Liegt der Fehler im Verstand?

Sonia Sulzer
19.01.2014
 
Liegt der Fehler im Verstand?
Nein, ich koche keine Suppe, keine Suppe heute Abend, obwohl ich vielleicht öfter eine kochen sollte. Ich ging noch einmal die Sätze durch, versuchte mir vorzustellen, wie sich unser Gespräch entwickeln würde, damit er mich nicht kalt erwischte, ja, erwischte, aber wobei? Was hatte ich denn Angst zu sagen oder nicht zu sagen, ihm nicht mitteilen zu können oder vor ihm zu verbergen?
Wir hatten uns zu einem Telefongespräch verabredet. Vom Mailverkehr waren wir zum Telefonieren übergegangen. Fast acht Jahre hatten wir für diesen Schritt gebraucht, der die Distanz zwischen uns verringern zu können schien. Acht Jahre. Acht Jahre der Gedanken, Sehnsüchte, Träume, die zumeist unausgesprochen blieben. Auch mir selbst gegenüber. Er war auf irgendeine Weise immer präsent - in meinen Gedanken, in einem Winkel meines Verstandes, meines Herzens, meines Bauchs. Ich hatte das Gefühl, seine Präsenz verlagere sich immer wieder an eine andere Stelle meines Körpers oder meines Geistes und manchmal verstecke sie sich und mache mir vor, sie sei nicht mehr da. Doch dieser Gedanke allein reichte schon aus, sie wieder in Erscheinung treten zu lassen.

Sie sagte mir, als sie ihn das erste Mal gesehen habe, habe sie ihn auf Anhieb erkannt und gedacht: ja, das ist er. Ich hatte ihn ihr vorgestellt, ich, die Kollegin und Freundin, mit der sie sich die Praxis teilte, und gesagt, er sei mein bevorzugter Neuropsychiater. Von dem Augenblick an hatte sie alles Erdenkliche unternommen, um ihn so oft wie möglich zu sehen. Sie schauten sich an, er in einer Ecke auf dieser Art Thron sitzend, und sie, seitlich auf einer Bank, wartete, bis sie dran war. Ich, die ich gerade erst selbst dran gewesen war, beobachtete sie verstohlen, bevor ich wieder in meiner Praxis verschwand, um das Profil des nächsten Patienten oder - wie man jetzt sagt - Klienten zu studieren. Sie sahen sich so lange und so eindringlich an, dass sie am Ende, wie sie mir erzählte, nicht mehr auseinanderhalten konnte, wo sie anfing und wo er aufhörte. Es wurde langsam zu einer Manie, zu einer kleinen, heiklen und verhaltenen Obsession, die aber stets vorhanden war.

Wie schön es war, seine Stimme zu hören! Wenn er mit mir sprach, war ich nie in der Lage, seiner Rede zu folgen und meiner eigenen schon gar nicht. Ich wunderte mich, dass es mir trotzdem gelang, ihm zu antworten, etwas zu entgegnen, manchmal sogar einen geistreichen und treffenden Einwurf zu machen. Es wunderte mich, weil ich in Wirklichkeit woanders war, die Schwingungen seiner Stimme versetzten mich in eine andere Dimension, jenseits von Raum und Zeit. Bedeutung und Bezeichnung der ausgesprochenen Wörter waren völlig belanglos, ihr Klang hatte lediglich eine beschwörende und geheimnisvolle Funktion, die meiner Seele in Erinnerung rief, was schon sehr viel früher geschehen war oder erst noch passieren würde. Offenbarungen, alte Weissagungen. Die Melodie seiner Stimme stieß alle Türen meines Herzens auf und ließ die Gedanken verstummen, ja blendete sie geradezu aus.
Gab es ein Wissen jenseits dessen, was man aus den Büchern der Universitäten beziehen kann, den Mastern in Psychagogik, den Seminaren über Kulturanthropologie?

Sie fühlte sich immer verwirrter. Das Gefühl wuchs unverhältnismäßig stärker als das Bewusstsein, dass sie sich nicht lieben konnten, aus tausend Gründen. Dennoch bewegte sie sich wie bei einem Balanceakt auf einem äußerst schmalen Grat zwischen dem Alles und dem Nichts langsam und vorsichtig auf ihn zu. Es war wie ein Ballett, eine zermürbende Choreographie, zwei Schritte vor, drei zurück, er zog sie zu sich heran und stieß sie dann wieder weit von sich, wo sie dann alleine, benommen und sich selbst fremd wieder auf dem Boden landete. Letztlich wollte sie gar nicht wissen, wie die Dinge wirklich standen. Obwohl ich es ihr tausendmal geraten hatte, hatte sie nie ausdrücklich etwas von ihm verlangen wollen. Vielleicht deshalb, weil sie die Wahrheit schon kannte. Eine Wahrheit, die ihr Angst machte. Dann bot man ihm eines Tages einen Lehrstuhl für Entwicklungsneuropsychiatrie in Bombay an, und er reiste ab.

Vor seiner Abreise gab er mir seine E-Mail-Adresse. So fingen wir an, uns zu schreiben. Zunächst einzelne, vorsichtige Mitteilungen, dann öfters welche, Anspielungen, vage Versprechungen, Pausen und ewig währende, aber gleichzeitig wohltuende Funkstille. Während dieser langen Unterbrechungen beschloss ich eigentlich, nicht länger in diesem Zustand der Ungewissheit zu verharren, sondern aufzuwachen und mein Leben in die Hand zu nehmen. Wenn es mir gelingen sollte, den richtigen Abstand zu den Ereignissen und zu meinen Gefühlen zu gewinnen, den nötigen Abstand, um unbeschwert und wirklich zu leben, ganz in mich selbst versunken, würde die Vorfreude verschwinden, ihn eines Tages wiederzusehen, und sei es nur für einen Augenblick – das war meine Befürchtung. Denn immer dann, wenn ich es am wenigsten erwartete, überkam mich ein absurdes Glücksgefühl, das an eine bizarre Sehnsucht nach noch nicht eingetroffenen Ereignissen, nach unerforschten und unbekannten Orten gebunden war. Ein Urempfinden, ein atavistisches Verlangen jenseits der Sterne und der Zeit, welches das alte Herz heimsuchte, die Gedanken verwirrte und alle Absichten zunichtemachte.
Endlich klingelte das Telefon, ciao, ich bin’s. Unmöglich zu sagen, wie lange so ein Telefongespräch dauerte: fünf Minuten, fünf Stunden, fünf Jahre. Einmal sagte ich zu ihm, er sei wie ein leuchtender kleiner Punkt in meinem Verstand, und dann fragte ich mich, ob die Annahme richtig sei, dass meine Gefühle für ihn im Verstand anzusiedeln seien und nicht im Herzen, und ich kam zu dem Schluss, dass es sich tatsächlich so verhielt. Er war ein ständiger, aber verhaltener Gedanke, der auf den Verstand beschränkt bleiben sollte, von wo aus ich ihn unter Kontrolle halten konnte. Wenn er, wie bereits geschehen, ins Herz abdriftete, an seinen natürlichen Ort, würde er sich ausbreiten, um sich greifen. Doch da er nicht ans Licht kommen, nicht ausgetragen werden konnte, sondern in mir bleiben musste, würde er früher oder später explodieren und mich zerreißen.

Jahre zuvor hatte sie einem Lächeln von ihm gestattet, sich in Zärtlichkeit zu verwandeln, in ihre Eingeweide einzudringen und sich dort breit zu machen. Als er zu ihr sagte, mehr könnten sie nicht haben, da die Umstände dies nicht zuließen, blieb sie stundenlang weinend im Jardin du Luxembourg stehen, mit ihrem pochenden, blutenden und liebesschwangeren Herzen in der Hand. Ich holte sie dort ab, aufgelöst wie sie war, und brachte sie nach Hause. Sie bebte vor Mut bei dem Gedanken, dass sie ihn nie würde lieben können, und sie wusste, dass er ihr immer fehlen würde.

Daraufhin tat ich das einzig Mögliche. Ich ließ zu, dass die Lava der Liebe langsam versiegte, aus meinem Herzen verschwand, durch Nase, Mund und Ohren, und sich auf alle Menschen übertrug, denen ich begegnete und die ich um mich hatte. Auf diese Weise gelang es mir, nicht innerlich an der Liebe zu verbluten: mit Wärme, Leidenschaft und Dankbarkeit umarmte ich alle und lächelte jeden an. Sie halfen mir, nicht zu sterben. Das unermessliche Gefühl, das ich für ihn empfand, überlebte ich, indem ich es verwandelte und anderen schenkte.
Einen Funken davon habe ich noch aufbewahrt, jenes glimmende Pünktchen, das ich in meinem Verstand hüte, in der Erinnerung, im Exil der Liebe, von wo aus es keinen Schaden anrichten kann.
 
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