ist sicher. Als einziges sicher. Das Rauschen in meinem Kopf wird lauter. Das Rauschen und die Stimmen. Sie raunen und schwatzen, sie höhnen und kichern und schreien schrill. Ich fühle einen Laut meine Kehle entlang schrammen.
„Gleich sind wir da. Allez! Nur noch ein paar Schritte, dann hast du es geschafft.“
Wem gehört diese Stimme?

Über mir schweben bunte Bahnen, violett, rosé, weiß. Sie flattern, flattern wie festgebundene Schmetterlinge im Wind. Dieser Wind streicht über mein Gesicht und meine nackten Arme. Das kitzelt angenehm. Die Härchen stellen sich auf, auf der heißen Sommerhaut. Ich möchte mein T-Shirt ausziehen, um die Sonne und den Wind noch mehr zu fühlen. Wie damals, als wir schon morgens barfuß und in kurzen Hosen hinausgerannt sind. Anfangs kam uns Maman noch mit einer Tube Sonnencreme hinterher. Doch das hat sie bald schon aufgegeben. Das Schälen der Haut gehörte zum Sommer wie die Mückenstiche und das tägliche Eis, das wir uns aus Apfelsaft selbst fabrizierten. Lionel und ich. Mein Bruder Lionel und ich, nicht endende Sommertage voll vertrödelter Zeit bei Grand-mère in Saint-Jeannet. Wo ist Lionel? Eine ebenso endlose Zeit habe ich ihn nicht gesehen, scheint mir. Und auf einmal trifft mich die Erkenntnis wie eine Ohrfeige. Lionel ist tot. Seit einer endlosen Zeit. Ich höre die quietschenden Reifen des Lieferwagens. Etwas Nasses rollt meine Wange hinab.

Ich liege nicht auf meinem Bett, nicht in meinem Zimmer. Die Unterlage fühlt sich fremd an. Ich öffne die Augen. Bunte Bahnen schweben über meinem Kopf, violett, rosé und weiß. Daneben das blasse Sommerblau des Himmels. Ich bin draußen, im Freien. Ja, das fühle ich genau. Die sonnenwarme Brise auf meiner Haut. Lachen und Kindergeschrei dringt an mein Ohr. Vertraute Geräusche, das weiß ich. Woran erinnern sie mich? Ich komme nicht darauf, rutsche hin und her, schaue in die bunten Bahnen, lausche den Geräuschen. Da schält sich ein anderes, gleichmäßiges Geräusch aus dem Gewirr, rrschsch, rrschsch, rrschsch. Und jetzt kann ich es auch riechen. Ich bin am Meer, meinem geliebten Meer.
Rrschsch, rrschsch. „Komm, mein kleiner Fisch! Komm aus dem Wasser, deine Lippen sind schon ganz blau!“, ruft Grand-mère.
„Nur noch ein kleines bisschen!“
Schon tauche ich in die nächste Welle, fühle mich tatsächlich wie ein Fisch.

Immer noch liege ich am Strand, fühle die Sommerluft und lausche dem Heranrollen der Wellen. Wenn sich das Wasser zurückzieht, knirschen die rollenden Steine wie meine Knochen. Ich wische den Gedanken beiseite. Jetzt will ich mein Meer sehen. Quälend langsam dreht sich mein Kopf und dann sehe ich nur Steine und nackte Beine. Wo ist mein Meer?
Ich muss einen unwilligen Laut von mir gegeben haben, denn eine weibliche Stimme reagiert: „Warte, ich drehe die Liege ein wenig.“
Und dann sehe ich das Meer. Fast unwirkliches, tiefes Türkis, kleine Wellen tanzen übermütig und rollen als weiße Gischt ans Ufer, um von dort ihren Tanz von vorne zu beginnen. Wie vertraut mir dieser Anblick ist.
„Schön, nicht wahr, Papa“, sagt eine andere Stimme.
Papa? Ein Name schlüpft in meine Gedanken. Marie!
Ich habe eine Tochter. Marie, meine Tochter. Dann gehörte die andere Stimme Hélène, meiner Frau. Meine beiden Mädchen, Marie und Hélène. Ich fühle, wie sich meine Mundwinkel nach oben ziehen.
„Sollen wir es versuchen“, fragt Marie. „Er wirkt gerade so fit.“
„Ich weiß nicht ...“, Hélène zweifelt.
„Papa, möchtest du ins Wasser?“
Ja, ja, will ich rufen. Es kommt nur ein schiefer Laut aus meinem Mund.
Doch meine Mädchen haben verstanden. Hélène klopft aufmunternd an meine Beine.
„Allez! Hoch mit dir, Marcel! Gehn wir baden.“
Es kommt mir vor, als würden wir den gesamten Sentier Littoral wandern und ich fürchte, ich schaffe es nicht. Aber dann fühle ich plötzlich, wie das Wasser meine Beine umspült. Kühles, frisches Wasser, Gischt, die an meiner Haut leckt. Der Sog der Welle, die zurück ins Meer will und gleich darauf die nächste, die heranrollt und den Saum meiner Shorts erfasst. Wie gut das tut. Ich lache auf. Eine Hand drückt meinen Arm.
Die nächste Welle bricht an meinen Beinen und noch eine, der nie endende Rhythmus des Meeres. Meine Beine lassen nach, ich will es nicht wahrhaben.
„Komm, Marcel, lass uns zurückgehen.“
Noch nicht! Nur noch ein kleines bisschen, will ich rufen.
„Ich weiß“, sagt Hélène, „du großer Fisch.“

Ich finde mich unter den bunten Bahnen wieder und kann immer noch das Meer sehen. Seine Farbe ist dunkler geworden, mildes Petrol. Hände berühren meine Füße. Weiche, sanfte Hände. Maries Hände. Sie cremt meine Füße ein. Fließende, kreisende Bewegungen. Die Salbe kühlt wunderbar. Ich kann meine Zehen bewegen.
Marie lacht auf. „Très bien, Papa.“
Dann sitzt sie neben mir, meine schöne Tochter, in Bikini und Jeansshorts. Die Haare hat sie zu einem lockeren Zopf geflochten und ihre Sonnenbrille verbirgt tiefbraune Augen. Ich weiß, dass sie lächeln, diese Augen. Sie lächeln immer mit ihrem Mund um die Wette. Mit ausgestreckten Beinen sitzt sie da und knüpft an einem Armband. Mit den gleichen fließenden Bewegungen, die meine Füße eingecremt haben.
Sie sollte nicht hier sitzen. Marie sollte lachen, tanzen, Wasserski fahren, sich verabreden. Nicht hier neben ihrem kranken Vater sitzen.
Marie sieht mich an und lächelt ihr sonniges Lächeln.
„Heute ist ein wunderschöner Tag, Papa!“
 
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