Lightness / Licht und Leichtigkeit

Laura Mautone
05.04.2016
 
Lightness / Licht und Leichtigkeit

Für Elsa und Tony

Ring the bells that still can ring.
Forget your perfect offering.
There is a crack in everything.
That's how the light gets in.
Leonhard Cohen




Geordnet fahren die englischen Züge die Gleise entlang. Lautlos und wie schwebend gleiten sie durch das Land. Der Blick geht zum Meer. Die Farben an der Küste sind schlammig, landeinwärts zeigt sich die Landschaft dagegen in sattem Grün, mit gelben Punkten: blumenbedeckte Wiesen. Hügel liegen sanft auf dem Land und sind üppig mit Bäumen und Pflanzen bedeckt. Freiheit war es, die sie verspürte, wie sie da saß, in ihrem Zugabteil. Ihre Lungen füllten sich und sie atmete durch, wie sie es seit Jahren nicht mehr getan hatte. Sie war auf der Suche nach dem Licht, nach jenem so klaren und dünnen Licht, das viele Künstler nur dort gefunden hatten. Ob es die Gezeiten waren, die, gut sichtbar, kamen und langsam wieder gingen, ob es der Wind war, der die Wiesen streichelte, ob es die Wolken waren, die die Sonne nährten, oder die Leuchttürme entlang der Küste, die die Klippen hüteten, dieser Ort hatte schon viele am Anfang des 20. Jahrhunderts inspiriert. Warum sollte es nicht auch für sie so sein?
Nach einer Kurve drang plötzlich ein gelb-blau gefärbter Streifen durch das Fenster: ein riesiger, absolut einsamer Strand aus goldenem Sand. In großen Lachen Meereswasser spiegelten sich Teile des Himmels, in denen die Wolken sich jagten. Ein atemberaubender Blick. So klebte sie bis zu ihrer Ankunft mit der Nase am Fenster. Ein winzig kleiner Bahnhof empfing sie, ihr schien gleich, der Ort sei irgendwie verzaubert.
Elsa war eine junge Malerin. Obwohl sie in den Bergen geboren wurde, liebte sie das Meer über alles. Sie war dort hingekommen, ohne zu wissen, was sie erwarten sollte. Bevor sie eine Reise antrat, forschte sie nie allzu genau im Internet nach. Es gefiel ihr, die Welt selbst zu erkunden. Der Malkurs wurde im Barbara Hepworth–Museum abgehalten, einem kleinen Museum, das in der Wohnung, in der die Künstlerin gewohnt hatte, eingerichtet worden war. Ihr Studio und der Garten mit ihren Skulpturen waren noch da. Dort, zwischen hohlen, mit Löchern, die wie Augen aussahen, versehenen Zylindern und Monolithen herum zu wandern im sonnenumströmten Grün, das war, als würde man auf das Licht am Anfang der Zeit stoßen.
„Das Licht hier ist wirklich einzigartig. Ist es immer so oder nur nach dem Regen?“, fragte Elsa. Es waren Tage der Stille gewesen, und manchmal hatte sie es wirklich nötig, Laute zu artikulieren, als müsse sie sich selbst beweisen, dass sie dazu noch fähig war.
„Hier ist es immer so. Hier, in diesem Stück Paradies, ist das Licht wie am Anfang des Lebens auf Erden. Es wechselt, sicher. Das ist typisch für England, doch das Licht hier hat immer schon die Maler inspiriert, angefangen bei Turner“, hatte der Museumswächter gesagt.
„Es ist absolut durchsichtig. Es mag paradox klingen, doch das Licht hier ist so … leicht“, fügte Elsa hinzu.
„So wie das Licht wechselt auch die Landschaft, Darling, das ist die Leichtigkeit“, sagte er abschließend, damit das Gespräch nicht zu persönlich würde.
Die Dozentin des Malkurses war eine elegante Dame mit japanischen Gesichtszügen. Jeder Teilnehmer hatte sich eine Stelle im Garten ausgesucht. Die Dozentin spazierte still zwischen ihnen umher.
Am nächsten Tag schien die Sonne, doch ein kühler Wind blies Elsa kalt um den Nacken. Sie nahm gerade an einer Führung durch das Städtchen teil. Der Reiseleiter war ein sechzigjähriger, sehr gewitzter Mann. Während der Führung besuchten sie auch einen Friedhof auf der Spitze eines Hügels, direkt über dem Meer. Dort erzählte er ihnen die Geschichte des Alfred Wallis, eines Malers, der Zeit seines Lebens nur Leuchttürme gemalt hatte. Leuchttürme aus der Ferne, im Vordergrund, beim Sonnenuntergang oder bei stärkstem Wellengang. Sein Grab war aus rostfarbenen Keramik-Kacheln gebaut, darauf waren ein weißer Leuchtturm und ein Schatten, der durch die leicht geöffnete Tür eindrang, zu sehen.
„Bedenken Sie, dass er in seinem ganzen Leben nicht einen einzigen Leuchtturm betreten hat”, sagte der Leiter.
Am Nachmittag des folgenden Tages war die Dozentin lange vor ihrem Bild stehen geblieben. Sie hatte eine Skulptur gewählt, deren Titel „Fluss“ war: ein Bronzezylinder mit einem Loch, in dem sich eine kleine Wasserlache gebildet hatte.
Am nächsten Morgen nahm sie an einem anderen Ausflug teil, wieder mit demselben Leiter. Tony war ein emeritierter Englischlehrer. Das Wetter war schön, trotzdem war es ziemlich ungemütlich. Das Boot war klein, die Segel komischerweise braun. Nachdem sie alle die Rettungswesten angezogen hatten, setzten sie sich hin. Es war Flut, man musste sich beeilen, bevor wieder die Ebbe kam und das Boot auf Grund laufen würde.
„Seid gefasst, es wird wohl etwas schaukeln. Vor dem Hafen geht starker Wind“, sagte Tony. Das Geplauder hörte plötzlich auf. Sie segelten auf den Leuchtturm zu, bei vollem Wind, die Gesichter derer, die auf der Windseite saßen, waren angespannt. Es war stürmisch geworden und als sie in die Nähe der Küste kamen, sagte Tony, dass sie nicht den Anker werfen konnten.
„Wie Alfred Wallis“, meinte Elsa, „wir werden unser ganzes Leben lang warten müssen, bis wir zum Leuchtturm kommen.“
Verwundert sagte Tony darauf: „Es hört also doch jemand zu“, wobei er leicht lächelte. „Der Wellengang ist zu stark, um anzudocken.“
Als sie an Land gingen, hielt Tony sie an: „Ich wollte dich zu einem cream tea einladen. Hast du Zeit?“
„Ich besuche gerade eine Malkurs ...“, sagte Elsa leicht verlegen.
“Du malst?”, fragte er.
“Ich versuche es”, erwiderte Elsa, “wir sehen uns ein anderes Mal.”
“Gut, ich freue mich. Wie die Klippe in den Wellen, Darling, das ist die Leichtigkeit”, sagte Tony und ging. Elsa ging zum Kurs und wunderte sich über jene Worte. Das hatte sie schon mal gehört, doch sie wusste nicht mehr, wo.
Am dritten Tag des Kurses sprach Frau Takashi endlich zu ihr. Ihr war aufgefallen, dass der Skulptur etwas fehlte.
„Wie die Materie Form wird, Darling, das ist Leichtigkeit“, sagte sie.
Elsa drehte sich schlagartig um. Es waren dieselben Worte, die sie gesagt hatte. Dann drehte sie sich wieder um, weil sie nicht beleidigt wirken wollte.
Am nächsten Morgen, als sie am Hafen spazierte, traf sie Tony. Er sprach gerade mit einem Journalisten. Er kam sofort zu ihr.
„Na, wann treffen wir uns zum cream tea?“ fragte er. „Jetzt habe ich ein Interview, ab vier Uhr habe ich aber Zeit.“
„Ich muss am Nachmittag leider zum Malkurs”, erwiderte Elsa.
„Ein anderes Mal dann. Apropos, sehr schön, die Ohrringe, die du gestern getragen hast.“
Elsa verabschiedete sich und ging verwundert davon.
„Wie die Farbe sich auf die Leinwand legt, Darling, das ist die Leichtigkeit.“
Der Kurs war zu Ende, sie musste los. Was sie zurückließ, das war dieses Licht und ein verpasstes Abenteuer.
„Wie der Gedanke auf das Papier trifft, Darling, das ist die Leichtigkeit.“
„Wie die Erinnerung in uns dringt, Darling, das ist die Leichtigkeit.“
Sie hörte den Satz wieder und wieder, in allen möglichen Varianten.
Wer weiß, welche Konstellation der Gestirne nötig gewesen wäre, welche Sternschnuppe sich hätte zeigen müssen, in jenem August, um die passenden Umstände herzustellen. Ein anderer August wohl, Nahrung für die Seele.

Aus dem Italienischen von Lorenzo Bonosi
 
Twitter Facebook Drucken