Little Winnetou

Beatrix Erhard
27.02.2019
 
Little Winnetou
Einen Schritt nach dem anderen, einen Schritt nach dem anderen. Lenny starrt auf seine Füße, die in hellen Hirschleder-Mokassins stecken, von Kleiner Sonne mit roten, hellblauen und lila Wollfäden bestickt. Sonnenflecken bedecken den Boden, die Lennys weiße Hirschleder-Hosenbeine aufleuchten lassen. Er fühlt, wie seine Hand gedrückt wird und schaut auf zu Kleiner Sonne. So nennt sein Vater die Mutter – und Lenny auch. Mit einem Lächeln spricht er ihren Kosenamen aus, wenn Lenny und er mal wieder zu spät in die Wohnung zurückkommen, weil sie zu lange im Tipi auf dem Dachboden geblieben sind. Kleine Sonne kann ihnen nie lange böse sein. Meine beiden Indianer sagt sie dann lachend und umarmt Intschu tschuna, was in der Sprache der Mescalero-Apachen „die Große Sonne“ bedeutet.
Heute vor einer Woche noch saß Lenny mit Intschu – so nennt er ihn – im Tipi und sie haben Pläne fürs Wochenende geschmiedet. Zu einem Wolfsgehege wollten sie fahren, ein echtes Wolfsrudel beobachten. Dann ist Intschu wie jeden ersten Freitag im Monat abends auf sein Rad gestiegen, um sich mit seinen Kumpels in einer Kneipe zu treffen. Lenny musste dann ins Bett. Und als er am nächsten Morgen aufwachte, war alles anders.
Alles.

Jetzt treten sie aus der Kirche. Kleine Sonne starrt geradeaus, ins Leere. Hält seine kleine Hand so fest umklammert, dass es Lenny weh tut. Aber er protestiert nicht. So geht es über den Friedhof, der riesig groß ist. In der hintersten Ecke, direkt am Waldrand bleiben sie neben einem mit Tannenzweigen umrandeten kleinen Loch in der Erde stehen. Lenny und seine Mutter stellen sich auf die eine Seite. Ihnen gegenüber reiht sich eine dunkle Wand aus Menschen auf. Lenny fühlt ihre Blicke auf sich. Ein Mann im grauen Anzug versenkt einen Behälter in dem kleinen Loch. Darin soll angeblich Intschu jetzt sein. Das ist zu viel. Nur weg, denkt Lenny, nur weg hier. Er reißt sich von Kleiner Sonne los, zwängt sich durch die dunkle Wand und läuft davon.

Drei Tage später. Lenny reißt die Tür auf und stürmt ins Klassenzimmer. Die Lehrerin fährt erschrocken herum. „T’schuldigung, Frau Peine.“ Er strahlt seine Lehrerin an. Sie ist eigentlich ganz in Ordnung.
Die anderen Kinder starren auf ihn, einige kichern und tuscheln. Frau Peine hat sich wieder gefangen und räuspert sich. „Seid bitte still, Kinder!“, ruft sie. Dann wendet sie sich Lenny zu. „Lenard, du kommst früher zurück in die Schule als erwartet.“ Sie schaut sich etwas unsicher um. „Nun denn, dann willkommen zurück.“ Lenny nickt, dreht sich um und geht zu seinem Platz in der dritten Reihe. Er sitzt zwischen Moritz und Alya. Moritz grinst ihn scheu an, Alya schaut ernst. Wie eigentlich immer. Nur diesmal mustert sie ihn mit einem ungläubigen Blick. „Was ist das für ein Anzug?“, flüstert sie, die Worte etwas abgehackt, wie Lenny immer findet. „Das ist kein Anzug, ich bin Little Winnetou“, flüstert Lenny zurück. Alya will noch etwas sagen, verstummt dann und beugt sich wieder über das Buch mit den Schreibübungen. Sie ist eine begeisterte Schülerin und lernt sehr schnell. Es senkt sich wieder Ruhe über die Klasse, nur das schabende Geräusch der Stifte ist zu hören.
„Frau Peine, stimmt es, dass Lennys Vater von einem Auto totgefahren wurde?“
Die helle Stimme von Moritz.
„Darf er deshalb als Indianer verkleidet in die Schule kommen und wir nicht?“
Nachdem Moritz herausgeplatzt ist mit seinen beiden Fragen, herrscht vollkommene Stille. Alle schauen erwartungsvoll auf Frau Peine – alle außer Lenny, der aus dem Fenster starrt, mit knallrotem Kopf – doch Frau Peine hat es die Sprache verschlagen. Da steht Alya auf, greift nach Lennys Hand und zieht ihn hoch. „Uns ist schlecht, wir müssen an die frische Luft, Frau Peine, bitte.“ Ohne eine Antwort abzuwarten zieht sie ihn hinter sich her, zur Tür hinaus, runter auf den leeren Schulhof. Lenny lässt alles mit sich geschehen.
Alya legt ihre rechte Hand auf die Stelle, wo das Herz ist. „Mach’s mir nach!“, fordert sie ihn auf. Lenny tut wie geheißen und schaut sie erwartungsvoll an. Mit ihren langen schwarzen Haaren könnte sie Nscho-tschi sein, Winnetous Schwester. Lenny will es ihr gerade sagen, doch Alya schüttelt energisch den Kopf. „Nicht sprechen, fühlen.“ Lenny ist ratlos. „Was meinst du?“, fragt er. Alya blickt ihm fest in die Augen. „Mein Baba ist auch tot. Im Krieg in Syria. Ich weiß es, weil ich es fühle. Hier“, sie klopft sich aufs Herz. „Mama will es nicht glauben, seit zwei Jahren. Seit wir hier sind. Aber ich weiß es besser.“ Tränen füllen Alyas Augen. „Tut sehr weh. Wird immer sehr weh tun.“
Lenny reicht es jetzt. „Was hat mein Vater mit deinem Vater zu tun?“, schreit er. „Was ist, wenn er gar nicht tot ist? Vielleicht kommt er wieder nach Hause und alles ist wie früher? Ja, ganz bestimmt tut er das!“
Alya schaut ihn ungerührt an. „Frau Peine sagt, du warst auf der Beerdigung. Dann ist es sicher. Ich war auf keiner Beerdigung. Und weiß es trotzdem.“
Darauf weiß Lenny nichts zu antworten.
„Du wirst es wissen. Und fühlen. Und wissen. Und dann wieder fühlen. Immer so weiter“, Alya spricht jetzt ruhiger und streift sich mit den Händen die Tränen von den Wangen. „Die anderen verstehen nicht, wie das ist, wenn der Baba tot ist. Aber du und ich, wir wissen es.“ Alya zupft an den Fransen von Lennys Indianer-Outfit. „Komm, Little Winnetou. Wir müssen zurück in die Klasse. Ich will nichts versäumen.“

Später am Tag. Lenny rollt sich auf den Rücken, legt die rechte Hand aufs Herz und schaut nach oben in die Spitze des Tipis. Zum ersten Mal, seit Intschu weg ist, fühlt er sich hier wieder geborgen. Und wird doch immer trauriger. „Lenny, wo bleibst du? Es gibt gleich Abendbrot.“ Kleine Sonnes Kopf schiebt sich in Lennys Gesichtsfeld, die Wände des Tipis wackeln gefährlich.
Sie erstarrt. „Du weinst ja! Endlich weinst du!“
Lenny schluckt, versucht zu sprechen, flüstert.
„Der Papa ist tot.“
 
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