Manhattan Transfer

Lucy Bauer
19.01.2014
 
Manhattan Transfer
Ellis Island, 23. Juli 1923

Liebe Agnes,
Wir sind angekommen. Aber hier werden wir noch nicht bleiben, weißt du. Es ist eine winzige Insel, auf die sie dich zuerst hinbringen, und ein Arzt untersucht dich um festzustellen, ob du krank bist. Sie sind sehr heikel, wen sie nach New York lassen. Es muss einfach ein toller Ort sein.

Jim freut sich wie ein Schneekönig, dass er einreisen darf ins Land der Versprechen, der Straßen aus goldenen Pflastersteinen, wahr gewordener Traum. Du weißt ja wie er ist, ein schrecklicher Schwafler, wenn er einen Drink intus hat. Er meint, all die Entbehrungen und das eiserne Sparen waren es wert die Tickets zu kaufen. Jetzt wird alles gut, wir werden nie wieder arm sein, denn es gibt genug Arbeit. Er sagt, dass sie hier die Schotten mögen, weil sie fleißige Arbeiter sind. Fleißige Trinker auch, wenn du mich fragst. Der Whisky ist hier bestimmt nicht billiger als in Glasgow. Hoffentlich haben sie genug Fusel, jetzt wo Jim auch noch gekommen ist.

Die Überfahrt war schlimm, die See war rau und die Kleinen waren die ganze Zeit krank. Kleine Räume sind mir nicht fremd, aber unser Kabine war mini-klein für uns sechs Leute. Das Kindergejammer ist Jim ziemlich auf die Nerven gegangen. Er ist mit einem Iren aus der Nachbarkabine zusammengekommen, einem Nichtsnutz und Vater von Vieren. Auf Jim ist Verlass, sogar mitten auf hoher See findet er einen Trinkkumpan. Ich weiß nicht, wo er die Nächte verbracht hat, aber bei uns nicht.

Wir können New York City von hier aus sehen. Die meisten sind schon mit der kleinen Fähre hinübergefahren. Aber wir und noch ein paar andere sind noch da. Der Arzt sagt, irgendwas stimmt nicht mit unserer Meg, sie hustet die ganze Zeit und ihre Augen tränen ständig, die Arme. Es hat am Schiff angefangen. Es ging ihr gut, als wir Glasgow verlassen haben. Es ist nicht schlechter geworden, aber so lassen sie uns nicht nach New York einreisen. Was immer es ist, ich schwöre sie hat es von diesen Irischen Kindern aus der Nachbarkabine aufgegabelt.

Deine
Jessie



Jamie hat auf sie mit breitem Grinsen in der Ankunftshalle gewartet. Jessica hat dementsprechend dankbare Geräusche von sich gegeben und ihre Arme um seinen Hals gelegt, als er ihr die Rosen gab. Sie hat sich im Stillen selbst dafür gerügt, dass sie sich über die billigen Supermarktrosen geärgert hat, offensichtlich sind manche Dinge in New York wie in Glasgow. Jamie hat ja noch nicht lange hier gearbeitet und Blumen waren wahrscheinlich eine Extravaganz, die er sich nicht wirklich leisten konnte. Sie war begeistert, endlich in New York zu sein; nichts anderes spielte eine Rolle.

Als sie ihm auf der ratternden Zugfahrt in sein neues Heim in Manhattan gegenüber saß, fiel ihr auf, wie sie den Mann, der ja eigentlich ihr Geliebter war, prüfend betrachtete. Den Mann, dessen Traum schon begann, Wirklichkeit zu werden, sofern seine enthusiastischen Meldungen via Skype stimmten. Die lässig getragene Baseballkappe sah schräg aus zu der etwas dicklich gewordenen Taille, die sich über dem Hosenbund hinauszwängte. Er sah eher wie ein mittelalterlicher Tourist aus, als ein dreißig Jahre alter Wissenschaftler, der vor sechs Monaten den Flughafen in Glasgow verlassen hatte. Er folgte ihrem starren Blick und klopfte sich sein Bäuchlein mit einem heiteren Lächeln.

"Keine Zeit fürs Fitnesstraining – meist arbeite ich bis spät in die Nacht. Und natürlich zu viele Burgers gegessen. Deshalb brauche ich dich hier Jess, damit du mich mit gesundem Essen versorgst. Warte nur, bis du die unglaublichen Dinge sehen kannst, die du in den Delis hier bekommst....."

Und er ergeht sich in einem seiner Loblieder auf Manhattan, auf jene Art, die sie ohnehin schon kannte. Unabänderlich endeten sie mit der Behauptung, dass New York der einzige Platz auf Erde sei, auf dem es sich zu leben lohnt und er es nicht erwarten könne, sie bei sich zu haben. Jessica war mehr als bereit, sich in New York zu verlieben; Sie war bezaubert von den himmelhohen Türmen, dem urbanen Märchenland mit der blättrigen Oase im Herzen der Stadt. Aber hierherzukommen und zu bleiben war eine ganz andere Sache. Und doch, so reflektierte sie, was spricht dagegen, es doch einmal zu versuchen, wenigstens für eine Weile. So viel Optimismus und Möglichkeiten! Jamie bestätigte ihre Gedanken: „Du kannst all das haben, wovon du geträumt hast.“ Seine Bezahlung bei der Arbeit war miserabel, aber er hatte einen Fuß in der Tür und harte Arbeiter würden gut belohnt, sagte er, „die Chancen sind unbegrenzt in NYC, … und dann kannst du einfach hierbleiben. Was wirst du unter der Woche machen, während ich arbeite? Außer dich nach mir zu sehnen, natürlich?"
Der abrupte Themenwechsel riss Jessica aus ihren Gedanken.

"Ich besorge mir diesen City-Pass und sehe mir die Sehenswürdigkeiten an", erwiderte sie.
"Das ist nicht dein Ernst, Jess! Das kostet ein Vermögen!"

Eine abfällige Geste von Jamie zeigte ihr, dass er meinte, sie habe wohl ihren Verstand verloren.
Der Jamie in Glasgow hatte niemals so reagiert. Jessica fragte sich, ob er diese Bewegung hier aufgeschnappt hatte. Sie fand sie arrogant und abwertend.

"Du willst nicht wirklich all die Touristenpfade abtrotten, oder?" fuhr er fort. "Ich meine, geh aufs Empire State Building, wenn du unbedingt willst. Aber mit mir lernst du hier das richtige New Yorker Leben kennen, weißt du? Den Alltag in Manhattan! Sieh dir die Geschäfte in der Nachbarschaft an, kauf vielleicht einige Lebensmittel ein? Dann könnten wir zusammen gemütliche Abende verbringen. Miteinander reden und überlegen, welche Art von Arbeit du hier machen könntest, während wir eine deiner kulinarischen Köstlichkeiten genießen?“

Er grinste und hob eine Augenbraue. Jessica beobachtete ihn ohne Unterbrechung. Jamie hat offensichtlich eine verborgene Vorstellung, und die war anders als die ihre.

„Nun, ich möchte ganz bestimmt nach Ellis Island. Erinnerst du dich an die Urgroßmutter, von der ich dir erzählt habe? Diejenige nach der ich benannt bin und die in den Zwanzigerjahren emigriert ist? Ich wollte schon immer nach ihr suchen und in den Aufzeichnungen nachsehen, ob sie aufscheint, um vielleicht herauszufinden, was passiert ist."
„Wie auch immer." Ein düsterer Beigeschmack hatte sich in Jamies Stimme geschlichen. "Ich kann nicht wirklich verstehen, zu was es gut sein soll in der Vergangenheit zu graben. Sicherlich ist die Zukunft das, worauf es ankommt." Plötzlich stand er auf. "Das ist unsere Haltestelle. Willkommen in Manhattan!"

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„Willkommen in meiner bescheidenen Wohnung" waren seine Worte, als er die Türe zum Apartment öffnete. Um sicher zu gehen, hatte er Jessica auf das Schlimmste vorbereitet. Der Spaziergang von der U-Bahn-Station zu seiner Bleibe hatte eine Seite von Manhattan offenbart, die in ihrem Fremdenführer nicht erwähnt war. Und sie war nicht so naiv gewesen zu glauben, dass er sich etwas anderes als eine sehr bescheidene Wohnung hätte leisten können – aber Bruchbude wäre eine bessere Beschreibung seiner schäbigen Behausung gewesen. Die Tatsache, dass ein Gitterfenster eine Aussicht auf eine Ziegelwand preisgab, hatte sie am meisten gestört – so viel zum Land der Freiheit. Sie hatte der Versuchung widerstanden und eine zynische Bemerkung unterlassen, auch wenn sie ihn sehr gerne gefragt hätte, ob das wirklich alles war, was er sich leisten konnte. Sie spürte, dass er sich wünschte, sie drückte ein Auge zu und sähe darüber hinweg. Großzügig nahm sie sein Angebot an, in seinem schmalen Bett zu schlafen, während er sich am Boden ein enges Plätzchen fand, mit dem Koffer als Kissen.

Und die Schlafstätte war nicht das Einzige, an dem sie getrennte Wege gingen. Jessica verbrachte exquisite Tage, an denen sie die Schätze Manhattans entdeckte, eine Touristin, die sich in den Bann der Stadt ziehen ließ, mithilfe ihres Fremdenführers, die abends müde, aber glücklich ins Bett fiel und einen Jamie neben sich auf dem Koffer liegen ließ, in dessen Gesicht das TV Licht flackerte, daneben eine Schüssel Popcorn und eine Dose Bier stand und der unerschütterlich den Amerikanischen Traum weiterträumte, während er bei einem Baseball Spiel vor dem kleinen Fernseher einschlief.

Jetzt, am letzten Tag ihres Aufenthaltes, saß Jessica auf einer Bank im Battery Park. Als sie über das glänzende Meer schaute, kam ihr nur eine einzige Enttäuschung in den Sinn, die sie in dieser Woche erlebt hatte: Ellis Island war gesperrt, zumindest bis es eine Sturm-Entwarnung geben würde, wegen Hurrican Sandy. Warum nur hatte ihre Urgroßmutter, die schon vierfache Mutter war, als sie so alt war wie sie, ihren Ehemann zurückgelassen, um allein mit ihren Kindern nach Glasgow zurückzukehren, ohne jemals die Straßen Manhattans betreten zu haben?
Sollte sie dieses Geheimnis noch lüften können, dann sicher nicht auf Ellis Island. Denn Jessica glaubte nicht, dass sie nach New York zurückkommen würde, zumindest nicht in naher Zukunft.
"Ich war dort, hab‘s erlebt und mein T-Shirt ergattert", lächelte sie sich selbst zu. Sie öffnete den Reiseführer und las: "Obwohl sie als die Insel der Tränen bekannt war, wurden die meisten Immigranten gut versorgt konnten nach nur wenigen Stunden auf Ellis Island ihren Aufenthalt in Amerika beginnen. Nur 2 % der Neuankömmlinge durften nicht auf das Festland, ein Grund dafür war eine ansteckende Krankheit." Jessica starrte auf die Freiheitsstatue, die in der Ferne ihre Fackel hochhielt und wunderte sich. Hatte ihr Großvater nicht von zwei Geschwistern gesprochen, die bei der Heimreise gestorben waren?


Liebe Agnes, Ellis Island, 25. Juli, 1923

Wir kommen zurück, ich und die Kleinen. Sie sagen, dass sie Meg nicht aufnehmen können, weil sie ernsthaft krank ist. Jim ist allein nach New York weiter. Er sagt, es wäre eine Zeitvergeudung für ihn, wieder zurückzugehen. Er könne gutes Geld verdienen und es uns dann zuschicken.
Wie soll ich fünf hungrige Mäuler stopfen, wenn er das Geld versäuft oder sich eine andere Frau nimmt? Wie soll ich über die Runden kommen? Wo in Gottes Namen sollen wir wohnen? Er hat sein wahres Gesicht gezeigt, Agnes, und ich bin wirklich sauer! Dieses Amerika-Ding war wirklich nur seine Sache. Er sagt, wir können später nachkommen, wenn es Meg besser geht, aber er meint es nicht so. Mein Entschluss ist gefasst. Ich will ihn und diesen Ort nie wieder sehen.
Würdest du uns bitte beim Hafen in Glasgow abholen?

Auf ewig deine

Jessie

 
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