Lebkuchenherz

Jessica Maria Hirmer
20.02.2018
 
Lebkuchenherz
Familie Engel machte sich dieses Jahr einen Traum wahr. Die Reise war weit, doch nun waren sie da und genossen ihren Urlaub inmitten der Natur. Wie eine Kur für die Seele, als fehle die Uhr.
Die Eltern waren müde vom Ausflug zum See. Sie tranken Tee auf zwei Liegestühlen. Sie winkten den Kindern, die gingen spielen.
„Lass uns Hänsel und Gretel spielen“, rief die Schwester dem Bruder zu. „Du bist Hänsel, ich bin Gretel und die böse Hexe – die suchen wir noch.“ „Och nein, Hänsel – allein der Name ist dämlich.“ „Ähnlich ist Hannes, ich mach dir Hannes daraus. Nenn du mich Greta, das ist mir lieber. Hast du schon Lampenfieber? Da ist er der finstere Wald! Bald haben wir ein Abenteuer!“ Das war Hannes nicht geheuer: „Was legen wir aus für den Weg zurück? Ich hätte noch Kuchen, aber Krümel davon wohl besser nicht. Und Steine müssten wir erst suchen.“ „Ach, wir gehen doch nicht ins Dickicht. Lass es uns anders versuchen. Hast du nicht dein Messer dabei?“ „Klar, mein Taschenmesser ist da.“ „Dann schnitzen wir Zeichen in die Baumrinde und ich finde den Weg mit Sicherheit.“ Das gab einen kleinen Streit, doch an dessen Schluss war Hannes bereit.
Und so schnitzten die Kinder, man glaubt es kaum, ein Zeichen in fast jeden Baum, der am Wegrand stand.
Sie kamen an ein Bauwerk auf einem Berg, eine Ruine mehr. Sie standen davor und überlegten sehr, ob dies das Häuschen seien könnte. Kein Lebkuchen dran? Sie sprangen über die Mauer und betrachteten die Wand genauer. Sie schauten durchs Fenster. Ein finsterer Blick. Sie schraken zurück. „Da ist sie, die Hexe!“, rief Greta entzückt. Sie trauten sich, erneut zu gucken und sahen das Zurückzucken der Hexe und ihre Kekse auf dem Tisch. Argwöhnisch fragte Greta: „Ist das dein Knusperhäuschen?“ Die Hexe, entgegen ihrer Reflexe, lud sie in das Häuschen ein, wenn sie denn davon so begeistert seien.
So hatte sie die Kinder im Haus. Sie fanden das Lebkuchenherz an der Wand, auf dem „Mein Schatz“ geschrieben stand. „Das esst ihr jetzt besser nicht“, hörte sie sich sagen. Und natürlich kamen direkt die Fragen. „Ist der Rest schon weggeknuspert?“ „Welcher Rest? Der Rest vom Schützenfest ist im Süßigkeitenwagen“, sagte die Hexe mit Unbehagen. „Hier waren doch sicher mal mehr.“ „Mehr was?“, und sie dachte an den ganzen Spaß, den sie noch hatte, als der Schenker da war. Klar hatte sie noch viel mehr bekommen als dieses Lebkuchenherz. Das war eigentlich nur ein Scherz gewesen. Sie hatte Schmuck und Blumen gekriegt, als Ausdruck seiner Liebe. Doch waren dies nur Gesten gewesen, wirklich wichtig war ihr sein Blick. Er hatte sie angeschaut, vertraut und liebevoll. Sie war sich so wertvoll vorgekommen, in seinen Armen so vollkommen. Aber er war gegangen und nun blieb sie gefangen in Erinnerungen. Verkümmerung.
Sie weinte leise. Die Tränen rollten. Die Kinder überlegten, was sie machen sollten. Vielleicht hatte man ihr die restlichen Lebkuchen geklaut, sie ausgeraubt. Hannes nahm seinen eigenen Kuchen heraus. Gut, dass er ihn nicht zerkrümelt hatte auf dem Weg zum Haus. Er gab ihn der Hexe, doch sie nahm ihn nicht. Voll Tränen war ihr ganzes Gesicht.
„Was ist denn los?“, fragte Greta verwirrt. „Sie sind sauer, weil wir über die Mauer geklettert sind? Oder wollen Sie nicht die böse Hexe sein?“ „Welche böse Hexe? Du bist doch kein Kind mehr“, schniefte die Hexe schwer. „Faktisch schon, denn 14 Jahre alt bin ich noch nicht. Also vor Gericht kannst du mich nicht verklagen...“, traute sich Greta zu sagen.
Bei der Hexe lag so vieles im Argen. Doch nun richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Greta-Kind. War es wirklich so weit, dass eine Pubertierende sie als Hexe sah? Und das nicht mal mit einer Gefahr verband? Es schien doch, als hätte das Kind Verstand. „Ich möchte lieber Prinzessin sein“, sagte die Hexe zu Gretalein. „Du bist nicht schön.“ Es klang nicht mal scherzig und die Antwort der Hexe fast unbarmherzig: „Teure Kleidung und ein junges Gesicht, mehr ist Schönheit für dich wohl nicht? Willst du mich nun im Ofen braten, damit deine Schönheitsideale nicht ins Wanken geraten?"
„Dann sei halt Prinzessin“, fing Greta an. „Lass mich die weise Hexe sein“, sie nahm das Lebkuchen Herz von der Wand. Noch nie war ihr aufgefallen, wie sehr es schon stank. Sie gab es Greta: „Bitte entsorge es für mich.“ Hannes stand noch da mit seinem Kuchen. Die Hexe nahm ihn: „Mehr Gewicht schadet meiner Schönheit sicher nicht." Sie geleitete die Kinder zur Tür: „Findet ihr den Weg zurück?" „Wir haben Zeichen in die Bäume geritzt.“ „Dann wissen wir ja schon, wer für die Bäume böse ist.“ Kleinlaut meinte Greta: „Das mit dem Lebkuchenherz kann ich gut machen.“ Sie ließen die Hexe zurück mit ihren Schränken voll teurer Anziehsachen und fanden auf Anhieb den Weg zurück. Das hatte nichts zu tun mit Glück. Greta strich ein paarmal über die Rinden - als Dank, dass sie den Weg so leicht fanden.
Sie trafen die Eltern auf den Liegestühlen, als stände die Zeit still, als wär nichts gewesen. „Da seid ihr ja wieder!“, rief ihre Mutter fröhlich. Sie betrachtete Gretas Hand. „Was hast du denn da?“ Greta schaute hinab. Eine Tüte voll Krümel sah sie da, wo vor kurzem noch ein Lebkuchenherz war. Sie hatte es behalten wollen als Erinnerungsstück. „Ich schmeiße es weg“, sagte sie knapp und ging hinab. Sie suchte den Felsvorsprung, der hier war. Sie stellte sich darauf und wartete auf Wind. Als der Wind kam, zerriss sie die Tüte und schüttete sie aus. Die Krümel flogen im Wind davon. Sie schaute ihnen nach. Die leere Tüte faltete sie und stopfte sie in die Hosentasche. Vielleicht würde sie die Tüte behalten.
 
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